Die US-amerikanische Cruising-Plattform Sniffies bekommt Millionen vom Tinder-Mutterkonzern – und viele schwule Nutzer schlagen Alarm. In der Community wächst die Angst vor Werbung, Paywalls und der „Verstraightung“ eines der letzten ungefilterten Gay-Spaces.
Die schwule Cruising-App Sniffies gilt für viele Nutzer als einer der letzten wirklich ungefilterten digitalen Gay-Spaces im Netz. Doch nachdem bekannt wurde, dass der Tinder-Mutterkonzern in das Unternehmen investiert, schlagen in der Community die Wellen hoch. In sozialen Netzwerken ist plötzlich von „Straightification“, „Sellout“ und dem möglichen „Ende von Sniffies“ die Rede.
Auslöser der Debatte ist ein Bericht des US-Magazins Wired (hinter Paywall, ebenfalls berichtet von Reuters). Demnach erhielt Sniffies eine Investition von rund 100 Millionen Dollar durch die Match Group – jenes milliardenschwere Dating-Unternehmen hinter Apps wie Tinder, Hinge und OkCupid.
Angst vor der „Verstraightung“ queerer Räume
Für viele schwule Männer ist Sniffies weit mehr als nur eine Dating-App. Die Plattform wurde insbesondere durch ihre explizit sexpositive Ausrichtung bekannt: anonymes Cruising, Kartenfunktion, wenig Hochglanz-Inszenierung und ein deutlich rauerer Community-Charakter als bei klassischen Dating-Apps.
Genau das könnte nun verloren gehen, befürchten zahlreiche Nutzer. In sozialen Medien und Reddit-Threads häufen sich Kommentare von Männern, die Angst haben, Sniffies könne denselben Weg gehen wie Grindr: mehr Werbung, aggressive Bezahlschranken, algorithmische Kontrolle und ein zunehmend „bereinigtes“ Nutzererlebnis. Ein Nutzer schreibt laut Wired:
„Please don’t make Sniffies straight.“
Andere sprechen davon, dass queere Räume im Internet zunehmend von Großkonzernen aufgekauft und kommerzialisiert würden.
„Wir haben gesehen, was mit Grindr passiert ist“
Besonders oft fällt in der Diskussion der Name Grindr. Viele Nutzer*innen erinnern sich daran, wie sich die App über die Jahre verändert habe: mehr Werbung, kostenpflichtige Funktionen und das Gefühl, dass die ursprüngliche Community-Kultur verloren gegangen sei.
Sniffies galt bislang als Gegenmodell dazu – weniger glattpoliert, weniger corporate und näher an klassischer Cruising-Kultur. Die Sorge: Mit dem Einstieg eines Milliardenkonzerns könnte genau diese Identität verschwinden.
Dabei geht es vielen Kommentatoren offenbar nicht nur um Technik oder Geschäftsmodelle, sondern um eine grundsätzliche Frage: Wem gehören queere Räume eigentlich noch?
Sexpositive Plattform mit Kultstatus
Sniffies startete ursprünglich als browserbasierte Cruising-Karte für Männer, die unkompliziert Kontakte suchen wollten. Anders als viele Mainstream-Dating-Apps setzt die Plattform stark auf Anonymität, direkte Kommunikation und geografische Nähe in Echtzeit.
Gerade deshalb entwickelte sich die Seite in den vergangenen Jahren zu einer Art Kultplattform innerhalb schwuler Onlinekultur – insbesondere bei Nutzern, die sich von klassischen Dating-Apps entfremdet fühlten.
Das Unternehmen selbst betont laut Wired, dass die eigene Identität erhalten bleiben solle. Viele Nutzer bleiben dennoch skeptisch. Zu präsent ist die Erinnerung daran, wie ehemals queere Community-Plattformen nach Investoren-Einstiegen zunehmend massentauglich wurden.
Mehr als nur eine App
Die heftigen Reaktionen zeigen vor allem eines: Für viele queere Menschen sind digitale Räume längst mehr als bloße Technikprodukte. Sie funktionieren als soziale Treffpunkte, Rückzugsorte und Orte sexueller Selbstbestimmung.
Und genau deshalb löst die Vorstellung, dass solche Räume zunehmend unter Kontrolle großer Tech-Konzerne geraten, bei vielen offenbar ein mulmiges Gefühl aus. Denn die eigentliche Angst hinter der Debatte lautet vielleicht: Was passiert, wenn queere Räume plötzlich vor allem profitabel sein sollen?
Grafik: Sniffies https://sniffies.com/images/sniffies-logo-large.png, Public Domain, Link
Sniffies Logo
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