Heute Abend um 21 Uhr steigt das große Finale des Eurovision Song Contest 2016 und dieser ESC-Jahrgang birgt aus verschiedenen Gründen einiges an Spannung. Hier unser Überblick als Vorbereitung für den großen Abend:
Ein verändertes Punktesystem könnte heute abend noch alle Vorhersagen Lügen strafen und alle Buchmacher arm machen – gesetzt den Fall das Publikum stimmt auf unerwartete Weise ab. Denn diesmal geben die von den einzelnen Ländersprechern verkündeten Punkte nur einen Zwischenstand wieder, nämlich die Punkte der Expertenjurys. Das Publikumsvoting wird dann am Ende in einem Extraschritt noch hinzuaddiert und zählt ganz genausoviel. Dieses Vorgehen macht alles etwas fairer und transparenter. In der Vergangenheit war es zum Beispiel theoretisch möglich, dass ein Beitrag in einem Land zwar bei den Fernsehzuschauern bestens ankam, aber bei schlechter Jury-Bewertung dennoch keine Punkte aus dem Land bekam. Dies ist nun Geschichte und so bleibt die Spannung wirklich bis zum letzten Moment erhalten. Wer wissen möchte, wie z. B. die deutschen Zuschauer nun genau abgestimmt haben, muss allerdings wie bisher nach der Show auf der Website eurovision.tv nachsehen, denn die Televoting-Punkte werden während der Sendung nicht einzeln aufgeschlüsselt, sondern gebündelt pro Finalteilnehmer in aufsteigender Reihenfolge addiert.
Wer hat es ins Finale geschafft?
Es gab in diesem Jahr einige überraschende „Sitzenbleiber", die es wider Erwarten nicht ins Finale geschafft haben. So ist zum Beispiel die ESC-Großmacht Irland diesmal nicht dabei und auch Island blieb im Halbfinale hängen. Auch Jüri aus Estland bekommt keine zweite Gelegenheit uns seinen verpixelten Po in der eingespielten „Postcard" vorzuführen. Schade eigentlich.
Dies sind die Finalteilnehmer in Startreihenfolge und unsere Prognose:
1) Belgien: Laura Tesoro – What's the Pressure
Another One Bites the Dust? So klingen jedenfalls die ersten Takte. Die Finalteilnahme hat uns etwas überrascht, wir prognostizieren eher unteres Mittelfeld.
2) Tschechische Republik: Gabriela Gunčíková – I Stand
Auch hier waren wir über die Finalteilnahme etwas überrascht, ist aber eine gefühlvoll vorgetragene Ballade. Wird aber wahrscheinich etwas untergehen und im hinteren Drittel landen.
3) Niederlande: Douwe Bob – Slow Down
Entspannter Country-Pop von unseren Nachbarn. „Das Lied mit der Pause" rät zu weniger Hektik. Hat durchaus Top-10-Potenzial, einfach ob seiner Andersartigkeit.
4) Aserbaidschan: Samra – Miracle
Seit es dabei ist, hat dieses Land immer recht gut abgeschnitten und sogar schon einmal gewonnen. Diesmal muss die Finalteilnahme als Erfolg ausreichen, mehr als unteres Mittelfeld ist wohl nicht drin.
5) Ungarn: Freddie – Pioneer
Optisch ist Freddie durchaus ein Genuss, bei seiner Stimme sind wir da nicht so ganz sicher. Das Lied bleibt nach mehrmaligem Hören durchaus im Ohr, wir verorten den Beitrag dennoch auf der rechten (hinteren) Hälfte des Scoreboards.
6) Italien: Francesca Michielin – No Degree of Separation
Die sogenannten „Big Five" sind in diesem Jahr stärker aufgestellt als in den vergangenen Jahren. Der ansprechende Beitrag von Francesca könnte durchaus in den Top 10 landen!
7) Israel: Hovi Star – Made of Stars
Die queere Hoffnung des Abends hat im Halbfinale ziemlich gut abgeliefert und verhilft so einem recht mittelmäßigen Song zu Chancen auf einen respektablen Platz im Mittelfeld.
