Kaum erscheinen neue Kriminalstatistiken zu Sexualdelikten, folgen zwei vorhersehbare Reaktionen: Die eine betont, dass nicht alle Männer Täter seien. Die andere, dass Frauen überall in Gefahr seien. Beide Sätze stimmen und beide lenken vom Wesentlichen ab. Denn die Polizeiliche Kriminalstatistik 2025 (PKS), die das Bundeskriminalamt (BKA) kürzlich veröffentlicht hat, erzählt eine nüchternere Geschichte: Fast alle Tatverdächtigen bei schweren Sexualdelikten sind Männer. Und fast alle Opfer sind Frauen. Das ist kein Vorurteil, das sind Zahlen.
Die Täterstruktur: Eins bleibt gleich
2025 wurden 12.306 Tatverdächtige wegen Vergewaltigung, sexueller Nötigung und sexuellem Übergriff im besonders schweren Fall ermittelt: 98,6 Prozent davon waren männlich. Damit liegt der Männeranteil bei diesen Taten nochmals deutlich über dem ohnehin hohen Schnitt der allgemeinen Gewaltkriminalität, bei der 74,1 Prozent der Tatverdächtigen männlich waren. Die Opferseite spiegelt dieses massive Ungleichgewicht: 91,3 Prozent der Opfer von Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung waren weiblich.
Foto: Eigene Darstellung (unter Verwendung von KI-Unterstützung)
Der Mythos vom Fremden im dunklen Park
Ein Viertel dieser Opfer waren Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren, weitere 14,8 Prozent Heranwachsende. Schwere Sexualdelikte treffen also besonders häufig junge Menschen in einer Lebensphase, in der sie gerade beginnen, sich im öffentlichen und privaten Raum zu bewegen. Und wo findet die Tat statt? In rund drei Viertel der Fälle kannten sich Opfer und Tatverdächtiger vor der Tat: Partner, Bekannte, Familienangehörige. Die Delikte wurden überwiegend im privaten Wohnbereich begangen. Die öffentliche Vorstellung vom Täter als Fremder im Park oder in der dunklen Gasse entspricht statistisch der Ausnahme.
Warum wir heute Taten von gestern zählen
Insgesamt verzeichnet die PKS 2025 rund 8,5 Prozent mehr Fälle von Vergewaltigung, sexueller Nötigung und schweren sexuellen Übergriffen als im Vorjahr. Im Vergleich zum Vor-Pandemie-Jahr 2019 ist es sogar ein Anstieg um gut die Hälfte. Aber bedeutet das zwingend, dass Deutschland gefährlicher geworden ist? Die Daten legen eine andere Interpretation nahe: Wir erleben derzeit eine massive Verschiebung vom Dunkel- in das Hellfeld. Fast die Hälfte der 2025 registrierten Fälle wurde erst ein Jahr oder sogar Jahre nach der eigentlichen Tat angezeigt. Dass dieses Dunkelfeld tatsächlich schrumpft, belegt die bundesweite Dunkelfeldstudie „Sicherheit und Kriminalität in Deutschland“ (SKiD 2024). Während die Studie zeigt, dass die tatsächliche Opferwerdung (die Anzahl der Menschen, denen etwas passiert ist) über die Jahre weitgehend stabil geblieben ist, hat sich die Anzeigenbereitschaft signifikant erhöht.
Die Gesetzesreform von 2016 („Nein heißt Nein“), die MeToo-Debatte und eine sensiblere Öffentlichkeit haben dazu geführt, dass Betroffene heute eher den Weg zur Polizei finden. Was wir in der Statistik sehen, ist also kein plötzlicher Anstieg der Gewalt, sondern ein Fortschritt bei deren Sichtbarkeit: Die Justiz holt die Taten von gestern heute ein.
Missbrauch per Mausklick
Beim sexuellen Missbrauch von Kindern stieg die Fallzahl 2025 um nahezu 5 Prozent auf 17.126 Fälle. Ein wesentlicher Teil des Anstiegs entfällt auf Missbrauch ohne Körperkontakt, also auf Einwirkung über digitale Kanäle, Chatverläufe, das Versenden von Bildmaterial. 690 Fälle mehr als im Vorjahr, in denen Kinder über Bildschirme erreicht, manipuliert und ausgebeutet wurden.
#dontsendit
Noch drastischer ist die Entwicklung bei jugendpornografischen Inhalten: 11.515 Fälle wurden 2025 erfasst, ein Plus von rund 20 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Gegenüber 2019 hat sich die Zahl fast versechsfacht, von 1.991 auf 11.515 Fälle. Hier ist das Bild allerdings differenzierter als es auf den ersten Blick scheint. 45,2 Prozent der Tatverdächtigen im Bereich der Verbreitung pornografischer Inhalte insgesamt waren selbst unter 18 Jahre alt. Viele davon sind sogenannte Selbstfilmende: Jugendliche, die eigene Aufnahmen über Messenger-Dienste oder soziale Medien weiterleiten, oft ohne zu wissen, dass sie damit einen Straftatbestand erfüllen. Das BKA reagiert mit der Präventionskampagne #dontsendit.
Was die Zahlen sagen und was nicht
Die PKS 2025 beantwortet keine gesellschaftspolitischen Fragen. Sie beantwortet Fragen wie: Wie viele Fälle wurden erfasst? Wer waren die Tatverdächtigen? Wer waren die Opfer? Die Antworten sind eindeutig: überwiegend männliche Täter, überwiegend weibliche Opfer, überwiegend im sozialen Nahraum. Dieses Muster zieht sich durch alle Herkunftsgruppen, alle Altersklassen, alle Deliktsbereiche der Sexualkriminalität. Nicht alle Männer. Aber fast immer Männer.
*Quellen: Polizeiliche Kriminalstatistik 2025, Bundesministerium des Innern / Bundeskriminalamt, April 2026; Sicherheit und Kriminalität in Deutschland – SKiD 2024, BKA