Durk Dehner beschreibt einen Kahlschlag beim Personal der Stiftung, die er 1984 mitgegründet hat. Sein weitestgehender Vorwurf lässt sich widerlegen – mit Material, das die Stiftung fünf Tage nach seiner Mail selbst veröffentlicht hat. Und trotzdem bleibt eine Frage offen, die nur sie beantworten kann.
Wir haben Dehners Stellungnahme am 20. August im Wortlaut dokumentiert.
Was Dehner sagt
Zwischen ihm und der Stiftung gebe es keine Kommunikation mehr; nach einem Vorstandsbeschluss laufe der Austausch nur über Anwälte. Von Betroffenen habe er gehört, dass die Stellen von Archivar, Registrar, Künstlerkoordination, Spenden- und Mitgliederkoordination, Geschäftsführung sowie Direktion für globale Partnerschaften gestrichen worden seien. Die Programme im TOM House seien ausgesetzt oder abgesagt, auch das Artist-in-Residence-Programm. Er fürchte, historisches Wissen gehe verloren.
Das ist seine Darstellung. Und Dehner ist kein unbeteiligter Zeuge: Er trat im Januar 2025 als Präsident zurück, nachdem International Mr. Leather ihn wegen kursierender Fotos, die ihn in Nazi-Regalien zeigen, als Juror ausgeschlossen hatte. Die Stiftung erklärte damals, sie verurteile Rassismus, Hass und alle Symbole, mit denen solche Ansichten transportiert werden.
Ein Vorwurf hält der Prüfung nicht stand
Der weitreichendste ist der überprüfbarste. Zwölf Tage vor Dehners Mail lief ein Programm der Stiftung, nur nicht in Los Angeles: Die Amsterdamer raam art space zeigte vom 24. Juli bis 9. August in Zusammenarbeit mit der Tom of Finland Foundation die Gruppenausstellung „Fecund Ground“ mit Arbeiten von Künstler*innen aus der Tom of Finland Artist Residency, begleitet von Künstlergesprächen, Workshops und Performances vom 2. bis 8. August (qMeet, Pride Amsterdam).
Führungswechsel bei der Tom of Finland Foundation seit Juni 2024. Quellen: Mitteilungen der Stiftung, The Fight, Windy City Times, GuideStar.
Fünf Tage nach Dehners Mail wurde es eindeutig. Am 25. August stellte die Stiftung auf ihrer eigenen Newsseite einen neuen Artist-in-Residence vor. Roko Fearon beschreibt dort, wie er stundenlang Tausende Fotografien und Illustrationen im Archiv durchsah, und nennt ein Gemälde, das von der Architektur rund um das TOM House inspiriert sei. Der Beitrag ist mit „Artist-in-Residence“ und „TOM House“ verschlagwortet, für den 24. September ist Fearons Ausstellung „Lost & Found Fantasies“ angekündigt, und der vorangegangene Newsbeitrag begrüßt bereits den nächsten Residenzkünstler.
Dass das Artist-in-Residence-Programm ausgesetzt sei, ist damit nicht bloß unbestätigt. Es ist widerlegt, und zwar von der Stiftung selbst, mit einem Text, der nach Dehners Vorwürfen entstand.
Sie publiziert weiter. Nur nicht darüber
Über die Personalfrage sagt das nichts. Ein Residenzprogramm läuft auch mit dünner Besetzung – und jemand muss die Archivbestände betreuen, die Fearon durchgesehen hat.
Bemerkenswert bleibt, wie die Stiftung kommuniziert. Jeden Schritt ihres Umbaus hat sie selbst nach außen getragen. Juni 2024: Edward Cella wird Chief Executive Officer. Dezember 2024: Vorstandsvorsitzende Dan Henrickson tritt ab. 15. Januar 2025: R. Ayité Okyne wird zum Board Chair gewählt, der erste Schwarze und erste in Afrika geborene Vorsitzende. Juli 2025: vier neue Vorstandsmitglieder. August 2025: David Aldea übernimmt die Interimsleitung, Richard Villani wird Direktor für globale Partnerschaften. Heute führt die Stiftung in ihrer eigenen Meldung an GuideStar Robert Knox Hayes als Chairman und Aldea als Executive Director.
