Schwule und bisexuelle Männer werden im australischen Bundesstaat Victoria gezielt über Dating-Apps angesprochen, zu vermeintlichen Treffen gelockt und anschließend angegriffen. Besonders perfide: Einige Täter filmen die Gewalt und erpressen ihre Opfer danach mit der Drohung, die Aufnahmen an Angehörige und Kontakte weiterzuleiten.
Besonders gefährdet sind internationale Studenten aus Ländern, in denen Homosexualität strafbar ist. Die Täter locken ihre Opfer zu vermeintlichen Dates, greifen sie an und filmen die Gewalt. Anschließend verlangen sie teilweise hohe Geldsummen. Offenbar setzen die Täter darauf, dass ein unfreiwilliges Outing für die Betroffenen schwerwiegende persönliche und familiäre Konsequenzen haben könnte.
95 Angriffe und 42 Festnahmen
Seit Juni 2024 hat die Polizei in Victoria The Guardian zufolge 95 Angriffe auf schwule und bisexuelle Männer registriert. Im Zusammenhang mit den Fällen wurden bislang 42 Personen festgenommen. Chad Hughes, Geschäftsführer der LGBTIQ*-Gesundheitsorganisation Thorne Harbour Health, geht allerdings von einer wesentlich höheren Dunkelziffer aus.
Viele Betroffene meldeten die Taten nicht, weil sie der Polizei misstrauten oder Angst vor weiteren Konsequenzen hätten. Bei einem einzigen Treffen der Organisation berichteten zwölf Männer von ähnlichen Angriffen. Nur zwei von ihnen hätten sich an die Polizei gewandt – einer habe diesen Schritt anschließend bereut.
„Sonst schicken wir das Video an alle deine Kontakte“
Die Überfälle folgen häufig demselben Muster: Die Opfer werden über Dating-Apps zu einem öffentlichen Ort gelockt, angegriffen und gefilmt. Teilweise müssen sie dabei queerfeindliche Beleidigungen wiederholen. Jenna Tuke von der Beratungsstelle Switchboard Victoria berichtete von Tätern, die nach den Angriffen Zehntausende Dollar verlangten. Ein Betroffener habe nur bis 22 Uhr Zeit bekommen, das geforderte Geld zu überweisen.
Sollten die Opfer nicht zahlen, drohten sie, Videos an sämtliche Kontakte auf ihren Handys zu schicken und sie bei ihren Familien zu outen. Nach Angaben der Beratungsstelle suchen sich die Täter offenbar bewusst Männer aus, die nicht offen schwul oder bisexuell leben. Je größer die möglichen Folgen eines Outings sind, desto stärker ist das Druckmittel.
Die Aufnahmen werden anschließend online verbreitet. Laut Chad Hughes dienen sie den Tätern dazu, innerhalb frauen- und queerfeindlicher Online-Milieus der sogenannten Manosphere Anerkennung zu erhalten. Einige mutmaßliche Täter sollen erst 13 Jahre alt sein.
„Es war einfach nur purer Hass“
Vor dem Ausschuss schilderte auch David Brown seinen Angriff. Er hatte rund einen Monat lang über eine Dating-App mit einer Person geschrieben, bevor er im August 2024 einem Treffen in einem Park zustimmte. Dort erwarteten ihn zwei Jugendliche. Einer von ihnen bedrohte Brown am helllichten Tag mit einem großen Messer. „Es war einfach nur purer Hass“, sagte er vor dem Ausschuss.
Brown erklärte, er sehe bis heute keine wirkliche Gerechtigkeit. Einer der Jugendlichen wurde zwar für schuldig befunden, erhielt jedoch keinen formellen Verurteilungseintrag. Gegen den zweiten wurde keine Anklage erhoben. Festgenommen wurden die beiden erst, nachdem es in derselben Straße zu mehreren weiteren Angriffen gekommen war.
Für die Beratungsstellen zeigt der Fall, warum die bekannten 95 Angriffe vermutlich nur einen Bruchteil der tatsächlichen Taten darstellen: Viele Betroffene fürchten nicht nur die Täter, sondern auch die Folgen einer Anzeige und eines unfreiwilligen Outings.