Foto: Salzgeber
Als Teenager entdeckte Jaume Claret Muxart während einer Familien-Radtour durch die Schweiz beim Filmfestival in Locarno seine Liebe zum Kino, wenig später wurde dem Katalanen klar, dass er selbst Filme machen will. Nach diversen Kunstfilmen legt der schwule Regisseur mit „Strange River“ (ab 27.8. im Kino) seinen ersten Langfilm vor, der 2025 beim Filmfestival in Venedig Weltpremiere feierte. Nach zahlreichen Nominierungen für spanische Filmpreise und Stationen unter anderem in San Sebastián, Busan, Chicago und Reykjavík lief der Film zuletzt auch beim Filmfest München, wo er den CineCoPro Award gewann. Dort trafen wir den 28-Jährigen auch zum Interview.
Jaume, Sie haben zu Protokoll gegeben, dass Ihr Film „Strange River“ auf persönlichen Erinnerungen basiere. Also ist die Geschichte autobiografisch? Nein, so würde ich es nicht nennen. Ich liebe das Medium Film gerade dafür, dass ich dort Geschichten erzählen kann, die eben nicht passiert sind, aber so hätten passieren können. Denn diese leichte Verschiebung ist es ja, die das Kino zum Kino macht und vom echten Leben unterscheidet. Einfach nur mein Leben nachzuerzählen, wäre ziemlich langweilig. Für mich genauso wie fürs Publikum. Allerdings ist „Strange River“ zumindest inspiriert von persönlichen Erfahrungen.
Nämlich welchen? Die erste Idee für den Film hatte ich vor rund zehn Jahren, glaube ich. Damals war ich 16 oder 17 Jahre alt und das letzte Mal in den Ferien mit meiner Familie auf Radtour. Diese Art von Urlaub war bei uns an der Tagesordnung, für sicherlich fünf Jahre. Wir fuhren immer mit den Fahrrädern an großen Flüssen in Europa entlang, die erste Tour führte uns an die Donau. Da war ich elf, so wie der jüngste Bruder nun in „Strange River“, wo die Familie auch an der Donau radelt. Die Bewegung und der Rhythmus des Radfahrens ebenso wie des Wassers – das erschien mir visuell spannend für einen Film. Genauso wie die flüchtigen und manchmal auch wiederkehrenden Begegnungen, die man auf solch einer Tour mit anderen Menschen hat. So kam ich darauf, wie wahrscheinlich viele Regiedebütanten, eine Liebesgeschichte zu erzählen. Mit dem Schreiben des Drehbuchs fing ich mit 19 Jahren an, also noch nah genug dran am Alter meines Protagonisten Dídac, um wirklich von dessen Gefühlen und Sehnsüchten zu erzählen.
„Strange River“ ist eine deutsche Koproduktion und wurde größtenteils in Bayern und Baden-Württemberg gedreht. Bedingte das eine das andere? Tatsächlich nicht, interessanterweise. Als die deutsche Koproduktionsfirma Schuldenberg Films mit an Bord kam, wusste ich schon, dass wir in Deutschland drehen wollen. Unser Familienurlaub war vor allem am österreichischen Teil der Donau gewesen, aber als ich nun feststellte, dass da parallel zum Fluss eine große Straße verläuft, war mir klar, dass das für die Tonaufnahmen ein Problem werden würde. Außerdem stellte ich dann bei Location-Suche per Fahrrad auch fest, dass das Grün der Bäume in Deutschland irgendwie kino-tauglicher war. Satter, aber auch vielfältiger in den sommerlichen Färbungen.
Sie sprachen gerade die Emotionen Ihres 16-jährigen Protagonisten an. Das ist ein sehr besonderes Alter, in dem sich bei vielen in der Pubertät in kurzer Zeit viel verändert. Sex und Erotik spielen – mindestens gedanklich – eine große Rolle, aber es liegt oft auch noch eine gewisse Unschuld über den Dingen. War das erzählerisch ein Balanceakt? Das war auf jeden Fall ein schmaler Grat, erzählerisch genauso wie in der Umsetzung. Ich wollte nicht, dass die Geschichte und die Figur zu sehr in die eine oder andere Richtung kippen, sondern gerade den reibungsreichen Kontrast zwischen dem Erwachen des Begehrens einerseits und dem noch eher unschuldigen Blick auf das Leben andererseits zum Ausdruck bringen. Und Dídacs Furchtlosigkeit, die letztlich nur daher rührt, dass er handelt, ohne über Konsequenzen nachzudenken. Zumindest in den ersten zwei Dritteln des Films. Das waren Dinge, die ich so alle schon im Drehbuch verankert hatte. Dann allerdings hat sich noch mal einiges verändert, als wir uns für Jan Monter Palau als Hauptdarsteller entschieden.
