Ein Geburtstagskuss, fotografiert von der eigenen Oma, löst in Italien eine Welle homophober Kommentare aus – bis hin zu einer Morddrohung. Doch die 70-jährige Loretta Togni stellt sich entschieden hinter ihren Enkel Luca und dessen Freund Cristian.
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Es sollte eine schöne Erinnerung an eine Familienfeier werden: Luca Leonardi und Cristian Valdinoci küssen sich vor einer Geburtstagstorte, auf der „Auguri Cri“ steht – alles Gute zum Geburtstag, Cristian. Fotografiert hat den Moment Lucas Großmutter, die 70-jährige Loretta Togni. Wenige Tage später wird das Bild im Internet zum Auslöser einer Welle homophober Anfeindungen.
Die beiden jungen Männer leben in der Nähe von Rimini und sind seit rund sieben Monaten ein Paar. Cristian ist 23, Luca 22 Jahre alt. Am 4. Oktober veröffentlichen sie die Fotos ihrer gemeinsamen Feier auf Instagram. Später verbreiten sich die Aufnahmen auch auf Threads – weit über ihren Freundeskreis hinaus.
Vom Familienfoto zur Morddrohung
Nach Angaben des italienischen LGBTIQ*-Portals Gay.it erreichte der Beitrag auf Threads rund 262.000 Aufrufe, 9.000 Likes und 1.600 Kommentare. Viele Menschen gratulieren dem Paar oder freuen sich über die Bilder. Doch zwischen Glückwünschen und Herzchen finden sich zunehmend homophobe Anfeindungen.
Einige Nutzer*innen bezeichnen Homosexualität als Krankheit und empfehlen den beiden Männern psychologische Behandlung. Andere werfen ihnen vor, ihre Beziehung öffentlich zur Schau zu stellen. Ein Kommentar fordert sie auf, wenigstens Rücksicht auf Kinder zu nehmen, die durch solche Bilder angeblich verwirrt würden.
Besonders erschreckend ist eine offen gewaltverherrlichende Äußerung. „Vanno messi a morte“, schreibt eine Person – auf Deutsch: „Sie gehören getötet.“ Gay.it hat den Kommentar in einer Instagram-Bildstrecke dokumentiert.
Die Reaktionen zeigen unterschiedliche Formen von Homophobie: von unverhohlenen Beschimpfungen über religiöse Schuldzuweisungen bis zur Forderung, gleichgeschlechtliche Liebe dürfe zwar existieren, solle aber unsichtbar bleiben.
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Großmutter Loretta stellt sich vor ihren Enkel
Für Loretta Togni ist diese Ablehnung kaum nachvollziehbar. Schließlich hat sie das Foto selbst aufgenommen – bei einer Feier, auf der ihr Enkel und dessen Freund ganz selbstverständlich zur Familie gehören.
Die 70-Jährige reagiert mit einem öffentlichen Brief auf die Anfeindungen, der unter anderem von Rai News und Il Resto del Carlino zitiert wurde. Darin verteidigt sie die Beziehung der beiden Männer und stellt klar, dass für sie deren Liebe und Glück zählen. Ihre Botschaft richtet sich nicht nur an die Verfasser*innen der Hasskommentare, sondern auch an andere Familien: Die Liebe zweier Menschen sollte kein Anlass für Ausgrenzung sein.
„Als Großmutter kann ich nur sagen, dass Liebe keine Grenzen kennt und dass das Glück und die Akzeptanz meiner Familie an erster Stelle stehen, ebenso wie die Freiheit des Menschen“,
schrieb Oma Loretta an ihren Enkel.
„Ich glaube, dass Liebe jedes Schema, jedes Vorurteil und jede Verallgemeinerung überwinden kann. Es lebe die Liebe. Mit lieben Grüßen, deine Oma.“
Auch Lucas Eltern stehen hinter dem Paar. Sein Vater Denis Leonardi hat öffentlich über das Coming-out seines Sohnes gesprochen; ebenso unterstützt Lucas Mutter Marika Tosi die Beziehung. Damit erfährt das Paar innerhalb seiner Familie genau jene Akzeptanz, die ihm Teile der Öffentlichkeit verweigern.
Luca und Cristian wollen sich nicht verstecken
Bemerkenswert ist, wie die beiden jungen Männer selbst mit den Angriffen umgehen. In einem Gespräch mit Gay.it wurden sie gefragt, ob sie die Bilder trotz der Anfeindungen noch einmal veröffentlichen würden. Ihre Antwort fiel eindeutig aus: Ja.
Wer einen solchen Beitrag nicht sehen wolle, müsse ihn schließlich nicht ansehen. Ein einfaches Weiterscrollen genüge, erklärten die beiden sinngemäß.
Dass sie ihre Beziehung weiterhin öffentlich zeigen wollen, bedeutet allerdings nicht, dass sie die Angriffe hinnehmen müssen. Nach italienischen Medienberichten hat sich Cristian bereits anwaltlich beraten lassen. Das Paar prüft rechtliche Schritte gegen besonders schwerwiegende Kommentare. Die LGBTIQ*-Organisationen Arcigay und Agedo haben Unterstützung angeboten.
Homophobe Hasskriminalität: Italien hat weiterhin eine Schutzlücke
Der Fall fällt in eine Zeit, in der Italien weiterhin über den rechtlichen Schutz von LGBTIQ*s streitet. Eine ausdrückliche Erweiterung bestehender strafrechtlicher Vorschriften gegen Hasskriminalität auf sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität scheiterte 2021 im italienischen Senat. Das Anti-Homophobie-Gesetz „Disegno di legge Zan“ (Ddl Zan, benannt nach dem Abgeordneten Alessandro Zan) sollte den Schutz vor Diskriminierung und Gewalt aufgrund von Geschlecht, sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und Behinderung in Italien verschärfen. Konservative Parteien und Vertreter*innen der katholischen Kirche hatten das Vorhaben bekämpft, der Gesetzesentwurf scheiterte.
Das bedeutet nicht, dass Bedrohungen oder andere strafbare Äußerungen gegen schwule Männer in Italien grundsätzlich folgenlos bleiben. Ob einzelne Kommentare strafrechtlich verfolgt werden können, hängt von ihrem Inhalt und den geltenden allgemeinen Vorschriften ab.
Für Luca und Cristian ist die gesellschaftliche Debatte inzwischen sehr persönlich geworden. Ein Kuss, der innerhalb ihrer Familie keinerlei Erklärung benötigte, wurde im Internet zum Anlass für Hass. Die beiden wollen sich davon nicht einschüchtern lassen. Und ihre Großmutter hat deutlich gemacht, auf wessen Seite sie steht.
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