Foto: Leseperson
Die „Bondage Gyus“ Martin und Alex
Martin und Alex sind die Masterminds hinter den „Bondage Guys“ aus Mainz. Sie haben eine Leidenschaft für Bondage – und verfolgen eine Mission: sie wollen die Ästhetik der kunstvollen Umschnürung auf ganz unprätentiöse Weise populär machen. Seit 2018 geben sie Bondage-Workshops im gesamten Rhein-Main-Gebiet, vor einigen Monaten hat Alex einen eigenen Laden „Ropestuff“ in Mainz eröffnet, ein Ort samt Web-Store für Workshops, aber auch für alles, was man für kunstvolle Fesselspiele benötigt. Wir haben Alex zum Interview getroffen.
Alex, wie kam es zur Entscheidung, nach euren jahrelangem Workshop-Touren nun mit „ropestuff.de“ einen festen „Bondage Workplace“ in Mainz zu eröffnen? Wir hatten schon lange den Wunsch, einen eigenen Raum für Bondage zu schaffen, weil wir bislang immer darauf angewiesen waren, von anderen Vereinen oder Initiativen in deren Räume eingeladen zu werden. Und wir wollten einfach mehr machen und auch regelmäßig unsere Workshops anbieten. Allerdings ist es nicht ganz einfach, einen geeigneten und bezahlbaren Raum dafür zu finden, auch, weil viele Vermieter:innen Vorbehalte haben, wenn sie von „Bondage“ hören. Ich hatte nun das Glück, an einer Co-Working-Location im Mainzer Gewerbegebiet einen Raum angeboten zu bekommen und habe die Gelegenheit ergriffen. Dort probieren wir das Konzept jetzt für ein Jahr lang aus und schauen, ob es sich wirtschaftlich trägt. Wir werden dort eigene Veranstaltungen durchführen, der Raum steht aber auch anderen Initiativen zur Nutzung offen, ich freue mich da sehr auf Ideen, die an uns herangetragen werden.
Mir war gar nicht so bewusst, dass Bondage so ein großes Thema ist – und offenbar nicht nur in der queeren Szene, wenn man euren vielfältigen Eventkalender anschaut? Vom Fesseln geht für viele eine besondere Faszination aus, weil es mehrere Sinne gleichzeitig anspricht. Es geht um Kontrolle und Wehrlosigkeit, um das sich Fallenlassen, aber auch um die Ästhetik und fast schon „Kunst“ der Seilführung. Das beschränkt sich überhaupt nicht auf die queere Szene, sondern begeistert Menschen aus allen gesellschaftlichen Bereichen. Den „Bondage Workplace“ habe ich deshalb auch von Anfang an bewusst als offen für alle konzipiert, wobei es auch Events gibt, die sich an spezielle Zielgruppen wie schwule Männer* oder FLINTA*-Personen richten, um den Gruppen auch Safer Spaces fürs gemeinsame Fesseln zu bieten. Dafür haben wir unser Organisationsteam auch gezielt vergrößert und freuen uns sehr, dass wir mit „Leseperson“, das ist ihr Nickname, eine weibliche Mitstreiterin bei Ropestuff haben, die sich insbesondere um Events für die FLINTA*-Community kümmern wird.
Wir werden auch immer wieder Gastdozent*innen aus der gesamten Bondage- und Shibari-Community für Workshops bei uns haben, um die Vernetzung untereinander zu fördern.
Foto: Leseperson
Ropestuff Workplace
Neben klassischen Workshops gibt’s bei euch auch „Rope Jams“ – was ist das? Und welche Rolle spielen „Bunny Outfits“ beim Bondage? Die „Rope Jams“ sind offene Fesseltreffen ohne festes Programm. Dort können die Gäste miteinander in Austausch kommen, voneinander lernen, anderen beim Fesseln zuschauen und natürlich auch selbst mit ihren Partner:innen den Raum und die Einrichtung zum Fesseln nutzen. Das richtet sich auch an alle, die bei uns zum Beispiel einen Workshop für Einsteiger:innen besucht haben und danach Platz und Gelegenheit zum Üben suchen. Außerdem sind die Jams ein niedrigschwelliges Angebot zum Kennenlernen der Bondage-Community.
Der Satz mit den „Bunny Outfits“ bezieht sich auf den Begriff „Bunny“, der manchmal als Bezeichnung für die gefesselte Person benutzt wird – es wird vom „Rope Bunny“ gesprochen, wohingegen die Person, die fesselt, als „Rigger“ bezeichnet wird. Diese englischen Begriffe gehen manchmal etwas leichter über die Lippen, weil sie geschlechtsneutral und damit inklusiv sind, obwohl mir klar ist, dass nicht jede Person sich als „Bunny“ bezeichnet sehen möchte. Und natürlich achten viele „Bunnies“ auf ein besonderes Outfit für eine Fesselsession, besonders wenn Fotos oder Videos von der Performance gemacht werden, was in unserem Raum übrigens auch erlaubt ist.
