Joelle, du beschreibst deine emotionalen Krisen in deinem Buch sehr bildlich: Es ist, als sei eine ganze Flasche scharfe Sriracha-Soße über das Essen ausgelaufen. Was passiert in Momenten dieser totalen Überreizung in dir?
Man spricht davon, dass Menschen mit Borderline Gefühle bis zu neunmal stärker wahrnehmen. Das liegt tatsächlich an Verknüpfungen im Gehirn, die da anders geschaltet sind. Diese ganz großen, schlimmen Momente nennt man Hochstress. Das ist eine Gefühlsexplosion, bei der die innere Anspannung höher wird, als ein normaler Mensch das jemals kennenlernen wird. Es ist am ehesten körperlich vergleichbar mit einer Panikattacke. In diesem Moment herrscht im Kopf nur noch das Überleben, und Betroffene, die noch nicht therapiert sind, haben dann häufig Schwierigkeiten, sich selbst zu regulieren, und rutschen oft in selbstverletzendes Verhalten. Das Ziel der Therapie ist es, zu lernen, diese Kette schon vorher zu unterbrechen, damit man gar nicht erst in diesen Zustand gerät.
INFO
„Extrem fühlen. Mein schrecklich schönes Leben mit Borderline“ von Joelle Westerfeld ist bei Rowohlt erschienen, ISBN: 978-3-499-01785-8, rowohlt.de
In genau solchen Momenten stehen Partner*innen oft hilflos daneben. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Da hilft oft nur, knallharte Grenzen zu ziehen und den Raum zu verlassen, auch wenn man den Menschen liebt und eigentlich helfen will. Ist das aus deiner Sicht legitim?
Ja, absolut. Im Moment des Hochstresses hast du als Betroffene schlicht keine Kapazitäten dafür, wie sich dein Gegenüber gerade fühlt. Danach sieht das völlig anders aus: Borderliner sind an sich extrem empathisch und feinfühlig. Das bedeutet, dass sich Betroffene im Nachhinein ganz viele Gedanken machen, sich total schuldig fühlen und es ihnen leidtut. Das Problem ist, dass es dann manchmal in ein ungesundes Verhalten rutscht, bei dem die Grenzen des Gegenübers nicht respektiert werden. Aus einer extrem starken Verlustangst heraus wird dann gefleht: „Bitte, ich ertrage es nicht ohne dich.“. Das ist leider oft eine selbsterfüllende Prophezeiung, da dieses Verhalten langfristig genau dazu führt, dass man verlassen wird.
Wenn wir über das Verlassen werden sprechen: Viele Menschen in unserer Leserschaft neigen dazu, anfangs in eine Retter-Rolle zu rutschen und brennen dabei irgendwann völlig aus. Was rätst du Angehörigen, wenn die andere Person destruktive Züge zeigt, aber jede professionelle Hilfe ablehnt?
Da bin ich vielleicht radikaler als andere Betroffene. Die Grundvoraussetzung für eine Therapie ist, dass du anerkennst, dass du krank bist und daran arbeiten musst. Wenn ein Mensch sich partout nicht helfen lassen will, dann sollte man ganz klar Grenzen ziehen und im Zweifelsfall auch gehen. Man kann sagen: „Ich wünsche dir das Beste, ich gebe dir vielleicht auch etwas an die Hand, wo du dich hinwenden kannst. Wenn du dazu bereit bist, helfe ich dir dabei.“. Aber wenn man keine klaren Grenzen setzt, wird es einfach sehr ungesund und für beide zerstörend.
Für dich war die späte Diagnose als junge Erwachsene ein echter Befreiungsschlag. Ähnlich geht es heute vielen Menschen mit später ADHS-Diagnose – interessanterweise überschneiden sich da ja auch einige Symptome hast du gesagt ...
Total! Das sind extrem ähnliche Konditionen, mit extrem vielen Symptomüberschneidungen und auch sehr häufigen Fehldiagnosen. Wenn man das Gefühl hat, emotional konsequent überladen und überfordert zu sein, und vielleicht schon Diagnosen wie eine Depression hat, die Therapien aber nie so richtig angeschlagen haben, sollte man da wirklich mal genauer hinschauen.
Foto: Yvonne Schmedermann
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Gibt es für Menschen, die gerade jemanden Neues kennenlernen, noch andere Warnsignale in der Dating-Phase, auf die sie achten sollten?
In einer aktiven, untherapierten Borderline-Episode ist die Beziehung am Anfang oft sehr, sehr eng und intensiv. Da ist eine sprudelnde Begeisterung, es fühlt sich für die betroffene Person erst einmal ganz toll an, wie ein besonderer Verliebtseins-Fluss. Irgendwann kippt das aber, weil die Angst einsetzt. Dann fängt oft das Klammern an, kombiniert mit Vorwürfen: „Warum willst du etwas ohne mich machen, ich bin doch da?“. Wenn diese Einbrüche kommen, sollte man als Partner*in aufmerksam werden.
Aber eine Beziehung mit Borderline besteht ja nicht nur aus Krisen. Welche positiven Aspekte bringen Betroffene in eine Partnerschaft ein?
Menschen mit Borderline sind extrem feinfühlig. Ich erkenne zum Beispiel schon an kleinsten Veränderungen in der Mimik meines Gegenübers sehr schnell die Stimmung. Ich spüre sofort, wenn sich jemand unwohl fühlt oder etwas auf dem Herzen hat. Diese starke Empathie führt oft auch dazu, dass Betroffene viel Verständnis dafür haben, wenn der andere sich selbst mal danebenbenommen oder Fehler gemacht hat.
Wir sprechen hier über komplexe Dynamiken, während gleichzeitig eine extreme Unterversorgung an Therapieplätzen herrscht. Wie blickst du darauf?
Das ist ein riesiges Problem. Gerade bei Borderline herrscht eine extreme Unterversorgung. Geschichten wie meine werden sehr selten erzählt. Ich war wirklich ganz unten – ich habe die Schule abgebrochen, war in der Klinik, hatte gar keine Perspektive und wollte nicht mehr leben. Heute, zehn Jahre später, ist es ein komplett anderes Leben für mich. Ich hätte als Jugendliche jemanden gebraucht, der mir zeigt: Ich habe das auch durchlebt, aber ich habe meinen Weg gefunden.
Trotz dieser massiven Herausforderungen nennst du dein Leben im Buchtitel „schrecklich schön“ und sprichst von Behandelbarkeit. Wie sieht die Realität nach einer erfolgreichen Therapie aus?
Das ist die eine zentrale Sache, die so oft vergessen wird – auch in Fachkreisen: das Thema Hoffnung. Bis vor ein paar Jahrzehnten wurde Borderline noch als unheilbar gelehrt. Heute wissen wir, dass es wahnsinnig gut behandelbar ist und kein lebenslanges Leiden sein muss. Es gibt spezifische Therapien wie die Dialektisch-Behaviorale Therapie (DBT), die extrem erfolgreich sind. 80 Prozent der Betroffenen können nach zehn Jahren keine Diagnose mehr neu bekommen, weil die Symptome nicht mehr ausreichen. Auf der ersten Seite meines Buches schreibe ich: Es wird besser werden. Und das weiß ich nicht nur aus eigener Erfahrung, sondern das lässt auch die Studienlage zu.
*Interview: Christian Knuth