Foto: Marion Eckstein
v.l.n.r.: Julia Ostrowicki (LSVD+), Schulleiterin Inge Meichsner, Lehrkraft Isabel Blum, Nina Heidt-Sommer (SPD) und Sascha Meier (Bündnis 90/Die Grünen).
Am 2. Juni, lud der LSVD+ Hessen ins Frankfurter Switchboard zur Podiumsdiskussion „Queer in der Schule – Sichtbar? Selbstverständlich? (An-)Sprechbar?“.
Die Teilnehmenden waren Isabel Blum, Lehrkraft und Initiatorin der Regenbogen AG an der Josephine-Baker-Schule, sowie Inge Meichsner, Schulleiterin der Beruflichen Schulen Berta Jourdan. Aus der Landespolitik nahmen teil: die bildungspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion Nina Heidt-Sommer, und Sascha Meier, Sprecher für berufliche Bildung, politische Bildung und weiterführende Schulen der Landtagsfraktion von Bündnis 90/Die Grünen.
Julia Ostrowicki aus dem Vorstandsteam des Landesverbands LSVD+ Hessen moderierte den Abend; wir haben sie im Nachgang zum Interview getroffen. Ein Gespräch über die bittere Realität auf dem Pausenhof, mutige Lehrkräfte und das rückschrittliche Genderverbot der hessischen Landesregierung.
Was konnten die Teilnehmenden zum Thema „Queer Mobbing“ berichten? Kann man sich problemlos outen? Ein problemloses Coming-out an der Schule ist heute leider immer noch keine Selbstverständlichkeit. Ich habe zur Eröffnung der Runde eine Zahl genannt, die uns allen unter die Haut gehen muss: Statistisch gesehen haben über 60 Prozent aller queeren Jugendlichen Selbstmordgedanken. Schule ist für viele von ihnen nach wie vor ein Ort, an dem sie Mobbing, Ausgrenzung und Diskriminierung erleben. Wenn Jugendliche aus Angst vor Anfeindungen nicht mehr gerne zur Schule gehen, haben wir als Gesellschaft die Pflicht, hinzusehen und uns schützend vor sie zu stellen. Auch Sascha Meier berichtete von seinen eigenen Coming-Out-Erfahrungen und er forderte mehr Unterstützung und einen sensibleren Umgang an Schulen ein.
Wie können Schulen den Problemen entgegenwirken? Gibt es erfolgreiche Projekte? Auf jeden Fall. So berichtete Inge Meichsner wie die Berta-Jourdan-Schule ihre Zertifizierung als „Schule der Vielfalt“ konsequent im Alltag umsetzt. Dazu zählt nicht nur eine fortwährende Sensibilisierung des Kollegiums, um ein Klima des respektvollen Umgangs zu schaffen, sondern auch konkrete Maßnahmen wie zum Beispiel die Einrichtung von FLINTA*-Toiletten. Ein weiteres Projekt, das an dem Abend vorgestellt wurde, ist die Regenbogen AG, die Isabel Blum für die Klassen 5 bis 10 an der Josephine-Baker-Schule ins Leben gerufen hat. Solch eine Gruppe ist eine wichtige Anlaufstelle, um sich über Vielfalt und queere Themen auszutauschen. Deutlich angesprochen wurde, dass es gerade im alltäglichen Umgang wichtig ist, dass Lehrkräfte bei diskriminierenden Sprüchen sofort eingreifen.
Foto: Marion Eckstein
v.l.n.r.: Julia Ostrowicki (LSVD+), Schulleiterin Inge Meichsner, Lehrkraft Isabel Blum, Nina Heidt-Sommer (SPD) und Sascha Meier (Bündnis 90/Die Grünen).
