Seit dem Wochenende kursiert ein Screenshot, auf dem der frühere Welt-Herausgeber von Thiels Hand und Thiels Küssen schwärmt. Er ist sehr wahrscheinlich gefälscht. Gebraucht hätte es ihn ohnehin nicht.
Champagner, gedämpftes Licht, eine Hand, die einen Moment zu lange liegen bleibt. So beginnt der Text, den Ulf Poschardt am 3. Oktober um 23.58 Uhr über Peter Thiel gepostet haben soll. In seiner Timeline steht um 23.51 Uhr ein Post über den Untergang der „schrottkultur“, der nächste folgt am Morgen. Dazwischen ist nichts zu finden.
Wir hätten aus dem Screenshot ein Coming-out basteln können, mit Konfetti und Regenbogenfahne. Wir lassen es. Schwulsein taugt in diesem Magazin nicht als Pointe gegen irgendwen, auch nicht gegen Ulf Poschardt. Das Original reicht völlig.
Seine Taylor Swift
Foto: Screenshot WELT „Alles wird gut“ / X
Am 24. September überreichte Axel Springer in Berlin seinen Award an Peter Thiel. Am selben Tag schrieb Poschardt auf X: „PETER THIEL 😇 😍“. Für die Springer-Sendung „Alles wird gut“ legte er nach, der Teaser zitiert ihn mit dem Satz: „Peter Thiel ist meine Taylor Swift“.
Eine Nutzerin kommentierte das am 3. Oktober mit einem einzigen Wort: „Grundgütiger!“ Poschardt antwortete um 21.07 Uhr: „jetzt werden die linken süssmäuse auch noch homophob“. Das war knapp drei Stunden vor dem angeblichen Zeitpunkt des Fakes. Der Vorwurf galt also nicht der Fälschung, sondern einem Stoßseufzer.
Homophob nach Bedarf
Am nächsten Mittag zitierte Poschardt eine Meldung seines früheren Hauses: Eine zehnköpfige arabische Jugendgruppe hatte ein schwules Paar angegriffen. Sein Kommentar: „queers for palastine 🍉🏳️🌈🏳️⚧️“. Sein Spott galt nicht den Angreifern, sondern queeren Palästina-Unterstützer*innen.
Homophobie ist bei ihm also ein Vorwurf, wenn jemand über seine Schwärmerei für einen Milliardär seufzt. Wird ein schwules Paar angegriffen, liefert sie den Stoff für einen Seitenhieb gegen Queers. Einen Satz zu dem Paar selbst sucht man in der Timeline vergeblich.
Wer sich hier bückt
Poschardts jüngstes Buch heißt „Bückbürgertum“. Gemeint sein dürften die anderen: die Angepassten, die Gefälligen, die sich vor jeder Obrigkeit verneigen.
Zur Erinnerung, vor wem er sich verneigt. Thiel hat bezweifelt, dass Freiheit und Demokratie vereinbar sind. Er finanzierte verdeckt die Klage, an der das Medienhaus Gawker zugrunde ging. Springer ehrt ihn nun ausgerechnet im Namen der Meinungsfreiheit. Der Konzern arbeitet übrigens selbst mit Software von Thiels Palantir. Der DJV-Vorsitzende Mika Beuster nannte die Ehrung mit den Werten des Hauses „überhaupt nicht vereinbar“.
Man stelle sich vor, ein Journalist der politischen Linken hätte einen Milliardär seine Taylor Swift genannt, der mit fremder Klage ein konservatives Medium versenkt hat. Das Wort „Hofberichterstattung“ wäre schneller gefallen als der erste Korken. Beim eigenen Lager heißt dieselbe Geste Nonkonformismus.
Ein Vorschlag zur Güte für die nächste Preisverleihung: Wer ein Zeichen gegen das Bückbürgertum setzen will, kann beim Champagner einfach sitzen bleiben.