Illustration: KI-erstellt
Nina Queer
Ein leises Frösteln überkommt Hörende, noch bevor der erste Ton erklingt: „Nightmare on Fuggerstreet“, das neue und erste Musical von Nina Queer / Daniel Wegscheider, erscheint am 23. Mai als Gesamtaufnahme überall, wo es Musik zu kaufen oder zu streamen gibt – und verspricht nichts Geringeres als den akustischen Horror im besten Sinne und mit grandiosen Melodien. Zwischen greller Verschwörungstheorie-Satire, bewusstem Tabubruch und einer Lust am Exzess entfaltet sich ein Werk, das sich dem gefälligen Konsum hartnäckig verweigert. Nina Queer inszeniert ein musikalisches Panoptikum, das gleichermaßen verstört und fasziniert: schillernd, überzeichnet, bisweilen grotesk – und gerade darin von eigentümlicher Präzision. „Nightmare on Fuggerstreet“ folgt den Regeln eines klassischen Musicals im besten Sinne, trifft aber mit dem Thema den aktuellen Zeitgeist auf den Punkt.
Wie kommt es, dass Nina Queer plötzlich ein Musical macht? Dazu noch eines, das so skandalös ist … Tatsächlich war, neben einem Film und Büchern, ein Musical schon immer auf meiner Agenda. Es fehlte mir jedoch immer an Zeit oder Ideen. Meistens an beidem. Doch man wird älter und man entwickelt sich weiter. Hoffentlich. So zog ich Ende letzten Jahres die Reißleine und hab mal eine Party- und Auftrittspause eingelegt. Ich bin durch die Welt gereist, hab mich an ruhigen und inspirierenden Orten niedergelassen und begann zu schreiben und zu singen. Mir wurde schnell klar, dass ich für das Texten und Komponieren eines Musicals besonders geeignet bin. Es fällt mir leicht und als extremer Musical-Fan kenne ich mich mit der Materie seit meiner Kindheit gut aus. Es fiel mir also leichter, ein ganzes Musical zu schreiben, als ein Pop-Album mit zehn Titeln. Die Sprache ist neben der Musik mein größtes Hobby. Endlich konnte ich beides miteinander verbinden.
Wie genau müssen wir uns das Komponieren und Texten vorstellen? Zunächst sitze ich immer da und schreibe die Texte. Mit der Hand auf ein Blatt Papier. Dann beginne ich die Melodien, die ich zu jedem Text meist schon vorher im Kopf habe oder jene, die mir kommen, wenn ich den Text aufschreibe, zu summen und die Texte auf die Takte abzustimmen. Dabei ändere ich dann häufig den Text noch mal, tausche Wörter aus und kritzle wahnsinnig viel auf dem Papier herum. Wenn dann alles fertig ist und ich es als gut befinde, gebe ich die Texte ein, singe die Melodie einer Künstlichen Intelligenz vor und lasse eine Grundstruktur erstellen, bevor es dann zu DJ Divinity ins Tonstudio zur tatsächlichen Bearbeitung geht. Man kann bei meinem Musical also von einer wahren Revolution auf diesem Markt sprechen. Nach eingehender Recherche habe ich festgestellt, „Nightmare on Fuggerstreet“ ist tatsächlich das erste KI-Musical der Welt. Das kann man abwertend sehen, ich sehe es als einen Wendepunkt der Geschichte. Und sind wir mal ehrlich: Wer hätte einer Partytranse wie mir 100.000 Euro für ein Orchester und Sänger zur Verfügung gestellt und im Bereich Musical an mich geglaubt? NIEMAND! Also bin ich als Künstler froh über die Hilfe und die Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz. Es sollte aber trotzdem erwähnt werden, dass die Librettos des Musicals alle von echten Menschen eingesprochen wurden und dass das Musical im Herbst auch von echten Menschen und Darstellern aufgeführt wird. In diesem Falle nimmt die KI niemandem einen Arbeitsplatz weg, sondern schafft welche, wo es vorher noch keine gab. Auch darauf bin ich sehr stolz.
Was war dir dabei wichtig? Beim Texten und Komponieren ist es mit sehr wichtig, trotz eines dunklen, schweren Themas meinen Humor nicht zu verlieren. Denn die Geschichte zeigt uns, dass Menschen mit schrecklichen Ausnahmesituationen und Begebenheiten nur fertig werden können, wenn sie sich nach einer gewissen Zeit auch darüber lustig machen dürfen. Humor ist ein Ausweg für uns Menschen, da wir sonst an der Negativität der Realität zerbrechen würden. Es ist wichtig für uns, diese Inseln zu schaffen und sie zu erhalten. Ich habe versucht, ein altmodisches Musical zu schaffen, wie es mir persönlich am besten gefällt und zusagt. Ein Musical mit Melodien, die Menschen auch noch in 50 Jahren verzaubern. Zeitgleich war es mir wichtig, den Bezug zum aktuellen Zeitgeschehen herzustellen und ein Thema zu wählen, welches polarisiert, uns aber alle auf die eine oder andere Art und Weise betrifft oder berührt.
