Karim Aïnouz war für seinen Film „Praia do Futuro“ ein echter Coup gelungen: Er besetzte Actionstar Wagner Moura, der seit „Elite Squad“ nicht nur Brasiliens größter Filmstar, sondern auch ein Fixstern am internationalen Machohimmel ist, in einer schwulen Rolle. „Das ist so, als würdest du in Deutschland Til Schweiger besetzen“, erklärt der Regisseur.
Als Rettungsschwimmer Donato wird Moura von Clemens Schick als deutschem Tourist Konrad in einem Auto gevögelt da ist der Film noch keine zehn Minuten alt. Konrad braucht Bodenhaftung, sein Freund Heiko ist gerade am titelgebenden brasilianischen Strand ertrunken. Auch Donato konnte ihn nicht retten, hat nur Konrad aus dem Wasser gezogen. Donato und Konrad verlieben sich und gehen zusammen nach Berlin, wohin ihnen einige Jahre später auch Donatos kleiner Bruder Ayrton (Jesuíta Barbosa) folgt.
Aïnouz’ Film dreht sich genau darum: das In-die-Fremde-Gehen, das Überschreiten von Grenzen, das Aufeinanderprallen von Kulturen und die Risse, die dabei in Menschen entstehen können. Das sind die Themen von „Praia do Futuro“, der daraus allein durch seine Bilder eine sinnlich-visuelle Kraft zieht, die im Kinojahr 2014 ihresgleichen sucht. Die im wahrsten Sinne des Wortes heißen Farben der brasilianischen Welt – Rot, Gelb und Orange – prallen auf die unterkühlten, wenig heimatlichen Blau- und Grüntöne eines Berlins, in dem nur die nackten Körper der Protagonisten so etwas wie Zuflucht bieten. Mit ihnen wird nicht gegeizt.
Dies führte dazu, dass es in der Woche nach dem Kinostart Morddrohungen gegen Kinobetreiber gab, die den Film in Brasilien zeigten. Zuschauer durften den Kinosaal nur noch betreten, wenn sie zuvor mit einem Warnstempel versehen worden waren – gewarnt davor, dass ihr liebster Actionheld hier mehr von sich zeigt, als in ihr traditionelles Männerbild passen könnte. Es war erstaunlich zu sehen, welche Kraft eine schwule Erzählung, die sich nicht dafür entschuldigt, genau das zu sein, im Jahr 2014 noch entfalten konnte und wie aggressiv sowie homophob die Reaktionen ausfielen. „Damit hatte ich nicht gerechnet“, berichtet Aïnouz, auch Monate später noch sichtlich konsterniert. „Brasilien gilt als das homofreundlichste Land auf unserem Kontinent. Aber die Diskussion um den Film hat gezeigt, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben.“
