Knapp zwei Monate nach seinem Rücktritt als Unionsfraktionschef ist Spahn zurück im Zentrum der Macht. Am 3. September bestätigte eine Fraktionssprecherin, dass er Mitglied des Haushaltsausschusses wird; Berichterstatter, heißt es aus Unionskreisen, offenbar für den Etat des Auswärtigen Amts.
Der Ausschuss entscheidet über den Bundeshaushalt und kontrolliert, wie die Regierung Steuergeld ausgibt. Er ist außerdem die Adresse, an die der Bundesrechnungshof über die Folgekosten der Maskenbeschaffung berichtet – und vor der Spahn 2025 zu den Vorwürfen der Sonderbeauftragten Margaretha Sudhof aussagte. Er wechselt also von der einen Seite des Tisches auf die andere.
Die Maskenrechnung
Als Bundesgesundheitsminister ließ Spahn zu Pandemiebeginn 5,8 Milliarden Masken einkaufen, ohne Verhandlung, zu Festpreisen; bis 2024 hat der Bund dafür 5,9 Milliarden Euro ausgegeben. Verteilt wurden im Inland 1,7 Milliarden Masken, mehr als die Hälfte der Beschaffungsmenge musste vernichtet werden oder steht dafür an. Der Bundesrechnungshof nennt das eine massive Überbeschaffung.
Sudhof warf Spahn überteuerte Einkäufe, bevorzugte Geschäftspartner und ausgesetzte Bedarfsprüfungen vor – er weist das zurück. Mehr als 170 Strafanzeigen gingen bei der Generalstaatsanwaltschaft Berlin ein, am 9. März 2026 wurde das Verfahren ohne Aufnahme von Ermittlungen eingestellt: kein Anfangsverdacht. Offen bleiben die Milliardenrisiken. Rund 100 Lieferanten klagen, Streitwert 2,3 Milliarden Euro.
Grafik: KI-erstellt
Von 5.800 Millionen beschafften Masken wurden 1.700 Millionen im Inland verteilt. Quelle: Bericht des Bundesrechnungshofs an den Haushaltsausschuss des Bundestages, Juli 2025.
Ein Kredit von der eigenen Bank
Im Juli 2020, mitten in der Pandemie, kauften Spahn und sein Ehemann Daniel Funke eine denkmalgeschützte Villa in Berlin-Dahlem. Der Preis von 4,125 Millionen Euro wurde erst öffentlich, nachdem Spahn seinen Rechtsverzicht auf zuvor erwirkte gerichtliche Verfügungen erklärt hatte. Finanziert wurde der Kauf offenbar vollständig über Kredite der Sparkasse Westmünsterland – jener Sparkasse, in deren Verwaltungsrat Spahn von 2009 bis 2015 selbst gesessen hatte.
2023 verkaufte das Paar das Haus für 5,3 Millionen Euro. Spahn rechnet vor, dass Kauf, Sanierung und Nebenkosten zusammen rund 5,5 Millionen betragen hätten, unter dem Strich also ein Minus von etwa 200.000 Euro. Der Gewinn, den die beiden Zahlen nahelegen, ist damit bestritten. Die Frage, warum ein Minister eine Vollfinanzierung von der Bank bekommt, in deren Verwaltungsrat er saß, ist es nicht.
Das Dinner, das niemand sehen sollte
Im Oktober 2020 traf sich Spahn mit Unternehmer*innen zu einem privaten Spendendinner in Leipzig – zu einer Zeit, in der er selbst öffentlich vor privaten Zusammenkünften warnte. Nach Recherchen des „Spiegel“ verschickte der Gastgeber vorab Einzugsermächtigungen über jeweils 9.900 Euro für Spahns CDU-Kreisverband Borken – knapp unter der Meldegrenze von 10.000 Euro. Das geschätzte Gesamtergebnis: knapp 100.000 Euro. Spahn und der Kreisverband ließen beide Zahlen unkommentiert.
Wer am Tisch saß, hat Spahn bis heute nicht offengelegt.
