Kennst du das Gefühl? Du stehst auf einer überfüllten Party, dein Handy vibriert vor lauter App-Benachrichtigungen, du hast Leute um dich herum – und trotzdem fühlst du dich am Ende des Tages komplett allein. Damit bist du nicht der einzige Mensch in der LGBTIQ*-Community! Wir haben mit dem Therapeuten Jochen Kleres gesprochen. Er erklärt im Interview ganz offen, woher dieses Gefühl kommt und wie wir da wieder rauskommen.
Foto: privat
Dr. Jochen Kleres ist Integrativer Tanztherapeut DGT®, cand. Heilpraktiker beschränkt auf Psychotherapie & Dipl.-Soziologe. Mehr unter jochenkleres.de
Warum ist Einsamkeit gerade in der queeren Szene so ein großes Thema? Selbst die Politik hat das ja mittlerweile auf dem Schirm.
Einsamkeit kann natürlich alle Menschen treffen, aber die Statistik belegt eindeutig, dass queere Menschen im Durchschnitt höher davon betroffen sind. Das hat sehr stark mit den Diskriminierungserfahrungen zu tun, die viele in der LGBTIQ*-Community machen, aber auch damit, wie queere Communities sich organisieren und welche Erlebnisse man dort macht.
Gibt es da Unterschiede zwischen den Geschlechtern? Spielt toxische Männlichkeit eine Rolle?
Toxische Männlichkeit ist unter schwulen Männern tatsächlich sehr viel verbreiteter, als wir uns hätten träumen lassen. Das merkt man nicht nur an AfD-Wahlergebnissen, sondern auch im täglichen Umgang oder beim Cruisen im Darkroom. Weiblich gelesene Menschen haben da vermutlich ein geringeres Problem, Nähe zuzulassen. Als Männer sind wir nicht unbedingt dazu sozialisiert worden und haben oft größere Hürden, Nähe zuzulassen. Schwule Communities sind zudem oft so organisiert, dass man Sex ohne Nähe haben kann. Das kann schön, interessant und geil sein, befriedigt aber eben weniger dieses tiefe Bedürfnis nach echter Nähe.
Woher kommt diese tiefe Einsamkeit bei so vielen von uns?
Einsamkeit hat oft mit strukturellen Faktoren zu tun: Zur Zeit der AIDS-Krise in den 1980er Jahren war man vielleicht krank und ans Bett gefesselt. Oder man wird alt, kommt in der Szene nicht mehr mit und wird dort aussortiert. Die andere Seite ist, dass Einsamkeit sehr häufig mit Verletzungserfahrungen aus der Vergangenheit zusammenhängt. Sehr viele von uns haben z.B. vor dem Coming-out oder der Transition schwierige Zeiten durchgemacht und erleben auch danach noch Diskriminierung. Um das zu überleben, fahren wir unsere Schilder hoch. Wenn es dann später Möglichkeiten gibt, in Beziehung zu treten, sitzt uns bewusst oder unbewusst oft die Angst im Nacken, dass alte Verletzungen sich wiederholen könnten, und so es fällt extrem schwer, diese Schilder wieder runterzulassen.
Illustration: KI erstellt
Was genau ist eigentlich der Unterschied zwischen einem selbstgewählten Alleinsein und echter Einsamkeit? Und welche Rolle spielte Corona dabei?
Der Unterschied liegt im Leidensdruck, der gar nicht immer offen zutage treten muss. Im Alleinsein ziehen wir uns freiwillig zurück, weil wir unsere Batterien auftanken müssen, und können diesen Rückzug jederzeit beenden. Bei der Einsamkeit leiden wir an einem Mangel an Beziehungen. Und jetzt kommt das Paradoxe: Man kann ein sehr soziales Leben führen, ständig auf Partys sein und intime Beziehungen haben – und sich dennoch einsam fühlen, weil einfach nicht die richtige Qualität in den Beziehungen steckt, wir uns nicht gesehen fühlen. Corona war ein massives Ereignis, das viele dieser Masken und vermeintlich festen Strukturen (wie Sportvereine oder feste Kaffee-Dates) zum Einstürzen gebracht hat. Da haben viele gemerkt: Ich dachte, ich bin ein sozialer Mensch, aber ich habe gar keinen echten Rückhalt. Positiv daran ist höchstens, dass wir gesellschaftlich gezwungen wurden, uns damit auseinanderzusetzen.
Wie sieht der Weg da raus aus, auch wenn man vielleicht Angst davor hat, Hilfe in Anspruch zu nehmen?
Der allererste Schritt ist es, überhaupt erst einmal anzuerkennen, dass man einsam ist. Das ist extrem schwer, weil wir die Einsamkeit oft vor uns selbst verstecken, da es ein sehr schambehaftetes und schmerzhaftes Gefühl ist. Die Schwelle, zu einem Verein oder zur Therapie zu gehen, ist enorm hoch, weil man ja gerade ein Problem damit hat, mit anderen in Beziehung zu treten. Wenn diese Scham aber einmal überwunden ist – beispielsweise in einer Gruppentherapie –, macht man sehr schnell die befreiende Erfahrung: Ich bin nicht alleine, da sind andere, die machen ähnliche Erfahrungen. Man merkt, wie schön und befreiend es sein kann, sich mit seinen Problemen zu zeigen und gerade auch damit endlich wirklich gesehen zu werden.
Ein Ansatz bei dir ist die Tanztherapie. Wie hilft das gegen Einsamkeit?
Neben dem Reden geht es sehr viel um körperliche Erfahrungen. Ich biete einerseits Tanzgruppen an, die körperliche Begegnungen unter queeren Menschen – und Männern insbesondere – ermöglichen, die erstmal nicht sexuell vermittelt sind. Wenn wir in der Szene unterwegs sind, checken wir uns immer ab: "Ist das ein potentieller Partner? Möchte der was von mir?". In den Tanzgruppen werden solche Fragen komplett ausgeklammert. Es geht darum: Wie kann ich jemanden einfach nur berühren, ohne Sex zu wollen? Wenn man in diese reine Berührung, die nichts will, hineinspürt, können wundersame Dinge passieren. Andererseits biete ich Gruppen speziell zum Thema queere Einsamkeit an, die körperliche Erfahrung mit verbaler Reflexion verbinden und neue soziale Erfahrungen ermöglichen.
Was muss sich gesellschaftlich und politisch verändern? Wir erleben ja seit Jahren auch ein starkes „Szenesterben“.
Auf einer gesellschaftlichen Ebene haben wir seit Corona zwar einen Einsamkeitsdiskurs, in Ländern wie Großbritannien gibt es aber schon viel länger politische Programme dafür. Wir brauchen eine Sensibilisierung, damit Einsamkeit aus der beschämten Ecke herausgeholt wird und Betroffene merken, dass sie nicht schlechter sind. Und wir brauchen dringend mehr zivilgesellschaftliche Orte in der queeren Szene, an denen andere Formen von Begegnungen möglich sind. Leider sehen wir ein echtes Szenesterben: Klubs und Bars gehen ein, und bei vielen Selbstvertretungen, Schwulenchören oder queeren Sportvereinen steigt der Altersdurchschnitt, während der Nachwuchs wegbleibt. Statt solche Begegnungsorte zu fördern, spart die Politik aktuell vielerorts – wie beispielsweise gerade in Düsseldorf oder Berlin –, was es nur noch schwerer macht.
*Interview: Christian Knuth