Foto: C. Schmidt
Tim
Religion, der Glaube an eine höhere Macht, an das große Ganze, kann Menschen helfen, besser zu leben und Gutes zu tun. Zu streng ausgelegte Schriften und Grundsätze können aber auch zu Leid führen. Hier ist unser Nachgefragt mit Tim zum Thema.
Wie stehen denn die Zeugen Jehovas zu LGBTIQ*? Jehovas Zeugen stehen Schwulen neutral gegenüber. Sie äußern sich nicht negativ, befürworten es jedoch auch nicht. Innerhalb der Gemeinde ist es aber nicht erlaubt, als bekennender Schwuler zu leben. Es werden bestimmte Bibelverse wie zum Beispiel 3. Mose 18,22 „Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau, es ist ein Gräuel“ zur Untermauerung ihres Standpunkts zitiert.
Hängt dein Ausstieg mit deiner Homosexualität zusammen? Ja, das ist der Hauptgrund. Ich wollte kein Doppelleben mehr führen und mich nicht verstecken, wenn ich mit meinem Freund zusammen bin.
Wie lange dauerte dein Ausstieg? Der Ausstieg an sich ging schnell. Allerdings hat es Jahre gedauert, bis ich mir bewusst war, dass ich schwul bin, mich geoutet habe und mich schlussendlich dazu entschied, die Zeugen zu verlassen.
Wurde viel Druck aufgebaut? Sie ermuntern einen, sich immer noch mehr für die Zeugen Jehovas einzusetzen, da man eine Vorbildfunktion für andere haben soll. Und als die Ältesten mitbekommen haben, dass ich schwul bin und ich nicht mehr so oft an den Zusammenkünften teilnahm, haben sie in vielen privaten Gesprächen versucht, die Fassade von einem perfekten Zeugen aufrechtzuerhalten. So sagten sie zu mir, wenn ich mich mehr für die Zeugen Jehovas einsetzte, dann werde Jehova auch mir helfen, oder dass ich eine Frau heiraten soll, dann wären alle meine Probleme gelöst. Nach diesem Gespräch war ich mir dann sicher, dass ich dort nicht länger hingehöre.
Wie ist jetzt dein Verhältnis zu deiner ehemaligen Gemeinde (deiner Familie?)? Zu meinen damaligen Freunden habe ich leider keinen Kontakt mehr. Das Verhältnis zu meiner Familie gestaltet sich schwierig. Zu meinen Eltern habe ich sehr wenig Kontakt, ab und zu spricht man miteinander, allerdings in angespannter Atmosphäre. Mein großer Bruder hat den Kontakt zu mir leider komplett abgebrochen. Zum Glück habe ich auch Familienmitglieder, die sich wie ich für einen Austritt entschieden haben. Bei meiner Tante und anderen bin ich immer willkommen.
Was ist dein Rat an Aussteiger? Ich würde Menschen, die aus einer solchen religiösen Gemeinschaft austreten wollen, raten, sich nicht unter Druck setzen zu lassen. Man muss erst bereit sein und sich über die Konsequenzen klar werden. Mir haben meine (dann neuen) Freunde sehr dabei geholfen, indem sie mich aufgenommen haben, als ich bei meinen Eltern raus war. Und bereut habe ich es bis heute nicht.
*Interview: Michael Rädel
