Grindr testet mit EDGE ein KI-Abo, das mehrere hundert Dollar im Monat kosten kann. Gleichzeitig plant der Konzern ein noch exklusiveres Luxusangebot für wohlhabende schwule Männer. Die Geschäftszahlen zeigen, warum Grindr verstärkt auf zahlungskräftige Nutzer setzt.
Wer die Preise von Grindr Unlimited bereits für ambitioniert hielt, bekommt derzeit einen neuen Einblick in die Monetarisierungsstrategie der Plattform. Unter dem Namen EDGE testet Grindr eine neue Premiumstufe, die preislich deutlich über den bisherigen Angeboten XTRA und Unlimited angesiedelt ist.
Wie hoch die Preise im Test tatsächlich ausfallen können, zeigen Screenshots, die Anfang Februar bei Business Insider kursierten: Dort wurden Nutzern monatliche EDGE-Tarife von 349,99 und 499,99 US-Dollar sowie Wochenpreise zwischen 80 und 220 US-Dollar angezeigt – macht bei den oberen Preispunkten umgerechnet auf ein Jahr zwischen 4.200 und knapp 6.000 US-Dollar.
Im Rahmen des Tests werden Nutzer in ausgewählten Regionen – darunter Kanada, Australien, Neuseeland und einzelne US-Städte – unterschiedliche Preise angezeigt. Grindr bezeichnet die Preisvergabe ausdrücklich als zufällig, dennoch sorgte ein Testpreis von 500 kanadischen Dollar (umgerechnet etwa 350 bis 375 US-Dollar) zuletzt für Aufmerksamkeit. Grindr-Chef George Arison beschwichtigte und erklärte, es handle sich um eine zufällige Preisvergabe, um die Zahlungsbereitschaft des Marktes zu prüfen.
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George Arison, CEO von Grindr, auf der Grindr White House Correspondents' Dinner Weekend Party 2026 im LXIV DC am 24. April 2026 in Washington.
KI soll Zeit bei der Suche sparen
EDGE basiert auf Grindrs eigener KI-Technologie „gAI“. Die „A-List“ fasst frühere relevante Chats und verpasste Kontakte zusammen, „Discover“ liefert täglich personalisierte Profilempfehlungen. „Profile Insights“ wiederum soll einschätzen helfen, wer wahrscheinlich antwortet und wie gut Profile etwa bei Alter, Position oder „Tribe“ zusammenpassen.
Grindr verkauft das nicht als KI um der KI willen. In seiner Produktplanung verspricht das Unternehmen weniger Scrollen, weniger Sackgassen und schneller passende Kontakte. EDGE soll sich ausdrücklich an besonders aktive Nutzer richten, denen diese Effizienz einen höheren Preis wert ist.
Bislang scheint zumindest das Produkt selbst auf Interesse zu stoßen. Arison erklärte beim jüngsten Earnings Call, die Nutzung der EDGE-Funktionen sei sehr hoch und die Bindung der bisherigen Abonnentinnen besser als erwartet. Grindr habe sogar Kunden gewonnen, die zuvor überhaupt kein Bezahlabo hatten. Wie viele Menschen EDGE tatsächlich abonnieren und welche Preise sie zahlen, veröffentlicht das Unternehmen allerdings nicht.
Nach EDGE kommt der Luxus-Club
EDGE ist nur ein Teil der Strategie. Grindr arbeitet bereits an einem weiteren, nur auf Einladung zugänglichen Luxusangebot. In der offiziellen Produkt-Roadmap ist von einer ausgewählten Gruppe besonders engagierter Mitglieder, bevorzugter Sichtbarkeit und einem stärker auf Lifestyle zugeschnittenen Angebot die Rede.
Gegenüber der Financial Times (Paywall) beschrieb Arison die Idee als „Social Club für den modernen schwulen Mann“. Die Zielgruppe: Menschen mit erheblichem verfügbarem Einkommen, für die Zeit einen hohen Wert hat. Das Angebot soll noch oberhalb von EDGE angesiedelt sein.
Vom Hook-up-Radar zum „Global Gayborhood“
Grindr will damit längst mehr sein als eine Dating- und Hook-up-App. Die eigene Vision nennt der Konzern in seiner Produkt-Roadmap für 2026 das „Global Gayborhood in Your Pocket“. Dazu gehören künftig auch Angebote außerhalb der klassischen Profilsuche.
