Foto: Universal Studios / Melinda Sue Gordon / Universal Pictures
THE ODYSSEY
Jimmy Gonzales spielt Cepheus, Matt Damon Odysseus und Himesh Patel Eurylochus.
Die Reise des Odysseus hat Jahrtausende überdauert. Sie wurde erzählt, neu erzählt, umgedeutet und ausgeschmückt. Nun kommt sie Mitte Juli als großes Kinospektakel auf die Leinwand – laut, bildgewaltig und voller Action. Und mit sexy Kriegern! Das klingt zunächst nach einem jener Versuche, einen Klassiker mit möglichst viel Wucht in die Gegenwart zu schleudern. Doch überraschenderweise funktioniert genau das.
Denn der Film verrät seinen Stoff nicht, sondern nimmt ihn ernst. Er begreift Homers Epos nicht als museales Ausstellungsstück, sondern als Abenteuer voller Gefahren, Versuchungen und Rätsel. Zwischen tosenden Seeschlachten, monströsen Kreaturen und übernatürlichen Prüfungen bleibt immer spürbar, dass hier eine Geschichte erzählt wird, die seit beinahe drei Jahrtausenden Menschen fasziniert. Der Reiz liegt gerade in dieser Verbindung. Geschichtsunterricht trifft auf Märchen, Mythologie auf Fantasy, klassische Erzählkunst auf modernes Actionkino. Wo einst Textstellen analysiert wurden, entstehen nun imposante Bilder. Die Sirenen verführen nicht nur mit ihrem Gesang, der Zyklop wirkt ebenso furchteinflößend wie tragisch, und die Irrfahrten des Helden entfalten eine Wucht, die auf der großen Leinwand ihre ganze Wirkung entfaltet.
Dabei verliert der Film nie ganz den Blick für die Fragen, die Homers Werk bis heute aktuell machen. Was bedeutet Heimat? Wie weit darf ein Mensch gehen, um ans Ziel zu gelangen? Und welchen Preis fordert der Wunsch nach Ruhm? Zwischen den spektakulären Szenen blitzen immer wieder Momente auf, die innehalten lassen. Gerade diese Kontraste verleihen dem Werk Tiefe. Natürlich setzt die Inszenierung auf Tempo und visuelle Effekte. Manche mythologische Episode wird zugespitzt, manche Figur erhält deutlich modernere Konturen. Doch das gehört zum Wesen jeder Neuinterpretation. Entscheidend ist, dass der Kern erhalten bleibt: die lange, beschwerliche Reise eines Menschen, der gegen Götter, Monster und nicht zuletzt gegen sich selbst kämpft. So entsteht ein Film, der unterhält, ohne seinen Ursprung zu verleugnen. Er ist großes Abenteuerkino, fantasievolle Mythenerzählung und zugleich eine Erinnerung daran, dass die ältesten Geschichten oft die zeitlosesten sind. Wer also befürchtet, aus der antiken „Odyssee“ werde bloß ein weiteres Effektfeuerwerk, darf sich überraschen lassen. Dieses (sexy) Spektakel beweist, dass sich klassische Literatur und modernes Blockbusterkino keineswegs ausschließen. Im Gegenteil: Manchmal genügt eine gute Geschichte – selbst wenn sie fast 3000 Jahre alt ist –, um das Publikum zu fesseln, zu begeistern und gelegentlich sogar aufzuschrecken.
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