Es war ein Wahlabend mit zwei Ergebnissen, die sich gegenseitig zu kommentieren scheinen. In Berlin legt Die Linke um 13,4 Punkte zu und kommt nach dem vorläufigen Ergebnis auf 25,7 Prozent der Zweitstimmen, vor der CDU mit 18,8 (minus 9,5), der AfD mit 16,3 (plus 7,2), den Grünen mit 14,3 (minus 4,1) und der SPD mit 12,1 (minus 6,3). Von den 158 Sitzen im Abgeordnetenhaus entfallen 47 auf Die Linke, 34 auf die CDU, 29 auf die AfD, 26 auf die Grünen und 22 auf die SPD. Die Wahlbeteiligung stieg um 11,3 Punkte auf 74,2 Prozent.
In Mecklenburg-Vorpommern gewinnt die AfD mit 38,2 Prozent vor der SPD mit 35,5. Dahinter kommen Die Linke auf 6,5 und die Grünen auf 5,7 Prozent. Die CDU scheitert mit 4,9 Prozent an der Sperrklausel und fehlt damit zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik in einem Landesparlament, das BSW verpasst den Einzug mit 4,8. Schwerin bekommt ein Parlament mit vier Fraktionen, gewählt bei 78,1 Prozent Beteiligung – wobei dort rund jede siebte und in Berlin rund jede achte gültige Stimme an Parteien unterhalb der Fünf-Prozent-Hürde ging.
Acht Kilometer, dreizehn Punkte
Illustration: KI erstellt
Wer diese Ergebnisse queer liest, landet schnell bei einer Erzählung, die viele von uns kennen: Der Kiez ist der sichere Ort, und je weiter man von ihm wegfährt, desto ungemütlicher wird der Heimweg. Der Reflex ist verständlich, und wir teilen ihn. Die Wahlkreisdaten scheinen ihn zu bestätigen. In Berlin reicht der AfD-Anteil von 3,6 Prozent in Friedrichshain-Kreuzberg 2 bis 44,2 Prozent in Marzahn-Hellersdorf 1. Und der Abstand braucht nicht einmal die halbe Stadt: Im nördlichen Schöneberg, Wahlkreis Tempelhof-Schöneberg 2, holt die AfD 6,4 Prozent, in Tempelhof-Schöneberg 6 sind es 20,0. Knapp acht Kilometer, 13,6 Prozentpunkte, ein einziger Bezirk.
Die AfD gewinnt in Marzahn. Angezeigt wird in Mitte und Schöneberg.
Die zweite Karte
Neben die Wahlkarte gehört eine zweite, und sie sieht anders aus. Die Polizei Berlin erfasste 2025 bis zum 30. Dezember 544 queerfeindliche Straftaten, darunter 102 Gewaltdelikte, bei 506 Opfern. 2024 waren es 579 Taten, 2023 mit 690 die bisher meisten, 2021 lag die Zahl bei 529. Nach Bezirken führen Mitte mit 111 und Tempelhof-Schöneberg mit 105, danach Friedrichshain-Kreuzberg mit 85, Neukölln mit 57, Pankow mit 48 und Charlottenburg-Wilmersdorf mit 27. Für die übrigen Bezirke weist die Statistik nur eine Spanne von 13 bis 25 Taten aus. In dieser Gruppe liegt auch Marzahn-Hellersdorf, der Bezirk mit dem höchsten AfD-Ergebnis der Stadt. Dort findet seit Jahren ein CSD statt. Gunnar Lindemann, der sein Direktmandat im Wahlkreis Marzahn-Hellersdorf 1 verteidigt hat, machte wiederholt Stimmung gegen ihn – queer.de dokumentiert das seit mehreren Jahren.
Alle sechs Bezirke, für die die Polizei Einzelwerte ausweist, liegen beim AfD-Anteil unter dem Berliner Schnitt von 16,3 Prozent.
Grafik: KI-erstellt
Queerfeindliche Straftaten nach Bezirk gegen das AfD-Ergebnis. Quelle: Polizei Berlin, Fallaufkommen „geschlechtsbezogene Diversität und/oder sexuelle Orientierung“ bis 30.12.2025, mitgeteilt an den Tagesspiegel; Landeswahlleiter Berlin, vorläufiges Ergebnis vom 21.09.2026. Für die übrigen sechs Bezirke weist die Polizei nur eine Spanne von 13 bis 25 Fällen aus, eine genaue Zahl für Marzahn-Hellersdorf liegt nicht vor.
Beratungsstellen erklären das seit Jahren damit, dass Übergriffe dort geschehen, wo queere Menschen präsent sind, in Kiezen mit Cafés, Bars und Klubs. Die Erklärung stimmt. Bemerkenswert ist, was aus ihr wird: Über die AfD-Hochburg heißt es, dort sei es für queere Menschen gefährlich. Über den Bezirk mit den meisten Anzeigen heißt es, dort lebten eben besonders viele. Die erste Erklärung sucht die Ursache bei denen, die zuschlagen. Die zweite sucht sie bei denen, die getroffen werden.
Was die Zahl nicht kann
Der Einwand liegt auf der Hand: Fallzahlen messen Anzeigen, nicht Taten. Eine niedrige Zahl in Marzahn-Hellersdorf ist kein Sicherheitsnachweis, sie kann ebenso bedeuten, dass dort seltener zur Polizei gegangen wird – das Landeskriminalamt Mecklenburg-Vorpommern führt den Anstieg auf 56 Fälle im Jahr 2025 selbst vor allem auf gestiegene Anzeigebereitschaft zurück. Nur trägt der Einwand nicht in die Gegenrichtung. Dass sich Wahlergebnis und Gewaltaufkommen doch deckungsgleich legen ließen, folgt aus ihm nicht. Belegt ist es nirgends, auch nicht bundesweit, wo das Bundeskriminalamt für 2025 2.377 queerfeindliche Fälle registrierte nach 2.107 im Vorjahr.
Ein Wahlergebnis ist kein Gefahrenindex.
Die 40 Maßnahmen
Was der Wahlabend sehr wohl entscheidet, ist, wer bezahlt. Der scheidende Senat hat im März 40 Maßnahmen angekündigt, um besonders betroffene Orte sicherer zu machen: geschultes Personal im Nahverkehr, zusätzliche Notrufsäulen an Stationen, Sicherheitsrundgänge. Mehr als die Hälfte der Übergriffe passiert im öffentlichen Raum. Ob daraus Haushaltstitel werden, entscheidet die nächste Koalition. Für eine Mehrheit braucht es 80 der 158 Sitze: Die Linke und Grüne kommen zusammen auf 73, mit der SPD auf 95, Die Linke und die CDU auf 81. Rechnerisch möglich ist auch eine Koalition aus CDU, Grünen und SPD mit 82 Sitzen – dann würde mit Stefan Evers zum zweiten Mal nach Klaus Wowereit ein offen schwuler Politiker das Rote Rathaus führen, aus der Partei mit dem zweitschlechtesten Berliner Ergebnis seit dem Zweiten Weltkrieg.
In Schwerin stellt sich dieselbe Frage bei schlechterer Ausgangslage: Manuela Schwesig muss eine Mehrheit ohne die CDU bauen, und über die Arbeit von Verbänden wie MeerVielfalt entscheidet ein Landeshaushalt.
Bleiben wir bei dem, was nachprüfbar ist: Schutz kostet Geld, und das Geld wird jetzt verteilt. Wer queeres Leben nur dort verteidigt, wo es ohnehin sichtbar ist, verteidigt die Hälfte.