Seit dem 7. August steht vor der Berliner Volksbühne ein Freibad. 25 Meter lang, 1,30 Meter tief, Eintritt frei, geplant bis Anfang Oktober. Es ist kein Bad der Bäder-Betriebe, sondern eine Kunstaktion des neuen Intendanten Matthias Lilienthal. An einzelnen Tagen ist das Becken für Vereine reserviert, wie in jedem Hallenbad der Republik. Für Freitag, den 14. August, war der Nachmittag für den Verein Each One Teach One reserviert. Zielgruppe: Schwarze Kinder und Jugendliche zwischen sechs und 14 Jahren.
Geschwommen ist an diesem Freitag niemand. Die Volksbühne und EOTO sagten die Veranstaltung am Donnerstagabend ab, aus Sicherheitsgründen, nachdem sie zum Ziel rechter und rassistischer Hetze geworden war. Der Verein berichtet von Drohmails und Gewaltandrohungen. Am Freitag blieb das Bad ganz zu.
Das Wort, das die Richtung dreht
Der Ablauf ist dokumentiert. Am Dienstag beklagte die Pankower CDU-Bezirksverordnete Aileen Weibeler in einem Video, sie dürfe nicht ins Schwimmbad, weil sie weiß sei. Kurz darauf berichtete die „Bild", die „Welt" schickte der Volksbühne einen Fragenkatalog, in dem sie wissen wollte, wie bemessen werde, wer als Schwarz gelte – per Selbstauskunft, Augenmaß oder anders. Um 14.37 Uhr postete der X-Account der AfD ein KI-erzeugtes Bild: „Rassentrennung auf Staatskosten in Berlin: Du bist weiß? Dann kein Zutritt". Am Donnerstag rief der Brandenburger AfD-Politiker Dennis Hohloch dazu auf, am Freitag ab zwölf Uhr geschlossen ins Volksbad zu gehen.
„Schutz für eine Minderheit wird zur Diskriminierung der Mehrheit erklärt"
Die Vokabel „Rassentrennung" ist der Kern der Sache, nicht ihr Beiwerk. Sie stellt sechs Stunden Beckenzeit für Grundschulkinder mit dem staatlichen Apartheidsystem gleich – und dreht damit die Richtung um, in die der Ausschluss wirkt. Wer diese Gleichsetzung akzeptiert, hat das Ergebnis schon anerkannt: Schutz für eine Minderheit wird zur Diskriminierung der Mehrheit erklärt, und die Mehrheit wird zum Opfer. Nebenbei ist die Behauptung auch handwerklich falsch. Ausgeschlossen war niemand von einem öffentlichen Bad – die elf Berliner Freibäder hatten freitags geöffnet.
Wo der Einwand recht hat
Eine mit öffentlichem Geld finanzierte Einrichtung darf Menschen nicht nach Hautfarbe sortieren. Das ist keine rechte Position, das ist Artikel 3, und man kommt nicht darum herum.
Die Antwort darauf ist nicht Moral, sondern Gesetz. Das Landesantidiskriminierungsgesetz sieht positive Maßnahmen ausdrücklich vor, das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in § 5 ebenso: Eine unterschiedliche Behandlung ist zulässig, wenn sie bestehende Nachteile ausgleichen soll. Lilienthal hat sich auf beides berufen und erklärt, die Volksbühne sei eine treue Verfechterin der Berliner Verfassung; die Ombudsstelle für Antidiskriminierung des Senats hatte die Veranstaltung begrüßt.
Bleibt der Rest des Einwands, und der wiegt: Ein Haus, das sich auf Recht beruft, hätte das vor der ersten Schlagzeile erklären müssen, nicht danach. Ein Transparent mit der Aufschrift „Fickt euch!", dessen Adressaten erst im Zeitungsinterview genannt werden, ist keine Erklärung. Es ist das Bild, das bleibt.
Was der letzte Sommer zeigt
Und jetzt der Vergleich, der die Sache scharf stellt.
Die Amadeu Antonio Stiftung zählte für 2024 bei über 180 CSD-Veranstaltungen 55 gezielte Störungen, Bedrohungen und Angriffe. Für 2025 wies sie bei 111 von insgesamt 245 CSDs Störungen oder Angriffe aus, darunter vier körperliche Übergriffe. Die beiden Jahre sind nicht direkt vergleichbar, gezählt wurden einmal Vorfälle, einmal betroffene Veranstaltungen. Vergleichbar ist die Richtung: In Ostdeutschland waren zwei Drittel der 62 Veranstaltungen betroffen, im Westen 37 Prozent.