Du hast an jedem Wort gefeilt, oder? Ja. Es war ein langer und harter Prozess, der mich nicht losgelassen hat. Erst mit Vollendung des gesamten Werks waren meine Seele, mein Geist und mein Körper wieder frei und ich konnte mich wieder anderen Dingen zuwenden. Es war mir ja gar nicht möglich, einfache Dinge zu tun, wie zum Sport zu gehen oder Freunde zu treffen. Der geringste Abstand zu meinem Musical löste Höllenqualen in mir aus. Wenn ich für etwas brenne, dann ganz und gar. Eine große Motivation für mich, ein Musical zu schreiben, war auch, als ich vor ein paar Jahren gelesen habe, dass es „Fack ju Göhte – Das Musical“ geben wird. Da war für mich eine eindeutige Grenze überschritten und ich dachte, das geht besser. Sind wir doch mal ehrlich, wie viele Musical-Versionen von schlechten Filmen soll es noch geben? Das wirkt auf mich wie Designermode, die man sich bei Temu bestellt. Es hat einfach keine Beständigkeit und keinen Wert.
Die Frage muss sein: Sind die Namen der Charaktere als Anspielungen auf einige Promis zu verstehen? Ursprünglich gab mir der Skandal um Jurassica Parka den Anstoß für das Thema meines Musicals. Jedoch musste ich schnell erkennen, dass der Fall zu wenig Substanz für eine ganze Geschichte oder gar ein Musical hatte. Es war also nötig, den Teppich noch einmal neu aufzurollen. Zeitgleich gab es immer mehr Berichte über Epstein, Weinstein, Michael Jackson, Puff Daddy und auch die Verschwörungstheorien von Xavier Naidoo spielen in meinem Musical keine unwichtige Rolle. So begab ich mich in die Welt der Eliten, die genug Macht und Geld haben und denken, sie könnten sich alles erlauben. Das Musical spielt ja im Jahr 2036 in Berlin. Deutschlands Hauptstadt ist zu einer Art Gotham City verkommen und ein gefährlicher Transvestiten-Clan teilt sich alle Klub- und Kulturstätten unter sich auf, manipuliert die Medienwelt zu seinen Gunsten. Links ist das neue Rechts und Menschen, die sich einer scheinbar liberalen, aber stark instrumentalisierten Meinung nicht anpassen, wird das Recht abgesprochen, am alltäglichen Leben teilzunehmen und glücklich zu werden. Die Hauptfiguren geben alle vor, Wohltäter und Lichtgestalten unserer Gesellschaft zu sein, jedoch teilen sie alle ein blutiges und perverses Geheimnis. Natürlich wird man als Autor bewusst oder unbewusst von der wirklichen Welt inspiriert, aber allen Menschen, die jetzt nach einer sensationellen Abrechnung mit realen Personen gieren, erteile ich hiermit eine klare Absage. Alle Personen und Begebenheiten in meinem Musical sind frei erfunden und Ähnlichkeiten mit echten, lebenden Personen rein zufällig. Ich werde mit diesem Musical niemanden zu einem ikonischen Status verhelfen. Weder im positiven noch im negativen Sinne.
Wann werden wir das Musical auf der Bühne erleben dürfen und gibt es schon einen Spielort dafür? Wir gehen jetzt gerade in die Castings und wollen dann den ganzen Sommer lang proben. Der Termin für die Premiere ist im Oktober geplant. Wir haben einen aufsehenerregenden Spielort gefunden, der so gruselig und spannend ist, wie das Stück selbst. Ein Ort, der viel Veranstaltungserfahrung hat, in dem es aber noch nie ein Musical zu sehen gab. Der Veranstalter wird seine Location extra wegen uns zu „Musical Dome Berlin“ umbenennen. Er scheint also überzeugt von meiner Kunst zu sein. Welcher Ort es nun ganz genau ist, möchte ich so lange wie möglich für mich behalten, damit der Knall bei der Bekanntgabe umso größer ist.
*Interview: Michael Rädel
„Nightmare on Fuggerstreet“ gibt es ab dem 23. Mai überall zu kaufen und zu streamen. www.ninaqueer.com
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