Nicht nur Sex und Dating, sondern echte Kontakte knüpfen: Mit diesem Konzept ging die schwule Social-App Goose im Sommer 2026 an den Start. Über gemeinsame Orte, Freunde und Interessen sollten sich Männer unkompliziert vernetzen, prominent unterstützt von Model Derek Chadwick. Aber der Hype hielt nicht lange. Recherchen von WIRED deckten auf, dass die Macher mit KI-generierten Fake-Profilen auf Instagram nach Nutzern fischten. Nun zieht Mitgründer Chadwick die Reißleine und tritt zurück.
Das Versprechen: Community statt reiner Hookup-Kultur
Goose ging mit dem Anspruch an den Start, das Miteinander in der Gay-Community wieder verbindlicher zu machen. Statt des typischen Swipens setzte die App auf einfache Signale wie ein digitales Anstupsen („Waving“), veranstaltete Events in der Szene und schützte die Privatsphäre der Nutzer, etwa durch eine automatische Screenshot-Sperre. Aushängeschild und Co-Gründer der Plattform war das schwule Model und der Schauspieler Derek Chadwick (31), der gemeinsam mit dem früheren BeReal-Community-Manager David Aliagas als Gesicht der Marke fungierte. Getragen von gezieltem Empfehlungsmarketing stieg die Anwendung im Juni 2026 kurzzeitig bis auf Platz 4 der Kategorie „Lifestyle“ im US-amerikanischen Apple App Store.
Enthüllt: KI-Influencer und gekaufte Fake-Accounts
Anfang Juli 2026 deckte das US-Magazin WIRED auf, mit welchen Methoden das Unternehmen im Hintergrund Nutzer anlockte: Journalisten enttarnten über zwei Dutzend Instagram-Accounts mit gefälschten, KI-generierten Fotos attraktiv wirkender Männer. Diese KI-Profile schrieben gezielt Männer auf Instagram an oder fügten sie zu ihrer „Enge Freunde“-Liste hinzu. Sie täuschten privates Interesse vor, nur um Einladungscodes für die App zu verteilen. Co-Gründer David Aliagas bot Inhabern von privaten Zweitprofilen („Finstas“) Geld dafür an, Werbung für Goose über ihre Accounts zu verbreiten.
Die Reaktion des Unternehmens: Bestreitung und Ablenkung
Auf die Vorwürfe bezüglich des externen Bot-Netzwerks reagierte die Unternehmensführung restriktiv. In einer Stellungnahme gegenüber Medien wie Out, The Advocate und DatingNews wies ein Sprecher die Anschuldigungen zurück und lenkte den Fokus auf die Konkurrenz:
„Goose mischt den Bereich der schwulen Apps auf, indem wir einen Ort schaffen, an dem echte Menschen echte Freunde, Dates und Community finden […]. Wir arbeiten rund um die Uhr daran, unsere App sicher und frei von Fake-Profilen zu halten, die andere Plattformen vermiest haben. Offensichtlich wird unsere Konkurrenz darauf aufmerksam.“ — Unternehmenssprecher von Goose
Das Unternehmen betonte, dass innerhalb der eigentlichen Dating-App keine KI-Bots existierten. Auf den Vorwurf, auf Instagram systematisch KI-Männer für die Werbung eingesetzt zu haben, ging wurde inhaltlich nicht eingegangen.
Rücktritt von Derek Chadwick
Am 19. August zog Mitgründer Derek Chadwick die Konsequenzen aus der anhaltenden Kritik und gab via Instagram seinen sofortigen Rückzug aus dem Unternehmen bekannt. In einer persönlichen Erklärungsnotiz distanzierte er sich von der strategischen Ausrichtung des Managements:
„Meine Vision für das Projekt und die Richtung, die das Unternehmen einschlägt, stimmen nicht mehr überein. Wenn mein Name und mein Gesicht für etwas stehen, muss ich voll dahinterstehen können. Als das nicht mehr der Fall war, fühlte es sich nicht mehr richtig an.“ — Derek Chadwick, Statement via Instagram
Ausblick
Die Idee hinter Goose, ein Gegenentwurf zu rein funktionalen Dating-Apps mit stärkerem Fokus auf Community, traf bei vielen Nutzern zunächst einen Nerv. Die anschließenden Diskussionen um die Werbestrategien und der Rücktritt von Derek Chadwick stellen das junge Unternehmen nun aber vor eine Neuausrichtung. Ob Goose die Herausforderungen der ersten Wachstumsphase nutzen kann, um sein Konzept erfolgreich weiterzuentwickeln, wird die kommende Zeit zeigen.
Außerdem: In einem Instagram-Post kündigte die Plattform kürzlich an: „P.S. Europe, get ready. We’re coming soon.“
*Quellen: WIRED, Out Magazine, The Advocate, Mashable, Instagram