Wie bist du selbst zu Bondage gekommen? Was ist der Kick für dich? Ich habe mich schon als Teenager selbst gefesselt (lacht), weil ich es immer faszinierend fand, wehrlos zu sein oder andere wehrlos zu machen. Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass es nicht nur diese Komponente der „Kontrolle“ ist, die Bondage so interessant macht, sondern auch das Erlernen neuer Knoten und neuer Figuren, das „Erschaffen“ ästhetischer Bilder mit einer gelungenen Fesselung und auch der Austausch mit den vielen lieben Menschen in der Community.
Wechseln die Rollen beim Bondage – ist Bondage auch „versatile“? Ja absolut. Zwar gibt es in einer konkreten Session oder Performance immer die Person, die fesselt, und die, die gefesselt wird, das ist dann schon klar verteilt. Es wird dann manchmal auch von „top“ und „sub“ gesprochen. Aber sehr viele Rigger lassen sich selbst auch fesseln. Ich persönlich finde, dass es auch für Rigger wichtig ist, mal zu erleben, wie eine bestimmte Fesselung sich anfühlt. Es ist dann einfacher, sich beim Fesseln in die gefesselte Person hineinzuversetzen, zu erahnen, wo könnte ein Seil ungünstig oder unbequem geführt sein und so weiter.
Naturgemäß gibt es generell mehr Bondage-Subs als Tops, einfach weil als Top beziehungsweise Rigger ja bestimmte handwerkliche Fähigkeiten und Kenntnisse benötigt werden, um sicher fesseln zu können. Genau deshalb veranstalten wir einmal monatlich die Workshops für Einsteiger:innen, um mehr Menschen die Gelegenheit zu geben, das Fesseln auszuprobieren und vielleicht den Spaß daran zu entdecken, auch selbst zu fesseln.
Foto: Leseperson
Alex von Ropestuff
Die japanische Fesselkunst Shibari gilt als „Masterclass“ des Bondage; was macht Shibari so besonders und gibt es eine vergleichbare westliche „Fessel-Kultur“? Das Besondere an Shibari ist die Verbindung von Seil, Körper, Berührung und Bewegung. Da geht es nicht einfach nur ums Fesseln an sich, sondern auch um das gemeinsame Erlebnis der physischen und psychischen Dynamik zwischen den beteiligten Personen. Die „reine Lehre“ des Shibari beinhaltet auch bestimmte Vorgaben an das verwendete Seil und welche Knoten und Friktionen gemacht werden sollten.
Eine vergleichbare eigenständige westliche „Fessel-Kultur“ gibt es meines Wissens nicht. Die westliche BDSM-Szene ist stark vom Shibari inspiriert und greift auf viele Elemente zurück, allerdings weniger stringent was Materialien und gefesselte Figuren angeht. Auch ist im „Western Bondage“ das Fesseln häufiger ein Mittel zum Zweck, zum Beispiel im BDSM-Kontext oder sexuell, und hat weniger den ästhetischen Anspruch wie Shibari.
Weder Martin noch Leseperson oder ich haben eine formale Ausbildung zum „Shibari Nawashi“, einem japanischen Shibari-Seil-Meister genossen, sondern leiten unser Wissen und unsere Fähigkeiten eher undogmatisch aus verschiedenen Quellen und Workshops mit unterschiedlichen Dozent:innen ab.
Dein Tipp für Anfänger:innen, die sich für Bondage interessieren? Der wichtigste Tipp ist natürlich: Kommt zu unseren Workshops oder besucht Workshops anderer Anbieter aus der Community. Ihr könnt uns auch gerne auf Partys, Events oder den CSDs ansprechen, wo wir regelmäßig anzutreffen sind. Unsere Rope Jams sind auch ein guter Aufschlagpunkt zum Kennenlernen des Themas, dort darf man auch zuschauen und fragen und muss nicht gleich voll loslegen.
Bitte fesselt nicht einfach drauf los ohne Kenntnis wichtiger Grundlagen zu Risiken und Sicherheit! Und genauso: lasst euch nicht einfach von „wildfremden“ Personen fesseln oder dazu überreden. Bondage muss, wie jede BDSM-Spielart, immer im gegenseitigen Konsens und unter Beachtung und Vermeidung der möglichen Gefahren praktiziert werden.
Ropestuff / Bondage Workplace, Carl-Zeiss-Str. 9, Mainz, ropestuff.de