Das Beispiel, auf das es ankommt, ist Bautzen. 2024 reisten rund 700 Rechtsextreme an, verbrannten am Bahnhof eine Regenbogenflagge, die Polizei leitete 14 Strafverfahren ein. 2025 kamen nach Polizeiangaben 500 – und 3.000 bis 4.000 Menschen zum CSD, deutlich mehr als im Vorjahr. Die Drohkulisse ist nicht verschwunden, aber sie hat ihr Ziel verfehlt.
Dass Absagen die Alternative wären, hat sich derweil erledigt. Im Februar 2025 wurde eine Düsseldorfer CSD-Demo nach einer konkreten Drohung abgesagt. Was folgte, war keine Ruhe, sondern eine Desinformationskampagne, die die Schuld fälschlich muslimischen Migranten zuschob. Erst wird die Veranstaltung verhindert, dann wird die Verhinderung propagandistisch verwertet. Wir haben das an dieser Stelle im Juni beschrieben.
Der Unterschied heißt Schutz
Warum also fand der CSD in Bautzen statt und das Schwimmen in Berlin nicht?
Nicht, weil wir mutiger wären. Sondern weil wir abgesichert sind – nicht ausreichend, aber überhaupt. In Berlin bekommen wir Polizeischutz, ohne dass darüber verhandelt wird; in Sachsen mussten CSDs ihn sich erstreiten, weil Behörden die Bedrohungslage unterschätzen. Wir haben Verbündete in Senat, Bezirken und Landtagen, die ans Telefon gehen. Wir haben Bündnisse vor Ort, Anwält*innen, Erfahrung mit Auflagen, ein Monitoring, das jeden Vorfall dokumentiert.
Illustration: KI erstellt
EOTO hat davon wenig. Ein Bildungsverein bekommt Drohmails ins Postfach und muss binnen 48 Stunden entscheiden, ob er Sechsjährige in eine angekündigte Mobilisierung schickt. Es gab, soweit bekannt, kein Sicherheitskonzept, das vorher stand.
Dabei ist EOTO kein Verein ohne Rückhalt. Er wird öffentlich gefördert, unter anderem über das Bundesprogramm „Demokratie leben!". Nur wurde genau das zum Angriffspunkt: Die AfD sprach vom „steuerfinanzierten Verein", der „offene Spaltung" betreibe. Bei unseren Trägern, Beratungsstellen und Projekten fließt ebenfalls öffentliches Geld – dass es fließt, ist dort selten der Skandal. Unser Eindruck ist, dass das Ungleichgewicht zwischen queerer und Schwarzer Infrastruktur größer ist, als die Förderlisten vermuten lassen; belastbar vergleichen lässt es sich mangels einheitlicher Daten nicht.
Diese Absicherung ist unser Privileg, und sie ist erkämpft. Die westdeutsche Schwulen- und Lesbenbewegung hat sie sich über Jahrzehnte erstritten: gegen § 175, gegen Razzien, gegen ein Land, das uns lieber nicht gesehen hätte. Und die Nächte, die wir jeden Sommer feiern, wurden in New York von denen getragen, die am wenigsten zu verlieren und am meisten zu riskieren hatten – Drag Queens, Trans-Frauen, Sexarbeitende, überwiegend Schwarz und Latina. Marsha P. Johnson war 23, Schwarz und Sexarbeiterin, als sie zu den „Street Queens" gehörte, die 1969 den Aufstand trugen; geehrt wurde sie erst ein halbes Jahrhundert später. Dass daraus in der deutschen Erinnerung ein Aufstand weißer schwuler Männer geworden ist, sagt mehr über uns als über 1969. Wir stehen auf diesen Schultern und stellen fest, dass die Leiter, die wir hochgeklettert sind, hinter uns eingezogen wurde.
