Nach dem CSD ist vor dem CSD. Nach dem runden Tisch im Juni jetzt ein Interview mit Tom Schreiber (SPD) und Stefan Evers (CDU) aus dem Berliner Abgeordnetenhaus, die maßgeblich an der öffentlichen Auseinandersetzung um den CSD beteiligt waren.
EINE KONTROVERSE FRAGE ZU BEGINN: DER AKTIONSBÜNDNISCSD WAR EIN FLOP. SEHT IHR DAS AUCH SO?
Tom: Auf der Seite des Aktionsbündnisses habe ich eher inhaltliche Schwerpunkte gesehen, während der klassische CSD mehr Teilnehmer hatte.
HATTET IHR DAMIT GERECHNET? ICH HATTE EINE GRÖSSERE SPALTUNG ERWARTET ...
Stefan: Natürlich lockt letztlich die traditionelle Route, der CSD den man kennt. Wir gehörten nicht zu denjenigen, die großen Jubel gespendet haben, als es zur Spaltung der Szene kam. Ich bin lieber in einer Stadt mit dem größten, erfolgreichsten CSD, als in einer Stadt mit den meisten CSDs.
Tom: Es war eine wichtige Zäsur. Der CSD stand immer in der Kritik zu kommerziell und zu wenig politisch zu sein. Ich denke es ist ein Erfolg, dass für die Alternative viele Vereine, Parteien und Privatpersonen zusammengebracht werden konnten und das in kurzer Zeit. Man kann einen CSD auch anders machen, als auf herkömmliche Weise.
DER LSVD HAT IN EINER PRESSEMITTEILUNG VERKÜNDET, DASS MAN SICH AUF EINE BASISIDEMOKRATISCHE AUSEINANDERSETZUNG ÜBER DIE ZUKUNFT DES CSDS IM HERBST FREUE. ABER WEDER DER CSD-VEREIN, NOCH ANDERE POSITIONEN WURDEN BEFRAGT ODER NEHMEN STELLUNG. WIE DENKT IHR, DASS ES WEITER GEHT?
Stefan: Das ist ja die große Schwierigkeit, dass es eben keine neutrale Plattform gibt, auf der die Diskussion stattfinden kann. Wir sind es aber auch nicht, wir sind schließlich Gegenstand der Auseinandersetzung. Aber auch die anderen Parteien sind dem gegenüber nicht neutral. Gleichzeitig bin ich optimistisch, weil der CSD e. V . erkannt haben muss, dass es der Verständigung bedarf. Die Träger des Aktionsbündnisses haben per se kein Interesse an einer isolierten Veranstaltung.
IHR HABT BEIDE DEN CSD VEREIN ALS UNDEMOKRATISCH KRITISIERT, ABER STIMMT DAS? ES KANN DOCH JEDER EINTRETEN UND SICH EINBRINGEN.
Tom: Man muss ins Gespräch kommen, aber die Frage ist, wer einlädt. Man braucht einen runden Tisch oder Zukunftswerksatt, mit einer Gesprächsführung, die von beiden Seiten anerkannt wird. Und wo man schaut, was bei beiden CSDs positiv gelaufen ist. Über das Negative ist lange genug gesprochen worden. Wie soll der CSD weiterentwickelt werden, was soll aus ihm werden. So könnte der CSD als eine Demonstration mehrere Routen haben, als Sternmarsch-Demonstration. Wie in Israel/Tel Aviv*. Man muss aus den positiven Dingen lernen, die negativen haben wir erlebt und müssen sie nicht wiederholen
Stefan: Allerdings ist es auch schwer aus diesem Freund-Feind-Schema auszubrechen. Der Umgang miteinander und mit den öffentlichen Behörden und Funktionsträgern war und ist ein Teil dieses Streits, Alle Seiten müssen sich eingestehen, das sie über das Ziel hinausgeschossen sind. Das wieder hinzubekommen, noch dazu mit den gleichen Akteuren auf beiden Seiten, wird eine große Herausforderung.
WER KÖNNTE DIE MODERATION ÜBERNEHMEN?
Tom: Am besten Leute, die nicht unmittelbar beteiligt sind und den CSD nicht in den letzten Jahren begleitet haben. Sie müssen die Debatte leiten und führen, und am Ende muss man zu einem Ergebnis kommen. Namen zu nennen wäre insofern blöd, da man den Eindruck erweckt, es könnten andere Personen nicht machen.
Stefan: In Hamburg gab es vergleichbare Auseinandersetzungen. Man kann sich also außerhalb Berlins umschauen, wer dieses Gespräch neutral begleiten kann. Das Ziel ist eine gemeinsame Erklärung zum CSD 2015: Wie heißt er. Was ist sein Inhalt. Und man muss sich auch mit den Kulturen des Umgangs befassen. Der Herbst ist ein relativ spätes Datum, aber sicher noch ausreichend, damit wir im Januar 2015 wissen wohin die Reise gehen kann.
Interview: Christian Knuth
*Anmerkung von Burkhard Mannhöfer via Facebook: Die Route startete in den letzten Jahren in der Bograshov nach dem Gan Meir und führte mit eine Route zum Abschlussort. Auch in den anderen Jahren gab es keine Sternmarsch in Tel Aviv
