Foto: Michael Putland
George Michael
Es gibt verwackelte Insta-Videos, die ein Konzert irgendwie zerstören. Es gibt Konzertfilme, die einen Abend dokumentieren. Und es gibt jene seltenen Zeitkapseln, die eine Epoche konservieren. Die restaurierte „George Michael: The Faith Tour“, die 2026 weltweit in die Kinos kommt, gehört zur zweiten Kategorie. Fast vier Jahrzehnte nach den Aufnahmen im Pariser Palais Omnisports de Paris-Bercy – der heutigen Accor Arena – erhält ein lange verschollenes Filmdokument seine späte Premiere. Begleitet wird der Kinostart von einem 18 Titel umfassenden Livealbum mit bislang unveröffentlichten Aufnahmen.
Dass dieses Material erst jetzt das Licht der Öffentlichkeit erblickt, verleiht dem Projekt eine besondere kulturelle Resonanz. Es ist mehr als ein nostalgischer Blick zurück. Es ist die Wiederbegegnung mit einem Künstler, dessen Werk die Popmusik weit über seine Zeit hinaus geprägt hat. 1988 befand sich George Michael in einem künstlerischen Ausnahmezustand. Zwei Jahre nach der Trennung von Wham! hatte er mit „Faith“ den seltenen Schritt vom gefeierten Teenie-Idol zum ernst genommenen Solokünstler vollzogen. Das Album war ein Triumph aus Soul, Pop, Funk und Rhythm & Blues – ein stilistischer Befreiungsschlag, der sich jeder Schublade entzog mit Hits wie „Father Figure“, „One More Try“ und „I Want Your Sex“. Auf der Bühne wirkte der damals nur im engsten Kreis geoutete Sänger selbstbewusst: kein Produkt mehr, sondern Autor seiner eigenen Inszenierung.
Die Konzerte der „Faith“-Tour zeigten einen Sänger, der technische Perfektion mit emotionaler Offenheit verband. Seine Stimme besaß jene mühelose Eleganz, die selbst die größten Arenen intim erscheinen ließ. Zwischen Stadiongestus und verletzlicher Melancholie entwickelte George Michael eine Bühnenpräsenz, die bis heute ihresgleichen sucht. Hinter der Veröffentlichung steht eine Zusammenarbeit von George Michael Entertainment, Mercury Studios und Sony Music Entertainment. Gemeinsam haben sie das historische Filmmaterial restauriert und neu aufbereitet. In einer Ära digitaler Kurzlebigkeit wirkt die Rückkehr eines sorgfältig restaurierten Konzertfilms fast wie ein kulturhistorischer Akt.
Der begleitende Soundtrack mit 18 Liveaufnahmen ist ein zusätzliches Schmankerl. Livealben sind oft Momentaufnahmen. Dieses dürfte vielmehr ein fehlendes Kapitel im Werk von George Michael ergänzen: Es dokumentiert einen Künstler, dessen Interpretationen auf der Bühne häufig freier, leidenschaftlicher und unmittelbarer klangen als ihre ohnehin legendären Studiofassungen. Seit George Michaels Tod im Dezember 2016 ist sein Nachlass mit bemerkenswerter Zurückhaltung gepflegt worden. Keine Remixe, keine unnötigen posthumen Duette. Umso größer ist die Bedeutung dieser Veröffentlichung. Sie setzt weniger auf sentimentale Erinnerung als auf die Kraft des Originals. Klasse! „George Michael: The Faith Tour“ soll am 5.11. in den Kinos anlaufen.
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