8) Bulgarien: Poli Genova – If Love Was a Crime
Die Prämisse des Titels „If Love Was a Crime" ist für Schwule in vielen Ländern der Welt grausame Realität. Vielleicht regt der Song ja zum Nachdenken an? Hoffen wir's! Unsere Prognose: Auch Mittelfeld.
9) Schweden: Frans – If I Were Sorry
Der schnucklige Jungspund aus dem Gastgeberland liefert eine recht aktuell klingende Nummer irgendwo zwischen Kygo und Olly Murs ab und trifft damit sicher den Nerv der Zeit. Wenn er live nicht völlig abkackt sehen wir ihn durchaus in den Top 5 landen.
10) Deutschland: Jamie-Lee – Ghost
Jamie-Lee nicht zu mögen ist fast unmöglich und Stimme hat das Mädel auch. Vom fantastischen japanisch inspirierten Styling ganz zu schweigen. Nur leider klingt der Song wie ein zweiter Aufguss des deutschen Beitrags von 2015, wenn auch etwas besser produziert. Dennoch der schwächste der Big-5-Songs. Wir drücken ganz feste die Daumen, befürchten aber dennoch einen der letzten 5 Plätze.
11) Frankreich: Amir – J'ai cherché
Der dritte fürs Finale gesetzte Song in Folge bestätigt wieder die hohe Qualität der Top-5-Songs in diesem Jahr und kann sehr weit oben landen. Ganz sicher Top 10!
12) Polen: Michał Szpak – Color of Your Life
Brutalstschmalz von unseren östlichen Nachbarn. Wir winden uns innerlich und verkraften es immer noch nicht ganz, dass es dieses Machwerk ins Finale geschafft hat. Da hätten wir auch Gregorian schicken können. Nicht besser als Platz 20. Hoffentlich.
13) Australien: Dami Im – Sound of Silence
Wenn es jemand schafft, Sergey Lazarev die Trophäe auf den letzten Metern zu entreißen, dann vielleicht Dami Im. Tolle Show, große Performance, sehr aktuell klingendes Lied, das auch z. B. von Sia kommen könnte. Wir drücken alle noch verfügbaren Daumen!
14) Zypern: Minus One – Alter Ego
Das kommt ein bisschen rockiger daher als der Rest, aber Käfige, Leder, Wallelocken und Guyliner helfen nicht darüber hinwegzutäuschen, dass das Lied im Herzen ein Schlager ist. Mittelfeld, maximal.
15) Serbien: Sanja Vučić ZAA – Shelter
Sehr viel Balkan ist dieses Jahr im Finale nicht mehr übrig, schon allein deshalb landet dieser Beitrag automatisch mindestens im Mittefeld, bei aller Belanglosigkeit.
16) Litauen: Donny Montell – I've Been Waiting For This Night
Aus allen drei Baltikum-Ländern kommen dieses Jahr junge Männer zum ESC. Von den beiden die noch dabei sind ist Donny aus Litauen leider der schwächere und wird in der zweiten Hälfte der Ergebnistafel landen.
17) Kroatien: Nina Kraljić – Lighthouse
Nina ist auf jeden Fall optisch ein Highlight, auch wenn der Song leider nicht wirklich durchstartet und daher etwas untergeht. Nachbarschaftsvoting aus dem Balkan verhindert Schlimmeres, aber viel mehr als unteres Drittel ist nicht drin.
18) Russland: Sergey Lazarev – You Are The Only One
Der Anfang klingt exakt wie „Euphoria", der Rest des Songs ist auch nicht originell, die Performance ist ebenfalls abgeschaut – aber dennoch (oder deswegen?) ist Sergey der haushohe Favorit in diesem Jahr. Der Song bohrt sich ins Ohr und treibt sicher viele Zuschauer ans Telefon. Kann ihn noch jemand schlagen? Es wäre eine Überraschung!
19) Spanien: Barei – Say Yay!
Ein Song aus Spanien auf englisch? Europop noch dazu? Überraschend. Wie das abschneidet ist schwierig vorherzusagen, aber ohne die Nachbarn aus Portugal (dieses Jahr nicht dabei) wird es für Barei wohl schwierig über das Mittelfeld hinauszukommen.
