Foto: LEONINE Studios
Anne Hathaway
Allerspätestens seit ABBAs „Super Trouper“ ist es ein vertrautes Bild der Gegenwartskultur: Der grelle Scheinwerfer, der nicht nur erleuchtet, sondern ausbleicht. In „Mother Mary“ wird dieses Bild zur zentralen Metapher eines Pop-Mythos, der sich selbst verschlingt. Achtung: Der Film ist ein wahres Meisterwerk – aber recht blutig.
Anne Hathaway verkörpert die titelgebende Musikerin als Figur zwischen Überhöhung und Zerfall – eine Künstlerin, die auf der Bühne zur Projektionsfläche kollektiver Sehnsüchte wird und im Privaten an eben diesen Erwartungen zerbricht. Regisseur David Lowery, der bereits in „A Ghost Story“ und „The Green Knight“ ein feines Gespür für Zeit, Erinnerung und existenzielle Leerräume bewiesen hat, verschiebt den Fokus hier vom Mythischen ins Intime. Doch das Mythische verschwindet nicht – es sickert durch jede Einstellung, jede Geste, jedes sorgfältig komponierte Bild.
Im Zentrum dieses düstern Kunstfilms (mit der Musik von Charli XCX), der am 21. Mai im Kino startet, steht die Begegnung zweier Frauen, die mehr verbindet als trennt – und doch zu lange voneinander getrennt waren. Michaela Coel gibt Sam, die Modedesignerin und einstige Vertraute, mit einer spröden Intensität, die sich jeder sentimentalen Vereinnahmung entzieht. In ihrer Arbeit, im Entwerfen eines neuen Bühnenkostüms, materialisiert sich die Vergangenheit: Stoff wird zur Erinnerungsträgerin, Schnitt zur Wunde. Formal bewegt sich der „Mother Mary“ zwischen Gegenwart und Erinnerung, ohne klare Trennlinien zu ziehen. Der Regisseur vertraut auf Überblendungen, auf visuelle Echoeffekte, die das Vergangene ins Jetzt einschreiben. Diese ästhetische Entscheidung verlangt Geduld, doch die erzeugte Spannung fesselt dabei ungemein. Denn je mehr sich die Zeitebenen durchdringen, desto deutlicher wird: Die eigentliche Krise ist keine momentane, sondern eine strukturelle. Sie liegt im System Pop selbst, das Intimität verspricht und Isolation produziert. So ist „Mother Mary“ letztlich kein Film über ein Comeback, sondern über die Unmöglichkeit desselben. Die Rückkehr auf die Bühne erscheint nicht als Triumph, sondern als Zwang, als Wiederholung eines Rituals, das längst seine Unschuld verloren hat. Populärmusik wird hier zum bildstarken Gruseldrama. Packend!
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