Der Mann hinter Nius
Während Spahn als Minister die Digitalisierung des Gesundheitswesens vorantrieb – elektronische Patientenakte, Anschlusspflicht an die Telematikinfrastruktur, Mehrheitsübernahme der Gematik durch den Bund –, stieg die Bilanzsumme der CompuGroup Medical von 848 Millionen Euro (2018) auf knapp 1,8 Milliarden (2021), der Umsatz um rund 76 Prozent, der Gewinn vor Steuern, Zinsen und Abschreibungen um rund 75 Prozent.
Firmengründer Frank Gotthardt ist heute Hauptfinancier des rechtspopulistischen Portals Nius; rund 9,4 Millionen Euro stellte er dem Firmengeflecht zur Verfügung. Im Januar 2025, kurz vor der Bundestagswahl, spendeten er und seine Frau rund 380.000 Euro an CDU und FDP.
Spahn weist jede besondere Nähe zurück und lässt mitteilen, der Kontakt sei rein beruflich entstanden, über Gesundheitsausschuss und Ministeramt. CompuGroup Medical widerspricht ebenfalls: Das Wachstum liege vor allem an Firmenkäufen, die Telematik-Geschäfte hätten daran nur einen geringen Anteil gehabt. Transparency International Deutschland fordert dennoch einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Maskenaffäre und zu weiteren Vergabepraktiken unter Spahns Amtsführung – ausdrücklich auch mit Blick auf die Gotthardt-Verbindungen.
Fünfmal bei Thiel
Und schließlich: 2018 in Irland, 2019 in Italien, 2022 in Portugal, 2023 in Spanien, 2024 in Deutschland – fünfmal nahm Spahn an Treffen des klandestinen „Dialog“-Netzwerks des US-Milliardärs Peter Thiel teil. Bestätigt hat das sein Sprecher erst, nachdem die Hackerin Maia Arson Crimew interne Daten des Netzwerks öffentlich gemacht hatte. Auf die erste Anfrage hin bestätigte das Büro nur die Absage für das Treffen im August 2026; die Frage nach früheren Besuchen blieb unbeantwortet. Kritiker*innen werfen ihm vor, sich in antidemokratische Kreise begeben zu haben.
Der Ruf ist kein Missverständnis
FOTO: JOHN MACDOUGALL / AFP
Hier liegt der Punkt, an dem die übliche Verteidigung nicht mehr greift. Sie lautet: alles nicht bewiesen, alles Medienlärm, nichts davon justiziabel.
Nur ist Jens Spahn kein Opfer der Aufmerksamkeitsökonomie, sondern einer ihrer geübtesten Spieler. Er hat gegen die Veröffentlichung des Kaufpreises seiner Villa gerichtliche Verfügungen erwirkt und sie später fallen lassen. Er hat die Namen seiner Spender bis heute nicht genannt. Er hat die Thiel-Besuche erst eingeräumt, als eine Hackerin sie ohnehin belegt hatte. Wer sein Bild so sorgfältig verwaltet, weiß, welches Bild entsteht.
Entstanden ist dieses: Dieser Mann geht mit öffentlichem Geld um, als wäre es seins. Ob das gerecht ist, kann man bestreiten. Dass es existiert, nicht – und es stammt nicht aus einer Kampagne, sondern aus Prüfberichten, Grundbuchauszügen, Spendenlisten und Gerichtsakten, sechs Jahre lang nachgeliefert.
Beim Geld hat diese Partei sechs Jahre weggesehen. Bei der Familie sofort hin.
Der Vorwurf stimmte – einmal
Am 18. Juli trat Spahn zurück – nach scharfer Kritik aus den eigenen Reihen und einer Aufforderung des Kanzlers, nachdem er publik gemacht hatte, dass er und sein Ehemann über eine in Deutschland verbotene Leihmutterschaft im Ausland Vater geworden sind. Der Vorwurf lautete Doppelmoral, und er war berechtigt: Wer ein Verbot mitträgt und es für sich selbst im Ausland umgeht, muss sich das sagen lassen.
Nur wurde derselbe Maßstab sechs Jahre lang nicht angelegt. Eine Villa, finanziert von der eigenen früheren Bank. Ein Spendendinner unterhalb der Meldegrenze, mitten im Lockdown, von einem Minister, der zur selben Zeit private Feiern geißelte. Eine Digitalisierungspolitik, von der der Finanzier eines rechten Kampagnenportals profitierte. Fünf Jahre stille Teilnahme an einem Netzwerk, das öffentlich für seine Demokratieverachtung bekannt ist. All das zusammen kostete ihn nichts. Die Partei hat sich für einen Maßstab entschieden – und ihn genau einmal angewendet.
