51 Gäste einer Schwulenbar wurden auf eine Polizeiwache gebracht, Beamte fielen mit diskriminierenden Äußerungen auf. Nach Protesten reagierte Taipehs Bürgermeister: Er bedauerte das Verhalten der Polizei, mehrere Beamt*innen wurden sanktioniert und Führungskräfte bestraft. Doch damit ist der Fall nicht beendet: Ein Parteienbündnis hat nun Strafanzeige gestellt.
Commander D Another Believer - Own work, CC BY-SA 4.0, Link
Die Lederbar Commander D in Taipei.
Eine umstrittene Polizeirazzia in einer bekannten Schwulenbar entwickelt sich in Taiwans Hauptstadt Taipeh zu einer größeren Affäre. Nachdem Einsatzkräfte am 3. Oktober 51 Gäste der BDSM-Bar Commander D zur Befragung auf eine Polizeiwache gebracht hatten, wurden inzwischen sechs Polizisten und Führungskräfte disziplinarisch belangt. Taipehs Bürgermeister Chiang Wan-an entschuldigte sich bei den Betroffenen.
51 Gäste zur Befragung mitgenommen
Die Polizei hatte die vor allem von schwulen Männern besuchte BDSM-Bar Commander D im Stadtteil Wanhua mit einem richterlichen Durchsuchungsbeschluss durchsucht. Nach eigenen Angaben waren in diesem Jahr 13 Beschwerden wegen mutmaßlicher Verstöße gegen die öffentliche Sittlichkeit eingegangen.
Die Beamten trafen in der Bar nach Polizeiangaben auf nackte Gäste und fanden benutzte Kondome. Insgesamt wurden 51 Personen zur Polizeiwache gebracht und nach ihren Aussagen wieder entlassen. Gegen den Verantwortlichen des Lokals wurde ein Verfahren wegen des Verdachts auf Verstöße gegen die öffentliche Sittlichkeit eingeleitet.
Das Vorgehen gegen die Gäste sorgte allerdings schnell für Kritik. Einer der Betroffenen berichtete, mehr als sechs Stunden festgehalten worden zu sein. Ihm sei vorgeworfen worden, gegen Vorschriften verstoßen zu haben, weil er in der heißen und vollen Bar sein Shirt ausgezogen hatte. Die Polizei erklärte später, voraussichtlich keine Bußgelder gegen die 51 Gäste zu verhängen.
Polizisten beleidigen Gäste
Noch größere Empörung lösten Videoaufnahmen vom Einsatz aus. Auf einer davon ist zu hören, wie ein Polizist gegenüber einem Gast im Rollstuhl eine abfällige Bemerkung darüber macht, wie Menschen mit Behinderung Sex haben könnten. Andere Beamte sollen Gäste unter anderem zum Niederknien aufgefordert und sie daran gehindert haben, den Einsatz zu filmen.
Die Polizeiführung wertete anschließend 41 Aufnahmen des Einsatzes aus. Das Ergebnis: Vier Beamte wurden wegen unangemessener Äußerungen mit jeweils zwei dienstlichen Verwarnungen belegt. Der leitende Ermittler erhielt wegen mangelnder Aufsicht einen Verweis. Auch der Chef des Polizeireviers in Wanhua, Chen Yung-hua, wurde mit zwei Verwarnungen bestraft. Insgesamt wurden laut CNA damit sechs Polizisten beziehungsweise Führungskräfte disziplinarisch belangt.
Polizeichef Lin Yen-tien kündigte außerdem zusätzliche Schulungen zu Vielfalt und kultureller Sensibilität an.
Bürgermeister entschuldigt sich
Taipehs Bürgermeister Chiang Wan-an bezeichnete den Vorfall der Agentur Reuters zufolge als bedauerlich und entschuldigte sich bei den Betroffenen. Unabhängig von Alter, Geschlecht, sexueller Orientierung, Identität, Herkunft oder Überzeugungen müssten alle Menschen in Taipeh geschützt und gleich behandelt werden, erklärte er.
Foto: I-Hwa Cheng/AFP
TAIWAN-TECHNOLOGY-NVIDIA
Taipehs Bürgermeister Chiang Wan-an (li) mit Nvidia-Chef Jensen Huang im Mai 2026 im Shilin-Beitou Technology Park in Taipeh.
