Am Dienstag nahm die Staatsspitze bei einem Trauerstaatsakt im Bundestag Abschied von der ehemaligen Bundestagspräsidentin Rita Süssmuth. Sie ist erst die dritte Frau in der Geschichte der Bundesrepublik, die mit dieser besonderen Zeremonie geehrt wird. Süssmuth, die am 1. Februar im Alter von 88 Jahren verstarb , wurde von Spitzenpolitikern als „Menschenfreundin“ und „Möglichmacherin“ gewürdigt. Doch für uns in der LGBTIQ*-Community – und ganz besonders für unzählige schwule Männer – war sie weit mehr als das: Sie war in den dunkelsten Stunden der Aids-Krise schlichtweg unser Schutzengel.
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Als Rita Süssmuth 1985 völlig überraschend Ministerin für Jugend, Familie und Gesundheit im Kabinett von Helmut Kohl wurde, stellte sie die Weichen für einen solidarischen Umgang mit der HIV/Aids-Epidemie. Die engagierte Katholikin weigerte sich standhaft, der Politik der Isolation nachzugeben, für die konservative Kräfte in der Regierung und den Bundesländern eintraten. Während Hardliner wie der bayerische CSU-Staatssekretär Peter Gauweiler von Zwangstests und der „Absonderung uneinsichtiger Infizierter“ redeten, lautete ihr unbeugsames Credo: „Wir bekämpfen die Krankheit, nicht die Kranken“.
Ihre Beharrlichkeit und kompromisslose Menschenfreundlichkeit retteten in den 1980er Jahren vielen Menschen das Leben und schützten ihre Menschenwürde. Sie begriff früh, dass die von HIV/Aids betroffenen Minderheiten nicht das Problem, sondern der Schlüssel zur Lösung waren. Anstatt von oben herab zu moralisieren, begegnete sie der Schwulenbewegung auf Augenhöhe und zeigte sich stets bereit dazuzulernen. Sie ließ sich von Betroffenen beraten, fuhr zum Positiventreffen ins schwule Tagungshaus Waldschlösschen und kaufte sogar eine Karte für den Hurenball.
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100th anniversary of women's suffrage in Germany
Rita Süßmuth im Jahr 2019 anlässlich des 100. Jahrestag des feministischen Suffragetten-Aufstandes
Mit diesem revolutionären Ansatz schuf sie eine Kultur der Beteiligung, ermöglichte staatliche Förderungen für Akteur*innen aus der Selbsthilfe und machte die Deutsche Aidshilfe zu der entscheidenden Institution, die sie heute ist. Die sogenannte „Süssmuth-Linie“ führte nicht nur zu unverzichtbaren Standards wie der Vergabe steriler Spritzen, sondern trug maßgeblich zur Emanzipation schwuler Männer bei. In einer Zeit, in der Boulevardmedien Panik schürten und konservative Moralwächter von einer „Strafe Gottes“ fabulierten, bewahrte sie einen klaren Kopf.
Beim Staatsakt erinnerte Bundestagspräsidentin Julia Klöckner an eine Ausnahmepolitikerin, die gesellschaftliche Fragen früher erkannte, als andere es taten. Für ihre Verdienste und ihre mutige Haltung gegen Ausgrenzung und Stigmatisierung kann unsere Dankbarkeit kaum groß genug sein. Was wären wir ohne sie gewesen? Eines ist sicher: Aids wäre in Deutschland eine noch viel größere Katastrophe geworden. *ck/AFP/Deutsche Aidshilfe