Foto: www.moomcomics.de
Łukasz Majcher und Stefan Paul verbinden in „Totenbretter“ bayerische Totenkultur, eine düstere Kriminalgeschichte und eine schwule Liebesgeschichte. Die Graphic Novel des Berliner Independent-Verlags Moom Comics führt in eine Welt, in der alte Überlieferungen unheimliche Gegenwart gewinnen und Begehren ebenso viel Mut verlangt wie die Suche nach der Wahrheit.
Der wilden Bayerische Wald ist ein Ort, an dem sich die Landschaft nicht ohne Weiteres von ihren Geschichten trennen lässt. Zwischen dunklen Urwäldern (!), abgelegenen Ortschaften und überlieferten Bräuchen scheint die Vergangenheit bisweilen näher zu sein, als einem lieb sein kann. Genau hier setzt „Totenbretter“ an, die neue Graphic Novel von Łukasz Majcher und Stefan Paul. Was zunächst als Kriminalgeschichte beginnt, entwickelt sich zu einem Ausflug in den Folk-Horror – und zugleich zu einer Erzählung über Anziehung, Verletzlichkeit und queeres Begehren.
Im Zentrum steht Ben, ein True-Crime-Autor aus Berlin, der von einem verstörenden Mord im Bayerischen Wald erfährt. Auf der Suche nach den Hintergründen stößt er auf ein Totenbrett, ein hölzernes Zeugnis regionaler Totengedenkkultur, das in der Geschichte eine unheilvolle Rolle spielt. Ein Gegenstand, der ursprünglich an die Vergänglichkeit des Lebens erinnert, wird zum Bestandteil einer beunruhigenden Mordinszenierung. Je tiefer Ben in den Fall eindringt, desto stärker gerät die vermeintlich vertraute Ordnung der Wirklichkeit ins Wanken. Was ist überlieferte Sage, was lokale Legende, was menschliche Grausamkeit – und was entzieht sich jeder rationalen Erklärung?
Besonders reizvoll ist die Verbindung zweier Welten, die im Comic nur selten aufeinandertreffen: bayerische Folklore und die schwule Bärenszene. Der Begriff „Bär“ bezeichnet in der queeren Community ja einen Männertyp, der häufig mit Körperbehaarung, kräftiger Statur und einer bewusst jenseits klassischer Schönheitsideale verorteten Männlichkeit verbunden wird. In „Totenbretter“ stehen Männer aus diesem Umfeld nicht am Rand der Erzählung, sondern bilden einen wesentlichen Teil ihres emotionalen und erzählerischen Gefüges. Queeres Leben erscheint hier nicht als nachträglich hinzugefügtes Motiv, sondern als selbstverständlicher Bestandteil einer Geschichte, die sich gleichermaßen für Körper, Identität, Intimität und Angst interessiert. Dass diese Perspektive persönlich geprägt ist, überrascht kaum: Majcher, Comiczeichner und Autor, und sein Lebenspartner Stefan Paul, der als Co-Autor an dem Projekt beteiligt ist, verstehen sich selbst als Bären. Ihre Erfahrung bildet einen biografischen Bezugspunkt für die dargestellten Männer und ihre Beziehungen. Derzeit wird das Projekt über Kickstarter finanziert. Unterstützer*innen können dort zur Realisierung des Buches beitragen und sich ein Exemplar sichern. Ob im Bayerischen Wald am Ende die Vernunft über den Aberglauben triumphiert oder die alten Geschichten ihre eigene Wahrheit behaupten, bleibt vorerst offen. Sicher ist nur: In „Totenbretter“ ist die Vergangenheit alles andere als tot – und die Liebe findet ihren Weg selbst durch die dunkelsten Wälder. www.kickstarter.com/projects/moomcomics/totenbretter, www.moomcomics.de
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