Die politische Brisanz ist enorm. Chiang tritt im November voraussichtlich erneut zur Bürgermeisterwahl an und hat in der Vergangenheit selbst an der Taiwan Pride teilgenommen. Auch in diesem Jahr wolle er voraussichtlich wieder mitlaufen, sagte Chiang. Die 24. Taiwan Pride findet am 31. Oktober in Taipeh statt.
Neue Vorwürfe: Drohte die Polizei mit einem Outing?
Inzwischen sind weitere Vorwürfe bekannt geworden. Nach Berichten taiwanischer Medien erklärte die Polizei, die 51 Gäste seien als Zeug*innen zur Klärung des Sachverhalts befragt worden und nicht verpflichtet gewesen, freiwillig Aussagen zu machen.
Betroffene schildern jedoch ein anderes Bild. Demnach sollen Polizisten angekündigt haben, bei einer Verweigerung der Aussage eine offizielle Vorladung nach Hause zu schicken. Für nicht geoutete schwule Männer hätte dies bedeutet, dass Angehörige möglicherweise von ihrem Besuch der Bar erfahren. Einem weiteren Betroffenen soll mit Handschellen gedroht worden sein, falls er keine Aussage mache.
Ob diese Vorwürfe zutreffen und ob das Vorgehen rechtswidrig war, ist bislang nicht abschließend geklärt. Chiang erklärte am 7. Oktober, sämtliche Zweifel am Ablauf des Einsatzes müssten untersucht und öffentlich beantwortet werden.
Parteienbündnis stellt Strafanzeige
Genau hier setzt die jüngste Entwicklung an. Das Bündnis Taiwan Forward, dem unter anderem die New Power Party, die Taiwan Statebuilding Party und die Taiwan Green Party angehören, stellte am 7. Oktober Strafanzeige gegen beteiligte Polizeibeamte.
Nach Auffassung des Bündnisses reichen die internen Disziplinarmaßnahmen der Polizei nicht aus. Eine beteiligte Anwältin verwies darauf, dass ein Durchsuchungsbeschluss nicht automatisch dazu berechtige, sämtliche anwesenden Gäste zu durchsuchen oder auf die Polizeiwache zu bringen. Wie die taiwanische Nachrichtenagentur CNA berichtet, wirft das Bündnis den beteiligten Beamt*innen unter anderem rechtswidrige Durchsuchung, Nötigung und Freiheitsentziehung vor und fordert eine unabhängige strafrechtliche Untersuchung.
Damit muss nun geklärt werden, wo bei der Razzia die Grenze zwischen einem rechtmäßigen Einsatz gegen mögliche Verstöße und einem unverhältnismäßigen Eingriff in die Rechte der Gäste verlief.
LGBTIQ*-Organisationen warnen vor „historischer Unterdrückung“
Bereits einen Tag nach der Razzia hatten die Taiwan Tongzhi Hotline Association und weitere Organisationen in einer gemeinsamen Erklärung eine unabhängige Untersuchung verlangt. Sie fordern unter anderem, die Einsatzaufzeichnungen zu sichern und soweit rechtlich möglich offenzulegen sowie verbindliche Regeln für Polizeieinsätze in LGBTIQ*-Einrichtungen zu schaffen.
Dass ausgerechnet Taipeh Schauplatz dieser Auseinandersetzung ist, verleiht dem Fall zusätzliche Bedeutung. Taiwan führte 2019 als erstes Land Asiens die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare ein. Die Hauptstadt beherbergt zudem eine der größten Pride-Veranstaltungen Asiens.
Foto: Cheng Yu-chen / AFP
Regenbogen über Taipei: Bei der Taiwan Pride 2025 feierten Zehntausende in der Hauptstadt. Der aktuelle Streit um die Razzia in einer Schwulenbar zeigt, dass Sichtbarkeit allein nicht vor Diskriminierung schützt.
Die Organisator*innen des Taiwan Pride warnen allerdings selbst davor, diese Fortschritte für unumkehrbar zu halten. In ihrer Erklärung zum diesjährigen Pride verweisen sie auf einen organisierten internationalen Anti-LGBTIQ*-Backlash und zunehmend konservative Einstellungen auch innerhalb Taiwans. Die Zustimmung zum Recht gleichgeschlechtlicher Paare auf Eheschließung sei in einer Regierungsumfrage binnen eines Jahres um 6,3 Prozentpunkte gesunken. Bei der Möglichkeit, den Geschlechtseintrag ohne vorherige Operation zu ändern, sank die Zustimmung demnach von 40,7 auf 26,8 Prozent.