Es gibt Sätze, die mehr entlarven als jede Grundsatzrede. Alice Weidel hat in Erfurt so einen gesagt. Angesprochen auf das Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt, das die „intakte Familie“ aus Vater, Mutter und Kindern zur einzig gesunden Umgebung für Kinder erklärt, antwortete die wiedergewählte Parteichefin achselzuckend:
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Alice Weidel
„Die können reinschreiben, was sie wollen. Ich lebe etwas anderes.“
Es ist, auf seine Weise, ein Coming-out. Nicht das als lesbische Frau – das hat Weidel längst hinter sich, wenn auch widerwillig, mit dem Zusatz, sie sei „nicht queer“. Sondern das als Ausnahme in der eigenen Partei. Erstmals spricht sie öffentlich über ihre Beziehung und das Programm ihrer AfD in einem Atemzug. „Da gehe ich nicht mit“, sagt sie im RTL/ntv-Interview zum Familienbild ihrer Partei,
„weil ich deutlich gesellschaftlich liberaler aufgestellt bin, weil ich es auch lebe. Ich lebe es.“
Dieses doppelte „Ich lebe es“ klingt fast trotzig – als müsse sie sich der eigenen Ausnahmestellung vergewissern. Erstmals sagt sie: Ich lebe anders, als meine Partei es vorschreiben will. Und tut so, als sei das kein Widerspruch, sondern eine Privatsache.
Man muss diesen Satz zweimal lesen. Die Vorsitzende einer Partei, die im Bundestag beantragt hat, die Ehe für alle wieder abzuschaffen, die trans Menschen zur Gefahr erklärt und die Regenbogenflagge verächtlich macht, sagt über das reaktionäre Familienbild ihrer eigenen Leute: geschenkt – mich betrifft das nicht. Weidel lebt mit einer Frau zusammen, gemeinsam ziehen sie zwei Kinder groß. Genau jenes Leben also, das ihre Partei anderen absprechen will.
Das ist keine Ironie, das ist ein Programm. Denn Weidels Satz beschreibt exakt das Privileg, gegen das die AfD zu Felde zieht: die Freiheit, so zu leben, wie man liebt, ohne dafür Rechenschaft abzulegen. Weidel nimmt sich diese Freiheit selbstverständlich heraus. Millionen LGBTIQ* Menschen sollen sie nach dem Willen ihrer Partei verlieren. „Die können reinschreiben, was sie wollen“ – das können sie eben nicht folgenlos, wenn diese Partei regiert. Aus einem Programmsatz wird dann ein Gesetzentwurf.
In Erfurt hat die AfD demonstrativ auf inhaltliche Debatten verzichtet. Disziplin statt Streit, das Grundsatzprogramm wird auf nächstes Jahr vertagt. Man will nichts riskieren auf dem Weg in die Regierungsverantwortung. Doch die Leerstelle ist die Botschaft: Wer den queerfeindlichen Kurs seiner Landesverbände nicht korrigiert, sondern deren Spitzenkandidaten wie einen Popstar feiern lässt, der hat sich längst entschieden. Weidels persönliche Ausnahme ändert daran nichts. Sie ist der Feigenblatt-Beweis, den die Partei braucht: Seht her, so schlimm kann es nicht sein, unsere Chefin ist doch selbst „mit einer Frau verheiratet“.
Der Trick ist alt. Man führt die eigene Existenz als Beleg dafür an, dass die Diskriminierung, die man betreibt, keine sei. Weidel hat das 2023 im ARD-Sommerinterview perfektioniert, als sie erklärte, sie sei „nicht queer“ – als ließe sich die Zugehörigkeit zu einer Minderheit dadurch abstreifen, dass man selbst gut genug wegkommt. „Ich lebe etwas anderes" ist die konsequente Fortsetzung: Ich bin die Ausnahme, und die Ausnahme schützt mich vor der Regel, die ich für euch schreibe.
Für alle, die diese Freiheit nicht als Chefinnen-Privileg genießen, sondern als bedrohtes Recht, ist der Satz eine Drohung. Man sollte ihn sich merken – für den Tag, an dem aus „die können reinschreiben, was sie wollen“ ein Kabinettsbeschluss wird.