In welcher Hinsicht? Eigentlich hatte ich Dídac ein wenig extrovertierter angelegt. Doch dann entdeckte ich Jan, der schüchterner, stiller und ruhiger war als der Junge, den ich im Kopf hatte. Aber ich war so überzeugt von ihm, dass ich die Figur ein bisschen mehr an ihn angepasst habe. Wir haben uns 850 Jungs für die Rolle angesehen, aber er war derjenige, der am glaubwürdigsten all diese unterschiedlichen und oft widersprüchlichen Emotionen, die man in dem Alter in sich trägt, darzustellen in der Lage war. Und das eigentlich fast nur durch Blicke und Gesten und Körpersprache.
Der Junge, dem Dídac in „Strange River“ auf der Reise begegnet, wird vom deutschen Nachwuchsschauspieler Francesco Wenz verkörpert. Wie sind Sie auf den gestoßen? Ich suchte jemanden, der ganz anders wirkt als Jan – optisch, aber auch im Auftreten – und doch zu ihm passt. Der ein wenig älter wirkt, aber keinesfalls so, dass es creepy wirkt. Die Besetzung war wirklich eine Herausforderung, nicht zuletzt, weil man bei Kids in dem Alter ja auch immer fürchten muss, dass sie zwischen dem Moment, in dem man sich für sie entscheidet, und dem Drehbeginn noch mal erwachsener werden und sich verändern. Aber wir hatten im Fall von Francesco wirklich Glück. Unsere deutschen Produzent*innen kannten eine Schauspielerin in München, die beim Casting half. Sie schlug zehn Jungs vor – und Francesco war gleich der erste. Schon durch seine Fotos war ich überzeugt, und dann kam er – 18-jährig und ganz allein – nach Barcelona, um mich kennenzulernen, aber vor allem eine freundschaftliche Beziehung zu Jan zu entwickeln und zu proben. Er war ein Segen für den Film, denn er hat mit seiner Art wirklich seinen Teil dazu beigetragen, dass Jan in der Hauptrolle so gut ist. Und er hat sogar das Making-of des Films inszeniert, was mein Einfall war, um ihn trotz seiner eher kleinen Rolle den gesamten Dreh über mit dabei zu haben.
Filme über das Erwachsenwerden oder die erste Liebe gibt es wie Sand am Meer. Gab es bestimmte Stereotypen und Konventionen, die Sie ganz bewusst vermeiden wollten? Zum Glück habe ich viele Coming-of-Age-Filme gesehen, also kenne ich die Klischees und wusste, welche ich umschiffen wollte. Wichtig war mir auf jeden Fall, dass es nicht um ein Coming-out geht. Und auch nicht um einen Konflikt mit den Eltern in dieser Frage. Viel entscheidender ist, dass Dídac vor dem Urlaub in jemanden verliebt war und diese Gefühle nicht erwidert wurden. Während parallel dann jemand Neues in seinem Umfeld auftaucht und er sich entscheiden muss, ob er sich traut, sich auf das Unbekannte einzulassen oder nicht.
Tatsächlich zeigen Sie die Eltern als sehr verständnisvoll und empathisch. Sie fragen sogar von sich aus nach Gerard, in den ihr Sohn verliebt war … Das war mir wichtig, denn das ist für viele queere Teenager heute ja zum Glück Realität. Noch wichtiger war mir allerdings ein Satz, den Dídac selbst in einem Gespräch mit seinem Vater sagt: „Ich mag nicht Jungs, ich mag Gerard.“ Das ist für mich ein geradezu politischer Satz, der für mich viel aussagt über diese junge Generation, wie ich sie zumindest in Spanien erlebe. Ich bin nur rund zehn Jahre älter als Dídac, aber ich hätte einen solchen Satz noch nicht sagen können. Inzwischen hat sich gesellschaftlich tatsächlich so viel getan, dass junge Menschen heute – in bestimmten Ländern und Milieus zumindest – so offen und selbstbewusst sind, dass sie sich wirklich frei machen können von Schubladen und das Konzept des Coming-out fast altmodisch auf sie wirkt. Das war etwas, das in „Strange River“ unbedingt mitschwingen sollte – und das eben auch alles andere als autobiografisch ist.
*Interview: Patrick Heidmann
Mit dem Klick auf das Video stimmst Du diesen Datenschutzbestimmungen von YouTube zu
Besuch uns auf Instagram:


