Neue Zahlen der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte zeigen: Wer intersexuell ist, lebt gefährlicher als je zuvor. Desinformation, rechte Hetze und Schweigen der Politik kosten Menschen Sicherheit und Würde. Die Agentur fordert: Schluss mit sogenannten Konversionsverfahren, Schluss mit medizinischen Zwangseingriffen.
Die Gewalt und Belästigung gegen intersexuelle Menschen ist seit 2019 deutlich gestiegen. Das geht aus dem zweiten Bericht der Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA) „Being intersex in the EU“ hervor, der am 17. September veröffentlicht wurde. Als Hauptursache nennt die FRA vor allem Desinformation.
„Eine von drei Personen wurde in den fünf Jahren vor der Befragung körperlich oder sexuell angegriffen“, heißt es in der Mitteilung zum Bericht. Intersexuelle Menschen gelten darin als „eine extrem marginalisierte Gruppe“.
Dreimal häufiger Gewalt ausgesetzt als LGBTIQ*s insgesamt
Für die Erhebung wurden 2023 insgesamt 1.920 intersexuelle Personen in 30 EU-Staaten sowie in den westlichen Balkanstaaten online befragt. Die FRA stellt eine „signifikante Zunahme der Gewalt seit 2019“ fest – mit einer „dreimal höheren Rate“ als bei der Gesamtgruppe der LGBTIQ*-Personen.
Mehr als zwei Drittel der Befragten (69 Prozent) machen „die negative Haltung und Äußerungen von Politiker*innen“ für diese Entwicklung verantwortlich. Laut Bericht hat zudem mehr als die Hälfte (57 Prozent) dieser „verletzlichen Minderheit“ ohne ihre informierte Zustimmung chirurgische Eingriffe oder andere medizinische Behandlungen erfahren, die ihre körperlichen Merkmale verändern sollten.
Intersexuelle Menschen sind die einzige Gruppe innerhalb der LGBTIQ*-Community, die seit der letzten Erhebung keinen Rückgang an Diskriminierung verzeichnet hat. Knapp zwei von fünf Befragten (39 Prozent) berichten, sogenannten „Konversionsverfahren“ zur Änderung ihrer sexuellen Orientierung oder ihres Geschlechts ausgesetzt gewesen zu sein – im Vergleich zu einem Viertel bei allen LGBTIQ*-Gruppen.
Der Bericht verweist besonders auf die Rolle von Desinformation im Internet. „Aktuelle EU-Forschungen“ zeigten, dass es vor allem trans- und intersexuelle Menschen sind, die von Falschinformationen am stärksten betroffen sind – Bevölkerungsgruppen, über die die breite Öffentlichkeit nur wenig wisse.
FRA fordert dringende Reaktion
Die FRA empfiehlt der EU und ihren Mitgliedsstaaten unter anderem, Intergeschlechtlichkeit ausdrücklich in die Antidiskriminierungsgründe aufzunehmen und die menschenunwürdigen sogenannten Konversionsverfahren zu verbieten. „Intersexuelle Menschen sind alarmierenden Formen der Ausgrenzung ausgesetzt (…) ihre Situation erfordert eine dringende Reaktion“, betonte FRA-Direktorin Sirpa Rautio.
Der erste Bericht der Agentur zum Thema war 2015 erschienen. Nach Definition der FRA werden intersexuelle Menschen „mit angeborenen Variationen der Geschlechtsmerkmale geboren, die nicht den typischen Definitionen von Frau oder Mann entsprechen“. Innerhalb der EU bieten nur Bulgarien und Ungarn „keine Möglichkeit zur rechtlichen Anerkennung des Geschlechts bei Variationen“. *ARP/sah