Fünf Führungswechsel in vierzehn Monaten, jeder öffentlich gemacht. Zum mutmaßlichen Abbau derselben Struktur: nichts. männer* hat die Stiftung am 21. August um Stellungnahme gebeten, mit Frist zum 26. August. Eine Antwort liegt nicht vor.
Sie publiziert weiter. Nur nicht darüber.
Über Kündigungen redet eine Organisation aus guten Gründen nicht. Arbeitsrechtlich ist Schweigen hier keine Vertuschung, sondern Pflicht. Nur beantwortet das die Frage nicht, die gestellt ist. Ob einzelne Menschen gehen mussten, geht die Öffentlichkeit nichts an. Ob Archiv und Registratur besetzt sind, schon.
Auf der Programmseite der Stiftung steht bis heute eine namentlich genannte Archivarin als Ansprechpartnerin für Bibliothek, Archiv und Sammlung – jene Stelle, deren Streichung Dehner behauptet. Ein Gegenbeweis ist das nicht, Websites hinken hinterher. Ein Prüfpunkt ist es.
Niemand kann sagen, wie groß die Sammlung ist
Die Tom of Finland Foundation nennt die Größe ihrer Sammlung in zwei einander widersprechenden Fassungen. Quellen: Pressemitteilung der Stiftung vom 15. Juli 2025 und tomoffinland.org/programs, abgerufen am 27. August 2026.
Ein Detail zeigt, worum es beim historischen Wissen geht. Die Stiftung nennt ihren eigenen Bestand in zwei unvereinbaren Fassungen. In der Pressemitteilung vom Juli 2025 steht: über 1.000 Originale Toms, mehr als 8.000 Arbeiten von 800 weiteren LGBTIQ*-Künstler*innen, 3.500 Bücher, 400 lineare Fuß Archivmaterial. Auf der eigenen Programmseite steht: knapp 5.000 dokumentierte Arbeiten Toms, eine Dauersammlung von über 2.000 Originalen und ephemeren Materialien, mehr als 6.000 Werke von 750 anderen Künstler*innen, 4.000 Bücher, 500 Zeitschriftentitel, über 100.000 Bilder im Archiv.
Beides sind Angaben derselben Institution. Sie widersprechen sich in jeder einzelnen Zahl.
Das ist kein Skandal, sondern typisch für einen Bestand, der zum großen Teil aus anonymen Nachlässen der Aidskrise stammt: Die Stiftung öffnete sich damals als sicherer Hafen für die Werke schwuler Künstler, die von Angehörigen vernichtet zu werden drohten. Bei so gewachsenen Sammlungen steckt die Herkunft eines Werks oft nicht in der Datenbank, sondern im Gedächtnis derer, die die Spender kannten. Genau darum ist die Frage nach der Registratur keine Personalfrage.
Der Streit um den Ort gehört dazu. Das Haus in der Laveta Terrace gehört Dehner, seit er es 1979 erwarb, und ist seit November 2016 Historic-Cultural Monument #1135. Seit Cal Fire das Viertel als Zone mit sehr hoher Brandgefahr kartiert hat, sucht die Stiftung eine sichere Lagerung. Cella sagte dazu im April 2025, das Denkmal werde „zu Tode geliebt“, die Stiftung sei dem Raum entwachsen – und wolle das Anwesen erwerben und sanieren, um es als lebendiges Museum zu erhalten. Wer das Haus besitzt und wer das Archiv verantwortet, ist damit dieselbe ungelöste Frage.
Bleibt offen
Die interessante Frage ist nicht, wer in diesem Zerwürfnis recht behält. Sie lautet: Wer kennt am Ende noch die Geschichte der Werke, die anonym gespendet wurden, weil ihre Urheber gestorben waren und niemand sonst sie haben wollte?