Foto: M. Rädel
Chantals House of Shame, Lokschuppen, RAW-Gelände
Chantals Mann Florian und der Künstler Tobias Ecke.
1999 öffnete sich mit dem „Chantals House of Shame“ eine Tür in jene Berliner Nacht, die sich nicht sonderlich dafür interessierte, was draußen als Geschmack, Stil oder gesellschaftliche Konvention galt. Am 29. Oktober wird nun der 27. Geburtstag gefeiert. Siebenundzwanzig Jahre – das ist, gemessen an den Halbwertszeiten des Berliner Nachtlebens, beinahe eine geologische Formation.
Katy Perry war da, Isa Genzken ebenfalls, dazu der amerikanische Designer Richie Rich. Doch Prominenz war im „Chantals House of Shame“ nie mehr als eine hübsche Randnotiz. Die eigentliche Attraktion lag anderswo: in jenem demokratischen Versprechen des Dancefloors, auf dem Herkunft, Status und Alltag für eine Nacht ihre Bedeutung verloren. Hier durfte sich jede und jeder neu erfinden – größer, schöner, schriller, maßloser, als es das Leben bei Tageslicht gewöhnlich gestattet. Das Haus der Schande war dabei weniger ein Ort der Peinlichkeit als eine Einladung zur lustvollen Entgrenzung.
Klubs sind gekommen, haben sich zu Legenden erklärt und sind wieder verschwunden; musikalische Moden wurden ausgerufen, totgesagt und unter neuen Namen wiederbelebt. Selbst die Stadt, die sich so gern als ewige Gegenwart inszeniert, hat sich in dieser Zeit mehrfach neu erfunden. Chantal ist geblieben. Vielleicht liegt darin die eigentliche Kunst: nicht darin, den Zeitgeist zu treffen, sondern ihm lange genug auszuweichen, bis er irgendwann selbst vor der Tür steht. „Chantals House of Shame“ ist längst mehr als eine Party. Es ist ein Stück gelebte Berliner Nachtgeschichte, ein Archiv des Flüchtigen, dessen Exponate nicht in Vitrinen liegen, sondern schwitzen, tanzen, glitzern und gelegentlich über die Stränge schlagen.
Immer donnerstags: „Chantals House of Shame“, Lokschuppen, Revaler Str. 99, S+U Warschauer Straße, 23 Uhr
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