Wie gehen die Schulen mit dem hessischen Genderverbot um? Das von der Landesregierung erlassene Genderverbot wird in der Schulpraxis völlig zurecht massiv kritisiert. Die gesamte Runde war sich einig: Dieses Verbot bewirkt das Gegenteil von Inklusion – es grenzt Schüler*innen aktiv aus. Ich bin schon erstaunt darüber, dass das Kultusministerium genügend Kapazitäten zu haben scheint, um sogar Webseiten von Schulen darauf zu kontrollieren, ob das Genderverbot eingehalten wird, anstatt in Demokratie fördernde Projekte zu investieren oder die Schulsozialarbeit mehr zu unterstützen.
Wie sind queere Themen im Lehrplan verankert? Aktuell ist das absolut unzureichend. Nina Heidt-Sommer machte deutlich: Queere Themen müssen stärker in den Lehrplänen verankert werden. Aber auch in der Lehrkräftebildung müssen queere Themen und überhaupt Antidiskriminierung und Demokratieförderung eine größere Rolle spielen. Um all diese wichtigen Themen zu vermitteln, reicht eine Stunde pro Woche im Fach Politik und Wirtschaft nicht aus.
Welche Rolle spielen „besorgte Eltern“ in diesem Zusammenhang? Wir erleben aktuell, dass extreme politische Positionen direkt in die Schulen getragen werden. Nicht zuletzt durch Social Media. Darauf müssen Schulen entschlossen und mit klarer Haltung reagieren. Inge Meichsner hat in diesem Zusammenhang völlig zurecht darauf hingewiesen: Ein einfaches Handyverbot löst die Probleme nicht. Wir brauchen stattdessen eine kritische, aufklärende Auseinandersetzung mit diesen Inhalten. Das muss ein fester Bestandteil der alltäglichen Demokratie- und Wertebildung an den Schulen sein.
Welche sensibilisierenden Fortbildungsmaßnahmen gibt es für Lehrer*innen? Das ist die nächste große Baustelle. Es nützt der beste Lehrplan nichts, wenn wir das Kollegium allein lassen. Wir brauchen ein flächendeckendes, systematisches Training für alle Lehrkräfte. Die Lehrkräfte müssen im Schulalltag sprach- und handlungsfähig sein, um geschlechtliche und sexuelle Vielfalt souverän zu begleiten. Hier gibt es im Moment ein massives Defizit, das die Politik dringend strukturell lösen muss.
Welches Fazit zieht der LSVD+ als Veranstalter*in aus der Diskussion? Die Beteiligten haben uns bestätigt, wie wichtig dieser Austausch zwischen Landespolitik und Schulpraxis über das Thema „Queer in der Schule“ war und dass dieser auf jeden Fall fortgesetzt werden sollte. Es ist traurig, dass wir immer noch über Queerfeindlichkeit in der Schule sprechen müssen, und diese sogar zunimmt. Deshalb ist es aus der Sicht des LSVD+ Hessen wichtig, zukünftig mehr in Bildung, besonders auch in Demokratiebildung, zu investieren. Wir brauchen nicht nur eine stärkere Sensibilisierung aller Beteiligten, sondern Lehrkräfte müssen auch die Zeit haben, sich im Schulalltag um solche Projekte zu kümmern. Finanzielle und personelle Kapazitäten müssten dafür ausgebaut werden, anstatt an wichtigen Stellen aufgrund der angespannten Haushaltslage auch noch Gelder zu streichen. Außerdem muss der Aktionsplan für Akzeptanz und Vielfalt von der aktuellen Landesregierung fortgeschrieben und ausgebaut werden.
Hintergrund
Der LSVD+ Hessen – Verband Queere Vielfalt ist die größte Bürgerrechts- und Selbsthilfeorganisation für Lesben, Schwulen, Bisexuelle, Trans*-, Inter*- und queere Menschen (LSBTIQ*) im Bundesland. Der Verband setzt sich für den Abbau von Diskriminierung, rechtliche Gleichstellung und gesellschaftliche Akzeptanz ein. Das ehrenamtliche Vorstandsteam, in dem auch Julia Ostrowicki aktiv ist, fungiert als starkes Bindeglied zwischen der queeren Community und der hessischen Politik.
Mehr Infos und Unterstützungsmöglichkeiten über lsvd.de/de/ct/120-LSVD-Hessen