Was erlaube CDU?
Die Grünen-Haushaltspolitikerin Paula Piechotta sagt es kurz:
„Er hat in der Vergangenheit gezeigt, dass er kein ausreichendes Verantwortungsgefühl im Umgang mit Steuergeldern hat.“
Befangen sei er zudem, sollten aus den Maskendeals weitere Kosten entstehen.
Man kann ergänzen: befangen wäre er in diesem Ausschuss nicht im Ausnahmefall, sondern immer dann, wenn die eigene Amtszeit auf der Tagesordnung steht. Und sie steht dort, solange der Bundesrechnungshof über die Folgekosten berichtet.
Nichts davon ist verboten
Fair bleiben: Strafrechtlich ist die Maskensache erledigt, das hat die Generalstaatsanwaltschaft im März festgestellt. Dass jedes Bundestagsmitglied einem Ausschuss angehören soll, schreibt die Geschäftsordnung vor – ein Sitz ist Formalie, keine Auszeichnung. Beim Villenverkauf steht Spahns Gegenrechnung im Raum. Gotthardts Aufstieg fiel zeitlich mit Spahns Politik zusammen, einen bewiesenen Kausalzusammenhang liefert das nach Darstellung der Firma nicht. An geheimen Netzwerktreffen teilzunehmen ist nicht illegal, nur bemerkenswert diskret. Und Markus Söder hat Ende Juli erklärt, Spahns Weg sei „noch nicht beendet“ – die Union stellt sich also bewusst hinter ihn.
Nur beantwortet nichts davon die einzige Frage, die hier zu stellen ist. Kein Abgeordneter muss in den Haushaltsausschuss. Er muss in irgendeinen.
Wie man Politikverdrossenheit füttert
FOTO: INA FASSBENDER / AFP
Jens Spahn
Es gibt eine Zahl, die diesen Vorgang teuer macht. In der dbb Bürgerbefragung vom Juli 2026 trauen noch 17 Prozent der Befragten dem Staat zu, seine Aufgaben zu erfüllen – ein neuer Tiefstwert. Erstmals seit Beginn der Befragung sagt mit 51 Prozent mehr als die Hälfte, die Leistungsfähigkeit des öffentlichen Dienstes habe sich verschlechtert. Verantwortlich dafür machen die Befragten ausdrücklich nicht die Beschäftigten, sondern die Politik.
In diese Lage hinein benennt die größte Regierungsfraktion für die Haushaltskontrolle einen Mann, dessen Name seit sechs Jahren in Schlagzeilen über den Umgang mit öffentlichem Geld steht. Man muss das nicht böswillig nennen. Man muss es nur zu Ende denken: Jede Landtagswahl, jede Sonntagsfrage, jeder Wutkommentar unter jedem Beitrag über Politiker*innen und ihre Privilegien bekommt hier kostenlos sein Anschauungsmaterial geliefert.
Zu ändern wäre das schnell. Transparency fordert verbindliche Regeln zur Vermeidung von Interessenkonflikten, die auch für Abgeordnete und Minister*innen konsequent gelten. Spahn könnte die Namen der Spender vom Leipziger Dinner nennen. Die Fraktion könnte öffentlich erklären, von welchen Vorgängen im Ausschuss er sich künftig fernhält. Nichts davon braucht ein Gesetz.
Die Generalstaatsanwaltschaft hat im März entschieden, dass gegen Jens Spahn nicht ermittelt wird. Über den Ruf, den sechs Jahre Prüfberichte, Grundbuchauszüge und Spendenlisten gebaut haben, entscheidet keine Staatsanwaltschaft. Darüber entscheidet eine Fraktion jedes Mal neu, wenn sie einen Posten vergibt. Diesmal hat sie entschieden – und dem Ausschuss, der über das Geld aller wacht, einen Mann gegeben, dem nur noch wenige zutrauen, damit umzugehen.
Die Rechnung dafür kommt nicht per Post. Sie kommt am Wahlabend.
*Christian Knuth