20) Lettland: Justs – Heartbeat
Der Song stammt aus der Feder von Aminata, der lettischen Teilnehmerin aus dem letzten Jahr, und er klingt auch so. Das muss nichts Schlechtes sein, denn Aminata erreichte 2015 einen hervorragenden sechsten Platz. Justs wird das nicht ganz schaffen, aber wir sehen ihn deutlich in der oberen Hälfte der Ergebnistafel landen.
21) Ukraine: Jamala – 1944
Diese beklemmende Nummer über die Deportation der Krimtartaren im Jahre 1944 hat extrem viel Seele und wird von Jamala mit großer Intensität und Stimmgewalt performt. Außerdem klingt er sehr außergewöhnlich für einen ESC und hat daher große Chancen auf einen Platz ganz ganz weit oben. Vielleicht sogar Top 3?
22) Malta: Ira Losco – Walk on Water
Ein sehr ansprechender Popsong aus Malta mit viel Stimme und Drama (und ein paar Breakbeats) präsentiert, oberes Ergebnisdrittel!
23) Georgien: Nika Kocharov and Young Georgian Lolitaz – Midnight Gold
Hmja, irgendwer muss ja Letzter werden. Diese Rocknummer ist zwar sehr ESC-untypisch (was wir normalerweise goutieren), aber leider halt auch nicht sonderlich gut. So wird das nix.
24) Österreich: ZOË – Loin d'ici
Großes, mit Leichtigkeit präsentiert – das gibt es dieses Jahr von unseren südlichen Nachbarn. Und wir prognostizieren mal 10 oder 12 Punkte vom deutschen Televoting, vielleicht sogar von der Expertenjury. Insgesamt hat der Song durchaus auch Chancen ganz respektabel in der vorderen Hälfte des Ergebnisfeldes zu landen.
25) Vereinigtes Königreich: Joe & Jake – You're Not Alone
Die beiden Jungs von der Insel lernten sich bei der Casting-Show „The Voice" kennen und sind der erste Beitrag der Briten seit Jahren, der Chancen auf einen der vorderen Plätze hat. Besitzt jedenfalls Ohrwurmqualitäten! Vielleicht versöhnt ein Platz im oberen Drittel die Briten wieder mit dem ESC? Wir hoffen es!
26) Armenien: Iveta Mukuchyan – LoveWave
Der einzige Song in diesem Jahr mit einer Binnenmajuskel, der einzige mit einem hörbaren Drama-Höhepunkt gleich zu Beginn und einer bei dem die Windmaschine am Ende nochmal so richtig aufdrehen darf. Klassische ESC-Kost, aber toll und mit viel Enthusiasmus dargeboten. Schöner Abschluss, bevor es ans Voting geht. Kommt in die Top 10!
Auf Pausenacts (Justin Timberlake!) und Comedy-Performances mit den Moderatoren Måns Zelmerlöw und der wundervollen Petra Mede (hätten wir die nicht alle gerne als BFF?) sind wir dann nach 26 Liedern mindestens so gespannt wie auf das Ergebnis. Nach den Halbfinals zu schließen gibt es auf jeden Fall wieder eine ganz tolle Show.
Und wenn wir nach einem – in diesem Jahr wirklich sehr schwierig vorherzusagenden – Ergebnis mit unseren Prognosen am Ende total daneben lagen, dann ist das vielleicht sogar mal ein Grund zur Freude (zumindest Jamie-Lee wäre es zu wünschen).
Die Nachlese in den nächsten Tagen wird jedenfalls spannend, denn die nach der Show veröffentlichten Punktetafeln werden zeigen, wie erfolgreich das neue Punktesystem war und zu „was wäre wenn"-Rechenbeispielen anregen.
Aber jetzt heißt es erstmal Getränke kaltstellen, Score-Cards ausdrucken, die jedes Jahr grottige Pre-Show vom Spielbudenplatz sowie das Wort zum Sonntag ignorieren und dann fleißig mitfiebern! Wir wünschen viel Spaß!