Was trotzdem geht
Dass diese Räume funktionieren, hat derselbe Sommer gezeigt. Der Anschlag am Rande des Berliner CSD geschah in der Nacht zum Sonntag. Am selben Sonntag kamen Schwarze queere Aktivist*innen und ihre Verbündeten zu einer Vernetzungs-Gartenparty zusammen, wie schon in den beiden Jahren zuvor. Abgesagt wurde nichts. Stephan Jäkel von der Schwulenberatung Berlin, der die Post-Pride-Barbecue-Gartenparty seit drei Jahren ehrenamtlich zusammen mit Schwarzen queeren Aktivist*innen aus Ghana und Uganda organisiert, beschreibt es so: Man habe mit einer Schweigeminute der Opfer gedacht, sich „den Raum aber nicht nehmen lassen". Zur Absage des Schwimmens schreibt er, wenn es noch einen Beweis für die Notwendigkeit solcher Räume gebraucht hätte, „plastischer hätte er nicht erbracht werden können. Es brauchte diesen Beweis aber nicht."
Eine Gartenparty steht allerdings nicht im Veranstaltungskalender. Ein Schwimmnachmittag schon.
Woran man es erkennt
Am 26. Juli traf der islamistische Anschlag am Rande des Berliner CSD die queere Community. Knapp drei Wochen später verhinderte rechte und rassistische Hetze ein Schwimmen für Schwarze Kinder. Zwei Angriffe aus entgegengesetzten Richtungen, dieselbe Frage dahinter: Wer hat in dieser Stadt Anspruch auf Schutz? Schwarze queere Menschen bekommen die Antwort doppelt.
Kultursenator Stefan Evers hat sich zweimal geäußert. Erst fand er, er habe das Volksbad als „Bad für alle" verstanden, und nannte sich einen „Freund des Miteinanders". Am Freitag dann: Kunst dürfe provozieren, was nicht dazugehöre, seien „Drohungen, Einschüchterung oder Gewalt", und die ganze Stadt müsse ein sicherer Ort sein. Ein Positionswechsel binnen zwei Tagen, mitten im Wahlkampf – das ist mehr, als vom Regierenden Bürgermeister und vom Kulturstaatsminister kam, die beide schwiegen. Es reicht nicht.
„Die Leiter, die wir hochgeklettert sind, wurde hinter uns eingezogen"
Denn Schutz ist nichts, was man erklärt. Schutz ist etwas, das man bezahlt und organisiert. Der Regenbogenschutzfonds von Campact und Amadeu Antonio Stiftung zeigt, wie das geht: 100.000 Euro, 49 geförderte CSDs, das Geld floss in Sicherheitsdienste, Schulungen für Ordner*innen, Awareness-Teams und Einlasskontrollen. Die Stiftung selbst kündigt an, künftig auch alle anderen Bedrohten unterstützen zu wollen. Genau da müsste ein Verein wie EOTO anklopfen können – am besten, bevor die Drohmails kommen.
Und noch etwas gehört dazu, damit die Rechnung stimmt: Der Schutz, den wir haben, steht selbst zur Disposition. Das Bundesprogramm „Demokratie leben!", über das auch EOTO gefördert wird, läuft in seiner jetzigen Form Ende des Jahres aus. Rund 200 Projekte fallen weg, darunter Arbeit der Amadeu Antonio Stiftung – also derselben, die das CSD-Monitoring betreibt und den Schutzfonds trägt. In den Plänen für die Neuausrichtung ab 2027 fehlt bislang das Engagement gegen Rassismus und gegen LGBTIQ*-Feindlichkeit.
Die Frage lautet also nicht, wer ins Becken darf. Sie lautet: Warum trägt unsere Infrastruktur eine Parade gegen 500 anreisende Neonazis, und die von EOTO nicht sechs Stunden Beckenzeit? Sicher sind wir dabei selbst nicht, der 26. Juli hat das auf die grausamste Weise gezeigt. Aber Schutz ist keine feste Menge, von der andere ein Stück abbekommen müssten. Er wächst, wenn mehr Leute ihn verteidigen – und er schrumpft, wenn wir zusehen, wie er abgebaut wird, solange es zuerst die anderen trifft.
Spenden an EOTO: spenden.twingle.de/each-one-teach-one-eoto-e-v
In eigener Sache: Wir haben Each One Teach One und die Volksbühne am Samstag um Auskunft gebeten – zur Zahl der angemeldeten Kinder, zum Sicherheitskonzept, zur Frage, ob der Termin nachgeholt wird, und dazu, warum die rechtliche Einordnung erst nach dem Beginn der Kampagne kommuniziert wurde. Antworten lagen bei Redaktionsschluss nicht vor. Wir tragen sie nach.