LAURA TONKE HEIKE MAKATSCH KATHARINA MARIE SCHUBERT RATTE-POLLE
Schon der Filmtitel „Komplizinnen – Vernunft ist keine Lösung“ klingt wie ein kleiner Aufstand gegen jene Tugend, mit der sich die Mitte des Lebens gewöhnlich organisiert: die Vernunft. Sie soll Entscheidungen absichern, Beziehungen stabilisieren, Karrieren retten, Kinder großziehen, Körper in Form halten und am besten auch noch erklären, warum #mensch eigentlich zufrieden sein müsste. Nur: Was, wenn genau diese Vernunft irgendwann nicht mehr trägt?
Sonja Heiss, Regisseurin und Autorin, nimmt sich in ihrer neuen Komödie vier Frauen vor, die an jenem merkwürdigen Punkt angekommen sind, an dem das Leben von außen betrachtet längst eingerichtet scheint – und sich von innen dennoch zunehmend falsch anfühlt. Vera, Miriam, Anne und Liv verbindet dabei weniger ein gemeinsames Schicksal als die Erkenntnis, dass die eigene Biografie plötzlich nicht mehr selbstverständlich mit den eigenen Wünschen übereinstimmt.
Das ist zunächst einmal ein ziemlich komisches Problem. Denn die Katastrophen der Lebensmitte sind selten spektakulär. Sie beginnen mit Kleinigkeiten: Frau schwitzt plötzlich häufiger. Frau ist genervt vom Partner. Die Kinder verlassen das Haus. Der Beruf, den #mensch einmal gewählt hat, fühlt sich wie eine Falle an. Der Ehemann ist eigentlich nett, vielleicht sogar zu nett. Der Geburtstag rückt näher, dessen Zahl #mensch lieber nicht laut ausspricht. Und irgendwo zwischen Paartherapie, Porsche und Botox dämmert die Erkenntnis: War das schon alles?
Bei Vera (Laura Tonke) fällt die Antwort besonders radikal aus. Sie beendet kurzerhand Beziehung und Job – zwei Säulen jenes Lebens, das ihr offenbar die Luft nimmt. Dass Entscheidungen nicht automatisch dadurch richtig werden, dass man sie mutig trifft, gehört zu den schöneren Zumutungen dieser Geschichte. Freiheit ist schließlich kein Wellnessangebot. Wer die Kontrolle zurückerobert, muss damit rechnen, dass zunächst einmal alles außer Kontrolle gerät.
Auch Miriam (Anne Ratte-Polle), Anne (Katharina Marie Schubert) und Liv (Heike Makatsch) erleben ihre Befreiungsversuche nicht als geradlinigen Weg ins Glück. Miriam stürzt sich in eine toxische Affäre und kauft sich einen Porsche, als ließe sich eine innere Krise mit möglichst viel PS überholen. Anne, die beruflich ständig die Beziehungen anderer Menschen repariert, muss erleben, wie ihr eigenes Leben aus den Fugen gerät. Und Liv, zwischen Familie, Leistungsdruck und dem unerbittlichen Countdown zum fünfzigsten Geburtstag eingeklemmt, verliert ausgerechnet durch eine missglückte Botox-Behandlung die letzte Kontrolle über ihre sorgsam gepflegte Fassade.
Und hinter all den Pointen steckt eine durchaus ernste Frage. Was passiert mit einem Menschen, wenn die Rollen, die er jahrzehntelang gespielt hat, plötzlich nicht mehr genügen? Die gute Mutter. Die verständnisvolle Partnerin. Die erfolgreiche Frau. Die Therapeutin, die immer Rat weiß. Die Professorin, die ihr Leben im Griff hat. Die Ehefrau, die funktioniert. Die vier Frauen sind keine klassischen Heldinnen, die am Ende triumphierend aus ihren Krisen hervorgehen. Dafür ist das Leben zu widersprüchlich. Ihre Versuche, sich selbst wiederzufinden, sind manchmal mutig, manchmal lächerlich, manchmal egoistisch und nicht selten ausgesprochen unklug. Gerade darin liegt die Komik – und vielleicht auch die Wahrheit dieser Geschichte.
Dass dieses Ensemble solche Widersprüche tragen kann, ist ein wesentlicher Reiz des Films. Laura Tonke, Heike Makatsch, Katharina Marie Schubert und Anne Ratte-Polle treffen auf Tom Schilling, Christoph Maria Herbst und Trystan Pütter; dazu kommt Sogol Faghani. Es sind Schauspieler*innen, die ihren Figuren nicht bloß eine Pointe, sondern eine Biografie geben können. Hinter jedem Ausbruch lauert die Ahnung, dass dieser Mensch schon sehr lange versucht hat, nicht auszubrechen.
Bemerkenswert ist dabei auch die Perspektive: Die Krise der Lebensmitte wird hier nicht als männliches Initiationsritual erzählt, bei dem ein Mann plötzlich ein Motorrad kauft und seine Jugend zurückerobert. Hier sind es Frauen, die sich die Erlaubnis nehmen, widersprüchlich zu sein. Sie dürfen wütend sein, begehrlich, überfordert, albern, egoistisch, verliebt, verzweifelt und manchmal schlicht falsch. Das macht „Komplizinnen – Vernunft ist keine Lösung“ zu mehr als einer Ensemblekomödie über vier Frauen um die fünfzig. Der Film erzählt von einem gesellschaftlichen Versprechen, das seine Gültigkeit verliert: dass ein gut geführtes Leben zwangsläufig ein erfülltes Leben ergeben müsse. Vielleicht ist die Vernunft eben tatsächlich keine Lösung. Vielleicht ist sie zunächst einmal nur ein hervorragendes Instrument, um sich zu erklären, warum man so weitermachen sollte wie bisher. Die interessantere Frage lautet deshalb: Was passiert, wenn man aufhört, sich selbst zu verwalten? Der Film startet am 21. Januar 2027 in den Kinos, einen ersten Vorgeschmack bekommst du schon jetzt hier bei uns!
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