Foto: Wilhelm von Gloeden – „Fünf junge Männer, die sich an einem Brunnen im Kreuzgang von San Domenico in Taormina abstützen“, um 1895, Albuminabzug ohne Nummer, 16,3 x 23 cm, Galerie Au Bonheur du Jour
Die Überschrift hat es bereits vorweggenommen: Im Fokus der neuen Ausstellung dieser Galerie in Paris steht Wilhelm Iwan Friederich August von Gloeden (1856 – 1931), einer der ersten schwulen Fotografen, die sich für queere Sichtbarkeit einsetzten. Vom 4. November bis zum 30. Januar können wir in seine erotische Vorstellung der arkadischen Antike eintauchen.
Männliche Modelle für seine fotografischen Inszenierungen zu finden, sie in bisweilen unverkennbar erotischen Posen abzulichten und die entstandenen Werke anschließend zu verbreiten oder gar zu besitzen, war keineswegs selbstverständlich. Was heute im Kontext queerer Kunst- und Kulturgeschichte als bedeutender Beitrag zur Sichtbarkeit homosexueller Lebenswelten gewürdigt wird, bewegte sich seinerzeit in einem gesellschaftlichen und juristischen Spannungsfeld. Homosexuelle Handlungen waren vielerorts strafrechtlich verfolgt, gleichgeschlechtliches Begehren wurde von der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft moralisch geächtet und aus dem öffentlichen Leben verdrängt. Auch die bildliche Darstellung männlicher Nacktheit konnte schnell zum Gegenstand sittlicher Empörung und juristischer Verfolgung werden.
Über den Künstler: Der 1856 in Mecklenburg geborene Wilhelm von Gloeden (kleines Bild oben) zählt zu den frühen Wegbereitern der homoerotischen Fotografie. Ende des 19. Jahrhunderts ließ er sich im sizilianischen Taormina nieder, wo er seine berühmten Fotografien schuf. Inspiriert von der Ästhetik der griechisch-römischen Antike, inszenierte er junge männliche Modelle in einer idealisierten arkadischen Landschaft – mit antiken Gewändern, Lorbeerkränzen und einer unverkennbar erotischen Bildsprache. Seine Aufnahmen verbanden klassische Schönheitsideale mit homoerotischem Begehren und fanden bereits zu Lebzeiten ein internationales Publikum. In einer Epoche, in der Homosexualität gesellschaftlich geächtet und vielfach strafrechtlich verfolgt wurde, war sein fotografisches Schaffen bemerkenswert. Heute gilt von Gloeden als eine wichtige Figur der queeren Fotografiegeschichte, dessen Werk die Grenzen zwischen Kunst, Sinnlichkeit und gesellschaftlicher Konvention auslotet.
4.11. – 30.1.2027., „Wilhelm von Gloeden: Portraits et Nus Masculins 1880 – 1914“, Galerie Au Bonheur du Jour, 1 rue Chabanais – 75002 Paris, www.aubonheurdujour.net
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