Nicht vom Laufsteg, sondern aus dem Gruppenchat
Männer in Röcken gibt es auf Laufstegen seit Jahrzehnten. Jean Paul Gaultier hat sie in den Achtzigern gezeigt, Thom Browne macht seit Jahren nichts anderes, Bad Bunny und Harry Styles haben Kleider auf Titelblätter gebracht, und Bill Kaulitz hat die Frage, was ein deutscher Mann anziehen darf, schon vor zwanzig Jahren für erledigt erklärt. Geändert hat das für den normalen Kleiderschrank wenig. Ein Gaultier-Rock ist eine Idee, keine Hose.
Was sich geändert hat, kam von unten. Ab etwa 2019 fingen junge Männer auf TikTok, Reddit und in Discord-Servern an, Outfits zu posten, die komplett aus ganz normaler Damenmode bestanden: Tennisrock, Overknees, ein viel zu großer Pulli, Turnschuhe. Die Kommentare darunter waren keine Grundsatzdebatten, sondern Kritik an der Proportion. Der Hoodie ist zu kurz für den Rock. Die Strümpfe sitzen zu hoch. Die Schuhe passen nicht zum Rest. Aus tausenden solcher Rückmeldungen wurde innerhalb weniger Jahre ein Look mit festen Regeln, den heute jeder erkennt.
Was der Look ist, und was nicht
Die Missverständnisse sind so verlässlich, dass man sie vorab ausräumen sollte.
- Es ist keine Frage der Geschlechtsidentität. Die jungen Männer, die so herumlaufen, sind Männer und sagen das auch. Die Community selbst unterscheidet sehr genau zwischen dem, was jemand trägt, und dem, wer jemand ist.
- Es ist kein Drag. Keine Bühne, keine Kunstfigur, keine Performance.
- Es ist auch keine Aussage über Sexualität, so gern das Internet das hätte. Es gibt schwule, bisexuelle und heterosexuelle Femboys, und die meisten finden die Frage ungefähr so relevant wie die nach ihrer Schuhgröße.
Was übrig bleibt, ist das Einfachste und Provozierendste: Ein Mann trägt Kleidung, die hundert Jahre lang in der Damenabteilung hing, und findet, dass sie ihm steht.
Die Regeln, die sich die Community selbst gegeben hat
Illustration: KI-erstellt
Wer den Look tragen will, statt nur darüber zu lesen, kommt mit drei Grundsätzen erstaunlich weit.
- Ein Teil oversize, der Rest eng. Großer Hoodie, kurzer Rock, enge Strümpfe. Zwei weite Teile übereinander, und die Silhouette bricht zusammen.
- Oben männlich, unten feminin. Der Rock ist das Statement, also bleibt das Oberteil ruhig: Hoodie, Sweatshirt, Jeansjacke, Bomber. Der Kontrast macht aus geliehener Kleidung einen Stil.
- Sneaker, keine Absätze. Die Schuhe entscheiden, ob das Ganze als Alltagsoutfit gelesen wird oder als etwas anderes. Plateau-Sneaker, Chucks, klobige Runner. Absätze sind ein eigenes Thema für einen anderen Abend.
- Dazu ein einziges lautes Accessoire, ein Choker, eine Haarspange, eine Kette, und sonst nichts. Fünf davon, und es wird Verkleidung.
Das Problem, über das niemand spricht: die Größentabelle
Alles an diesem Look stammt aus der Damenabteilung, und die Damenabteilung ist nicht für männliche Körper geschnitten. Die Taille sitzt bei Männern höher, die Hüfte ist schmaler, die Schultern sind breiter, der Oberkörper länger. Eine Damengröße 40 kann an der Taille passen und an der Hüfte schlackern, oder umgekehrt. Wer zum ersten Mal einen Rock bei Zalando bestellt, bestellt ihn meistens dreimal.
Die Community hat das jahrelang durch Ausprobieren gelöst: Welche Marken fallen groß aus, welche Stoffe verzeihen eine breitere Taille, wie rechnet man eine Herren-Bundweite in eine Damengröße um. Dieses Wissen ging von Hand zu Hand, und irgendwann entstanden daraus ein paar spezialisierte Shops. FemboyBox, ein Onlinestore aus Sydney, der nach Deutschland liefert, ist einer davon: Röcke, Overknees, Kits mit kompletten Einstiegsoutfits, mit Größentabellen, die für männliche Proportionen geschrieben sind. Für alles andere gilt: nach Taillen- und Hüftumfang kaufen, nie nach Konfektionsgröße, und im Zweifel eine Nummer größer.
Warum Deutschland ein guter Ort dafür ist
Berlin hat eine Infrastruktur, die der Look anderswo nicht hat: queere Clubs, in denen seit Jahrzehnten niemand mehr fragt, warum jemand einen Rock trägt, einen Christopher Street Day, der zur Modenschau geworden ist, und eine Secondhand-Szene von Neukölln bis Prenzlauer Berg, in der sich ein ganzer Femboy-Kleiderschrank für fünfzig Euro zusammenstellen lässt. Köln, Hamburg und Leipzig ziehen nach.
Und das Land hat eine Vorgeschichte. Bill Kaulitz hat 2005 mit Lidschatten und Lackhose vor einem Millionenpublikum gestanden, und die Republik hat es überlebt. Die heutigen Femboys sind, mit zwanzig Jahren Abstand und ohne Plattenvertrag, die Fortsetzung dieser Idee: dass die Frage, was ein Mann anziehen darf, keine Frage ist.
Der eigentliche Punkt
Die Mode wird den Look übernehmen, wie sie jede Subkultur übernimmt: casten, stylen, zum zehnfachen Preis verkaufen, weiterziehen. Ein Teil davon passiert schon, in den weichen, rockähnlichen Silhouetten, die seit ein paar Saisons über die Männer-Laufstege laufen.
Interessanter ist, was die Industrie dabei nicht geliefert hat und die Community selbst bauen musste: eine Größentabelle, die stimmt, einen Ort zum Einkaufen, und einen Gruppenchat, der einem sagt, dass die Strümpfe zu hoch sitzen. Wer den Look tragen will, braucht genau diese drei Dinge. Den Mut, der in jedem Artikel darüber beschworen wird, braucht es erstaunlich wenig. Nur den richtigen Hüftumfang.