Auf simple Nachfragen reagiert sie sofort mit Attacken gegen die Redaktion:
„Ich weise dieses Framing, dass hier die AfD oder Teile der Alternative für Deutschland Rechtsextremisten sind, weise ich aufs Schärfste zurück.“
Mit dem Klick auf das Video stimmst Du diesen Datenschutzbestimmungen von YouTube zu
Eine treffende Satire kursiert im Netz: Selbst bei einem fiktiven Gespräch mit dem sanften Dalai Lama wäre Weidel sofort auf 180. Der Witz funktioniert, weil er die Realität abbildet. Weidels Strategie ist die permanente Eskalation.
Als Chefredakteur will ich hier ganz ehrlich sein: Diese ständige Provokation macht etwas mit mir. Ich kämpfe mein Leben lang gegen rechts. Und trotzdem habe ich mich kürzlich in einem privaten Chat dazu hinreißen lassen, Weidel als „Unperson" zu bezeichnen. Ich habe zwar sofort dazugeschrieben, dass ich das so niemals öffentlich sagen würde. Daraufhin brachte meine Chatpartnerin den Vergleich mit Ernst Röhm – dem schwulen SA-Chef, den die eigene Bewegung ermorden ließ, obwohl er geglaubt hatte, seine Loyalität schütze ihn vor ihrem Hass.
Dass dieses Wort „Unperson" überhaupt in meinem Kopf aufgetaucht ist, hat mich erschreckt. Wie kann es sein, dass ich plötzlich in Kategorien denke, die ich zutiefst verabscheue?
Warum macht sie das mit uns?
Wenn wir das tiefenpsychologisch betrachten, passieren hier drei Dinge gleichzeitig:
- Der ultimative Verrat: Wenn alte, weiße, heterosexuelle Männer gegen queere Rechte hetzen, ist das ein vertrautes Feindbild. Wir kennen das, wir haben Abwehrmechanismen dafür. Weidel aber kommt aus unseren eigenen Reihen. Sie lebt offen lesbisch in einer Regenbogenfamilie. Dass sie eine Partei führt, die genau diesen Lebensentwurf zerstören will, empfinden viele von uns als tiefen Verrat. Und Verrat tut immer mehr weh als ein Angriff von außen. Er erzeugt Ohnmacht und blinde Wut.
- Der Kurzschluss im Gehirn: Weidels Existenz ist ein unerträglicher Widerspruch. Das menschliche Gehirn hasst solche massiven Widersprüche und sucht nach einem Ausweg, um diese Spannung aufzulösen. Der einfachste rhetorische und psychologische Ausweg ist die Entmenschlichung. Wenn wir sie zur „Unperson" machen, zur reinen Fratze des Bösen, müssen wir uns nicht mehr mit dem schmerzhaften Paradoxon auseinandersetzen, dass ein Mensch wie wir zu solchen Taten fähig ist.
- Die toxische Ansteckung: Genau das ist die perfideste Waffe des Rechtspopulismus. Er verschiebt nicht nur die Grenzen des Sagbaren in der Gesellschaft, er vergiftet auch seine Gegner*innen. Die ständige Konfrontation mit Hass, Krawall und Lügen zermürbt uns so sehr, dass unsere eigenen rhetorischen Hemmschwellen sinken.
Begriffe wie „Unperson" stammen exakt aus dem Vokabular der extremen Rechten. Wenn wir anfangen, so zu denken, haben sie schon gewonnen. Dann übernehmen wir die Sprache derer, die wir bekämpfen. Das ist der Punkt, der uns von der AfD unterscheiden muss. Wir reflektieren unsere Reflexe. Wir werten Menschen nicht in ihrem Menschsein ab, auch nicht unsere schärfsten politischen Gegner*innen.
Ein Dilemma in der Redaktion: Die Sache mit der Überschrift
Wie schnell diese toxische Ansteckung im Alltag passiert, zeigte sich direkt bei der Arbeit an diesem Text. Dürfen wir den Begriff „Unperson" überhaupt in die Überschrift packen? Einerseits muss man ihn benennen, um ihn zu dekonstruieren. Andererseits kennen wir den Framing-Effekt:
Wer auf Facebook oder Instagram nur schnell über den Feed scrollt, verknüpft unweigerlich die Signalwörter „Weidel" und „Unperson". Das kleine Wort „keine" geht beim flüchtigen Lesen schnell unter. So normalisiert man ungewollt genau den Begriff, den man eigentlich zerlegen will.
Unsere Lösung für dieses Dilemma: Wir fahren zweigleisig. Hier auf der Webseite, wo Raum für Kontext und Reflexion ist, bleibt die Überschrift stehen: „Warum Alice Weidel keine ‚Unperson' ist". Auf Social Media nutzen wir alternative Teaser, um das Wort nicht unkommentiert in die Timelines zu spülen.
Wie gehen wir als LGBTIQ*-Community also mit ihr um?
Wir müssen Weidel als das sehen, was sie politisch ist: eine kühl kalkulierende Machtpolitikerin, die ihre Homosexualität als Schutzschild nutzt, um den Vorwurf der Homofeindlichkeit wegzulächeln. Das ist ein hartes Urteil über ihre Politik – keine Abwertung ihres Menschseins. Genau darin liegt der Unterschied. Sie repräsentiert uns nicht. Wir dürfen uns nicht in emotionale Abgründe ziehen lassen. Wir begegnen ihr am besten, indem wir ihre Strategie sachlich zerlegen und auf die Fakten schauen: Welche Anträge stellt die AfD gegen uns in den Parlamenten? Was steht im Programm?
Wir halten unsere Werte hoch. Ohne Entmenschlichung, aber mit absoluter Klarheit in der Sache.