Die BZ überraschte die Berliner am Sonntag mit der Überschrift CSD zu eintönig SPD und CDU wollen eigene Schwulen-Parade. Die Abgeordneten Tom Schreiber (SPD) und Stefan Evers (CDU) sollen sich dem Bericht nach an der Neubenennung des CSDs stören und jetzt ein neues Konzept für eine eigene Parade erstellen. Wir fragten nach.
In einer ersten Stellungnahme korrigiert Tom Schreiber telefonisch die von der B.Z. konstruierten Aussagen. Selbstverständlich ginge es nicht um eine neue, von den Parteien organisierte Parade. Viel mehr um eine breite Diskussion über die vom veranstaltenden Verein angekündigte Umbenennung der Parade in Stonewall Berlin.
WAS GENAU STÖRT DICH DENN AN DER NAMENSÄNDERUNG?
Es gibt zum einen die schnöde touristisch-wirtschaftliche Betrachtung. Der CSD Berlin ist eine Marke, die weltweit bekannt ist, wegen der junge Menschen aus der ganzen Welt nach Berlin kommen. Auch unser Tourismus-Marketing über Visit Berlin wirbt zum Beispiel damit. Ich glaube nicht, dass bei der plötzlichen Namensänderung unter anderem darauf Rücksicht genommen worden ist.
ALSO WIRTSCHAFTLICHE INTERESSEN. IM GRUNDE GENAU DAS, WAS DER VEREIN MIT EINER REPOLITISIERUNG ÜBER EINEN NEUEN NAMEN ERREICHEN WILL WENIGER PARTY, WENIGER KONSUM. ...
Eine Repolitisierung erreicht man aber nicht durch eine Namensänderung". Natürlich muss der CSD-Berlin durch Sponsoring finanziert werden. Endgeltfrei wird man keine politische Demonstration in Berlin umsetzen können. Aber viel mehr stört mich doch, dass genau die Personen aus dem Vorstand des CSD-Vereins das, was sie selber Jahrelang gemacht haben, plötzlich als Mist hinstellen und es dann in einer Nacht- und Nebelaktion ohne breite Diskussion umschmeißen und alle anderen vor vollendete Tatsachen stellen.
DIE B.Z. SCHREIBT, IHR WOLLT MEHR PARTY, WENIGER POLITIK?
Wir wollen, dass Verbände, Szeneschaffende und die breite Community darüber entscheiden, wie und mit welchen Inhalten der CSD in Berlin veranstaltet wird. Dazu gehören aber eben auch alle demokratischen Parteien in Berlin. Ich habe mir die neue Vereinssatzung angesehen und frage mich schon, warum eine Fokussierung auf Osteuropa festgeschrieben wird. Was ist denn, wenn es in ein paar Jahren ganz woanders Probleme gibt. Unabhängig von denen in unserem eigenen Land. Ich kritisiere, dass diese inhaltliche Diskussion durch eine Tischvorlage, die den Mitgliedern zum Abnicken vorgelegt wurde, verhindert wurde.
WAS GENAU WOLLTE IHR DENN NUN ERREICHEN LAUT B.Z. WOLLT IHR UNTER ANDEREM MIT GRÜNDUNGMITGLIEDERN SPRECHEN?
Ja, wir wollen beispielsweise mit dem LSVD, mit Maneo und vielen anderen über die Philosophie des CSD-Berlin reden. Wenn man es nämlich ernst damit meint, sich auf die Wurzeln rückbesinnen zu wollen, sollte man doch mit diesen Wurzeln sprechen. Was möchte denn die Szene verändern, was möchte sie vielleicht beibehalten? Wir müssen auch über die Struktur der Organisation sprechen. Es kann nicht in Intransparenz enden, wo ein paar Menschen etwas fertig vorlegen, ohne eine breite Diskussion zu erlauben. Das hat auch viel mit Vertrauen zu tun. Vertrauen von Seiten der Politik, Vertrauen bei Sponsoren und Partnern. Wir wollen einen bunten, weltoffenen, vielfältigen und politischen CSD in Berlin.
Interview: Christian Knuth
