Instagram ist für viele queere Clubs und Community-Orte längst mehr als ein Social-Media-Kanal. Wenn Accounts plötzlich verschwinden, geht es nicht nur um Reichweite, sondern um Sichtbarkeit, Vernetzung und den direkten Kontakt zur Szene. Genau das kritisieren derzeit mehrere betroffene Organisationen in den Niederlanden – und ähnliche Fälle gab es zuletzt auch in Berlin.
In den Niederlanden sind erneut zahlreiche Instagram-Accounts aus der queeren Community gesperrt oder entfernt worden. Betroffen waren unter anderem die Amsterdamer Organisationen The Queer Agenda, Club Church, die Gaysauna Nieuwezijds und der Club Tillatec. Nach Angaben von OUTtv wurden in den vergangenen Wochen mehr als hundert Accounts entfernt, andere Medien sprechen von „Dutzenden“ betroffenen Konten.
Für viele der betroffenen Organisationen ist die Sperrung nicht nur ein technisches Problem. Instagram ist für sie ein zentraler Kanal, um Veranstaltungen anzukündigen, Communitys zu erreichen und Sichtbarkeit herzustellen. In der hochgeladenen Vorlage werden die Accounts deshalb ausdrücklich als digitale Treffpunkte und Infrastruktur beschrieben – nicht bloß als Social-Media-Profile.
Kaum Erklärungen, kaum Transparenz
Besonders problematisch ist aus Sicht der Betroffenen die fehlende Nachvollziehbarkeit. Einige Account-Betreiber*innen erhielten offenbar nur allgemeine Hinweise auf angebliche Verstöße gegen die Plattformregeln, andere berichten von gar keiner konkreten Begründung. Laut NOS hatte Meta bereits im Dezember 2025 Dutzende queere Accounts ohne Erklärung blockiert. Ein Teil wurde nach Einspruch wiederhergestellt, später aber erneut entfernt.
Auch The Queer Agenda war nach Angaben der Berichte bereits zuvor betroffen. Micklin Korsuize, Mitbegründer von The Queer Agenda, sagte gegenüber OUTtv, man habe nach der vorherigen Sperrung nichts mehr gepostet und sei dennoch erneut entfernt worden. Club Church berichtete ebenfalls von einem erneuten Verlust eines aufgebauten Accounts.
Die niederländische Organisation für digitale Bürgerrechte Bits of Freedom kritisiert grundsätzlich, dass Plattformen wie Meta Entscheidungen nachvollziehbar erklären und funktionierende Beschwerdemöglichkeiten bereitstellen müssten. Bits of Freedom weist zugleich darauf hin, dass sich wegen der geschlossenen Prozesse bei Meta schwer beweisen lasse, ob solche Sperrungen absichtlich, fehlerhaft oder durch Moderationssysteme verursacht seien.
Wenn mit dem Account auch Reichweite verschwindet
Wie gravierend solche Sperrungen sein können, zeigt der Fall Tillatec. Der Amsterdamer Klub verlor nach übereinstimmenden Berichten rund 40.000 Follower. Resident Advisor (RA) berichtet, Tillatec habe nach der Sperrung angekündigt, künftig nicht mehr über Instagram über Events und Ticketing zu kommunizieren, sondern auf andere Kanäle wie WhatsApp, Signal, Telegram, Pixelfed und die eigene Website auszuweichen.
Für Klubs und Community-Orte ist Instagram damit nicht nur Werbung, sondern Teil der alltäglichen Organisation. Wer dort plötzlich verschwindet, verliert nicht nur Reichweite, sondern auch einen direkten Kommunikationsweg zum Publikum.
Auch Berliner Klubs betroffen
Die Fälle in den Niederlanden stehen nicht allein. Auch in Berlin wurden zuletzt Accounts aus dem queeren und sexpositiven Nachtleben gesperrt oder gelöscht. Wie RA schreibt, wurde auch der Instagram-Account des KitKatClub Ende März 2026 zeitweise deaktiviert, nach direkter Kontaktaufnahme mit Meta später wiederhergestellt (männer* berichtete).
FOTO: KitKatClub
Kitty
Auch der Instagram-Account des KitKatClub war Ende März 2026 zeitweise gesperrt.
Ebenfalls betroffen war das Insomnia. Nach Angaben der Betreiberin wurden sogar zwei Accounts deaktiviert – ohne Vorwarnung, ohne echte Kontaktmöglichkeit und in einem Fall offenbar ohne Möglichkeit, Widerspruch einzulegen. Bereits zuvor hatte auch das Berliner queere Partyformat Gegen ähnliche Erfahrungen geschildert. Laut RA wurde der Instagram-Account des Kollektivs 2025 mehrfach gelöscht; Meta habe dies unter anderem mit dem Vorwurf „human exploitation“ begründet, den Gegen als unbegründet zurückwies.
Damit verdichtet sich der Eindruck, dass nicht nur einzelne Accounts betroffen sind, sondern gerade queere, sexpositive und subkulturelle Veranstaltungsorte immer wieder an die Grenzen automatisierter oder undurchsichtiger Plattformmoderation geraten.
Einige Accounts offenbar wiederhergestellt
Inzwischen scheint sich die Lage teilweise bewegt zu haben. NL Times berichtete Anfang Mai, dass mehrere niederländische LGBTIQ*-Accounts wiederhergestellt worden seien, darunter Accounts von The Queer Agenda und Club Church. Der Wiederherstellungsprozess sei jedoch uneinheitlich verlaufen; nicht alle betroffenen Accounts seien automatisch zurückgekehrt. Zudem hätten die Betreiber*innen nach eigenen Angaben weiterhin keine offizielle Erklärung erhalten, warum ihre Accounts zunächst entfernt und später wiederhergestellt wurden.
Damit bleibt der zentrale Kritikpunkt bestehen: Solange Plattformentscheidungen kaum nachvollziehbar sind, können queere Communitys ihre digitale Sichtbarkeit jederzeit verlieren – ohne genau zu wissen, warum.
Größeres Problem der Plattformmoderation
Die aktuellen Fälle stehen nicht isoliert da. Bereits Ende 2025 berichteten Medien und Organisationen über Einschränkungen oder Sperrungen von Accounts aus den Bereichen queere Community, sexuelle Gesundheit und reproduktive Rechte. The Guardian berichtete damals über mehr als 50 betroffene Organisationen weltweit; Meta wies den Vorwurf politischer oder ideologischer Voreingenommenheit zurück und erklärte, die eigenen Regeln einheitlich anzuwenden.
Gerade deshalb fordern Betroffene und Bürgerrechtsorganisationen mehr Transparenz: Welche Regel wurde verletzt? Wer entscheidet über Sperrungen? Wie funktioniert der Einspruch? Und warum trifft es immer wieder Accounts, die für marginalisierte Communitys wichtige Anlaufstellen sind?
Solange diese Fragen offenbleiben, bleibt aus einem gelöschten Profil mehr als ein technisches Ärgernis. Es wird zu einer Frage digitaler Sichtbarkeit – und dazu, wer im Netz zuverlässig erreichbar bleibt.