Wie The Balkan Insight berichtete, stürmten am Sonntagabend etwa 25 bis 30 junge Männer eine Vorführung des Films Eggshells der Regisseurin Slava Doytcheva. Die Jugendlichen provozierten die Gäste und drohten den Umstehenden, bis die Filmvorführung abgebrochen werden musste und die Polizei alarmiert wurde.
Der Film wurde schließlich in einem von der bulgarischen LGBTIQ*-Organisation Single Step Foundation kürzlich eröffneten Veranstaltungsort gezeigt.
Eggshells erzählt die Geschichte einer in Sofia lebenden jungen Frau, die ihr Heimatdorf besucht und sich zögerlich ihrer Familie annähert, obwohl klar ist, dass das nicht auf Gegenseitigkeit beruht, weil sie mit einer Frau zusammenlebt. In Deutschland ist der Kurzfilm auf dem FilmFestival Cottbus gelaufen.
Die bulgarische GLAS Foundation, Mitorganisatorin der Veranstaltung, forderte in einer Pressemitteilung am Montag eine „angemessene Reaktion der Strafverfolgungsbehörden und der Machthaber [...], die solche Vorfälle durch ihre Untätigkeit bekräftigt haben“, und betonte:
„Ja, dies war ein weiterer Angriff auf ein von der Community veranstaltetes Ereignis, ein weiterer Versuch der physischen Bedrohung, die uns dazu veranlassen sollte, zurückzutreten und das Screening abzubrechen. Aber das Screening fand statt.“
Heute Abend wurden wir bei der Präsentation des Kurzfilms „Shells“ wieder von ca. 25 Jungs, darunter auch Minderjährige, provoziert. Offenbar Brauch. Diese Provokationen werden weitergehen. Wir rufen unsere Community zu sichtbarer Solidarität auf. Kommt zu allen Veranstaltungen, die von unseren Organisationen während des Pride-Monats organisiert werden.
GLAS Foundation Bilitis Foundation LGBT-Jugendorganisation „Aktion“
Hassrede und Extremismus nehmen zu
Der Vorfall ist kein Einzelfall. Homophobe Aktionen wie diese häufen sich in Bulgarien. In mehreren Städten Bulgariens, so in Plovdiv und Burgas, kam es in den letzten Wochen zu ähnlichen Angriffen auf queere Veranstaltungen, vermutlich alle mit rechtsextremen Hintergrund.
Am 26. Mai musste eine Diskussionsveranstaltung über das Kinderbuch „Mravin und Planet Forest“, das eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte in einer Märchenwelt erzählt, unterbrochen werden, weil eine Gruppe nationalistischer Jugendlicher die Schaufenster des Veranstaltungsorts beschmierte. Dasselbe geschah am 27. Mai in Plovdiv während einer queeren Buchvorstellung. Den Demonstranten gelang es, eine Sicherheitskette zu durchbrechen und bis auf Podium vorzudringen. In der bulgarischen Küstenstadt Burgas kam es am 15. Mai während der ersten Pride-Veranstaltung zu mehreren Zusammenstößen mit Gegendemonstrierenden des rechten Lagers, von denen viele der pro-russischen Partei Vazrajdane angehören. Wie auf dem Foto zu sehen ist, wurden Regenbogenfahnen öffentlich verbrannt.
Ivan Dimov von der Single Step Foundation sagte gegenüber The Balkan Inside, es seien meist dieselben Leute, die die Veranstaltungen stören.
„Alle sind schwarz maskiert, identifizieren sich mit der Bulgarischen Nationalen Unionspartei und dem Lukovmarch1 und sind höchstwahrscheinlich nicht einmal 18 Jahre alt.“
Ivan Dimov, Single Step Foundation
Auch sieht Dimov die jüngsten Vorfälle allesamt von den nationalistischen Parteien organisiert. Er beschreibt sie „als Teil des Lärms um die bevorstehenden Wahlen“ am 11. Juli. Konnten die rechtsextremen Parteien bei den bulgarischen Parlamentswahlen 2017 noch 9,31 Prozent der Stimmen für sich verbuchen, sieht es laut Umfragen in diesem Jahr so aus, als könnte das Bündnis an der 4-Prozent-Hürde scheitern.
Foto: Dimitar Dilkoff / Pool / AFP
1 Der Lukovmarch ist einer jährlich stattfindender Fackelzug, der von der Bulgarischen Nationalen Union zu Ehren von Hristo Lukov ausgerichtet wird. Lukov war Kriegsminister sowie General im Zweiten Weltkrieg. Als Faschist und Antikommunist trat er stets für die Beteiligung Bulgariens am Holocaust und am Ostfeldzug ein. 1943 wurde er von kommunistischen Partisan*innen erschossen. Heute ist die Veranstaltung ein Sammelbecken für Neonazis aus ganz Europa. Vor einigen Jahren wurde erfolglos versucht, den Aufmarsch zu verhindern. 2017 und 2018 hatte die Bürgermeisterin von Sofia den Fackelzug verbieten lassen. Das Verbot wurde jedoch missachtet und der Fackelzug fand, gesichert von der Polizei, wie gewohnt statt. 2019 wurden rund 2000 Teilnehmer*innen gezählt.