So will Grindr Hotelbuchungen direkt innerhalb seiner Kartenfunktion testen. In den USA soll außerdem ein „Health Center“ starten, das neben Angeboten zur sexuellen Gesundheit unter anderem Themen wie Gewichtsmanagement, Haarausfall und allgemeine Wellness umfasst. Langfristig könnten solche Leistungen auch mit einzelnen Grindr-Abos verknüpft werden.
Umsatz könnte sich gegenüber 2022 fast verdreifachen
Wirtschaftlich ist nachvollziehbar, warum Grindr stärker auf zahlungskräftige Nutzer setzt.
2022 erzielte die Plattform einen Jahresumsatz von 195 Millionen US-Dollar. Für 2026 hat das Unternehmen seine Prognose inzwischen auf rund 540 Millionen US-Dollar angehoben. Sollte Grindr dieses Ziel erreichen, läge der Umsatz damit innerhalb von vier Jahren fast beim Dreifachen.
Im zweiten Quartal 2026 erwirtschaftete Grindr laut Geschäftsbericht bei der US-Börsenaufsicht SEC 138,1 Millionen US-Dollar Umsatz, 32,5 Prozent mehr als ein Jahr zuvor. Gleichzeitig zählte das Unternehmen im Schnitt 1,4 Millionen zahlende Nutzer – gegenüber 1,2 Millionen im Vorjahresquartal. Grindr schreibt selbst, dass unter anderem Preisexperimente und der Wechsel von Kund*innen in höherpreisige Angebote zum Wachstum beigetragen hätten.
Damit wird EDGE wirtschaftlich interessant, ohne je ein Massenabo werden zu müssen. Arison sagte bereits im Mai, dass er langfristig einen Anteil von nur 0,5 bis einem Prozent der monatlich aktiven Nutzer bei EDGE für einen großen Erfolg halten würde.
In Deutschland kostet Unlimited bis zu 39,99 Euro
Zum Vergleich: Im deutschen Apple App Store werden derzeit für Grindr XTRA In-App-Käufe bis 17,49 Euro und für Unlimited bis 39,99 Euro aufgeführt. Die Preise unterscheiden sich je nach Angebot und Laufzeit. Selbst niedrigere bislang bekannt gewordene EDGE-Testpreise würden damit in einer völlig anderen Liga spielen.
Neben XTRA und Unlimited kann Grindr weiterhin kostenlos mit eingeschränktem Funktionsumfang genutzt werden. Gerade diese Gratisversion sorgt allerdings seit Längerem für Kritik.
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Mit dem KI-Abo EDGE experimentiert Grindr mit einer neuen Preisdimension.
Kritik an immer mehr Bezahlschranken
Nutzer beklagen unter anderem Werbung und Funktionen, die zunehmend den kostenpflichtigen Angeboten vorbehalten sind. Die Unterschiede sind deutlich: Kunden mit Gratis-Abos sehen laut Grindr nur einige Dutzend Profile in ihrer Umgebung, mit XTRA sind es bis zu 500, mit Unlimited alle verfügbaren Profile. Auch Funktionen wie „Explore“ oder „Viewed Me“ sind in der kostenlosen Version stärker eingeschränkt.
In Reddit-Diskussionen finden sich entsprechend immer wieder Beschwerden über eine begrenzte Grid-Ansicht, Werbung und Profile hinter der Paywall. Repräsentativ sind solche Beiträge nicht. Dass Grindr seine Bezahlschranken und Preise gezielt optimiert, bestätigt das Unternehmen allerdings selbst: In seinen aktuellen Finanzunterlagen führt Grindr das Wachstum unter anderem auf „paywall optimizations“ und Preisexperimente zurück, bei denen mehr Kunden höherpreisige Angebote wählten.
Zugleich ist Grindr auf die große Zahl kostenloser Nutzer angewiesen. Nach Unternehmensangaben verwenden mehr als 90 Prozent die Gratisversion. Für 2026 hat Grindr angekündigt, auch deren Nutzungserlebnis weiterzuentwickeln, unter anderem bei der Werbung.
Wann EDGE breiter eingeführt wird, steht noch nicht endgültig fest. Im Mai nannte Arison Ende 2026 oder Anfang 2027 als möglichen Zeitraum und betonte, dass das Unternehmen dabei keinen Zeitdruck habe.
Ob genügend Nutzer bereit sind, Monat für Monat mehrere hundert Dollar für Grindr auszugeben, ist damit weiterhin offen. Dass Grindr mit Bezahlschranken, höheren Preisen und Premiumangeboten zunehmend mehr Umsatz aus seiner zahlenden Kundschaft herausholt, zeigen die Geschäftszahlen hingegen schon jetzt.