Grafik: Equaldex (edited)
Die Vereinigten Staaten sind kein einheitliches Land, wenn es um die Rechte von queeren Menschen geht – sondern ein Flickenteppich aus Fortschritt, Stillstand und teils massivem Rückschritt. Das zeigt der aktuelle „LGBT Equality Index“ der Plattform Equaldex deutlich: Während Staaten wie Kalifornien, New York oder Massachusetts mit nahezu vollständiger rechtlicher Gleichstellung punkten, bleiben queere Menschen in anderen Landesteilen rechtlich weitgehend ungeschützt. Die Spannweite reicht von 96 Punkten (Washington, D.C.) bis hinunter zu nur 55 Punkten in Mississippi.
Legal ist nicht gleich sicher
Der Equality Index setzt sich aus zwei Komponenten zusammen: dem rechtlichen Status quo (Legal Index) und der öffentlichen Meinung (Public Opinion Index). In Bundesstaaten wie Michigan oder Pennsylvania zeigt sich ein gefährlicher Widerspruch: Dort existieren umfassende Schutzgesetze – etwa gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz oder beim Wohnen –, aber die gesellschaftliche Akzeptanz ist deutlich geringer. In Michigan beispielsweise beträgt die Differenz zwischen Gesetzeslage (94) und öffentlicher Zustimmung (66) satte 28 Punkte.
Diese Kluft ist kein Einzelfall: In über einem Dutzend Bundesstaaten geht der rechtliche Fortschritt weiter als das gesellschaftliche Klima. Das birgt Risiken – denn wo Akzeptanz fehlt, bleiben queere Menschen trotz juristischer Absicherung vulnerabel. So warnt auch Equaldex: Regionen mit hoher Kluft seien anfällig für politische Rückschritte, sobald sich Mehrheitsverhältnisse ändern.
Ein gespaltenes Land
Noch gravierender sind aber die Unterschiede zwischen den Bundesstaaten selbst. Washington, D.C. erreicht mit einem Legal Score von 96 nahezu volle Gleichstellung. Gleich dahinter: Massachusetts, Kalifornien, Oregon – allesamt mit Werten über 90. Hier dürfen queere Menschen heiraten, sich frei outen, erhalten Zugang zu genderaffirmierender Gesundheitsversorgung und sind vor Diskriminierung geschützt.
Ganz anders das Bild in Staaten wie Mississippi, Tennessee oder Alabama: Diese rangieren mit Werten zwischen 55 und 58 am unteren Ende des Index. Dort fehlen teils grundlegende Schutzrechte – von Antidiskriminierungsgesetzen über das Verbot von Konversiontherapien bis hin zur Anerkennung nicht-binärer Personen. In manchen Regionen sind auch Blutspenden für queere Männer weiterhin eingeschränkt.
Grafik: Equaldex
Rückschritte politisch gewollt?
Ein Blick auf die Gesetzeslage der letzten Jahre zeigt: Die rechtliche Spaltung wird zunehmend nicht nur geduldet, sondern produziert. Die Human Rights Campaign (HRC), die größte LGBTIQ*-Interessenvertretung der USA, dokumentierte im Jahr 2023 mehr als 570 queerfeindliche Gesetzesinitiativen – so viele wie nie zuvor. Eingebracht wurden sie fast ausschließlich in republikanisch regierten Bundesstaaten – also genau dort, wo der Legal Index ohnehin bereits niedrig liegt.
Ein Großteil dieser Gesetzesvorhaben richtet sich gegen trans Jugendliche, etwa durch das Verbot von Pubertätsblockern, die Einschränkung beim Toilettenzugang nach Geschlechtsidentität oder durch sogenannte „Don’t Say Gay“-Gesetze, die queere Inhalte aus dem Schulunterricht verbannen sollen. In Staaten wie Florida, Texas oder Tennessee wurden darüber hinaus sogenannte „Slate of Hate“-Gesetze eingebracht oder verabschiedet – darunter etwa Verbote von Drag-Auftritten, Zensur queerer Literatur oder pauschale Einschränkungen für geschlechtsangleichende Maßnahmen.
Ziel dieser Gesetzeswelle sei es, so HRC, queere Sichtbarkeit zu verdrängen und insbesondere trans Menschen zu kriminalisieren oder pathologisieren. Damit vertiefen sich nicht nur die rechtlichen Unterschiede zwischen den Staaten, sondern auch das gesellschaftliche Klima polarisiert sich weiter – mit messbaren Folgen für Sicherheit, Teilhabe und psychisches Wohlbefinden queerer Menschen.
Deutschland im Vergleich
Im Vergleich zu den USA wirkt Deutschland fast homogen: Mit einem landesweiten Legal Score von 81 und bundeseinheitlicher Gesetzgebung bestehen kaum regionale Unterschiede. Zwar ist auch hier die öffentliche Meinung gespalten – laut Equaldex unterstützen nur 47 % der Deutschen aktiv queere Rechte –, aber die rechtlichen Rahmenbedingungen gelten bundesweit. Zumindest die rechtliche Kluft zwischen Nord und Süd, Stadt und Land, ist daher nicht so maßgebend wie in den USA.
*Quellen: Human Rights Campaign, Equaldex