Verlag: Books On Demand
Ein Mord erschüttert ein beschauliches Westerwald-Dorf. Die schrille Altenpflegerin Rosi Weintraud wird beim Nordic Walking ermordet – und das am Feiertag. Kurz darauf folgt ein zweiter Mord, dann ein dritter. Die Idylle beginnt zu bröckeln. Was auf den ersten Blick wie ein klassischer Landkrimi klingt, entpuppt sich als fein gewobenes Puzzle aus familiären Abgründen, queerer Lebensrealität, Pflegekrise und Kapitalismuskritik. Der Mann hinter dem Roman: Ralph-Michael Schreyer, Jurist, Ehemann – und Erzähler.
Dein Krimi spielt zwischen Frankfurt und dem Westerwald – zwei sehr unterschiedliche Welten. Was verbindet dich mit diesen Orten?
Ich habe viele Jahre in Frankfurt am Main gewohnt und lebe jetzt im Taunus. Frankfurt ist und bleibt aber meine Heimatstadt, mit der mich sehr viel verbindet. In den 90ern hatte ich mein Coming-Out in der Frankfurter Gay-Szene. Einerseits ging die Angst vor AIDS um, andererseits entwickelte sich gerade in der Frankfurter Club- und Musikszene ein neuer, liberaler Zeitgeist, und daraus resultierte letztlich ein offenerer gesellschaftlicher Umgang mit dem Thema Homosexualität. In dieser Zeit beginnt der Prolog meines Romans. So kommt der Ex-Mann von Rosi Weintraud nach einem Besuch im legendären „Blue Angel“ in Frankfurt unter tragischen Umständen zu Tode.
Auch bei den späteren Ermittlungen im Mordfall Rosi Weintraud verschlägt es das Team der Kripo Herborn immer wieder nach Frankfurt am Main – meine Lieblingsstadt, die mich als schwuler Mann bis heute liebevoll begleitet hat und der ich viel zu verdanken habe.
Den Westerwald habe ich durch meinen Mann kennen- und lieben gelernt. Wir sind seit 2008 zusammen, haben 2020 geheiratet und führen seit 17 Jahren eine glückliche Fernbeziehung und Ehe zwischen dem Westerwald und der Rhein-Main-Region. Mein Mann lebt in einem kleinen Ort mit zweitausend Einwohnern in der Nähe von Herborn – das war am Anfang eine ganz schöne Umstellung im Vergleich zu Frankfurt. Im Lauf der Jahre ist die Region für mich zu einer zweiten Heimat geworden. Dort genieße ich vor allem die Ruhe und die Natur, den kalten Winter sowie die weniger heißen Sommertage. So hatte ich den ersten Impuls für meinen Roman beim Joggen im Heimatort meines Mannes. Von da an wusste ich, wer Opfer und Mörder ist – und dass es einen queeren Kommissar im Westerwald geben wird.
Ralph-Michael Schreyer
Und wie viel von dir selbst steckt in der Geschichte rund um Rosi Weintraud?
Beim Schreiben des Romans war es meine Motivation, für mich relevante Themen wie Homosexualität, die Folgen des aktuellen Pflegenotstands sowie die Globalisierung und Digitalisierung – und das damit verbundene gesellschaftliche Streben nach möglichst ‚Allem‘ zum niedrigen Preis – in einem spannenden Krimi zu verarbeiten. Dabei wurde ich beeinflusst durch meine persönlichen Erfahrungen mit der eigenen Homosexualität über die Jahre hinweg, eine schwierige Pflegesituation in der Familie und meine beruflichen Erfahrungen als Jurist in einem globalen, amerikanischen Unternehmen, das ich mittlerweile verlassen habe.
Von Anfang an wollte ich keinen klassischen ‚Regional-Krimi‘ oder reinen ‚Queer-Krimi‘ schreiben, sondern einen Roman mit queerem Bezug, der verschiedene Regionen – neben dem Westerwald und Frankfurt auch Köln und Hamburg – miteinander verbindet und daher für Leser aller Couleur aus allen Teilen Deutschlands interessant ist.
Bei den Personen war es mir wichtig, facettenreiche Charaktere mit all ihren Vorzügen und Abgründen zu schaffen.
Rosi – eine queere Kultfigur? Wie würdest du die Protagonistin beschreiben?
Rosi Weintraud ist eine Frau, wie sie schwule Männer lieben: stark, unabhängig, schrill, extrovertiert, impulsiv, lebenslustig, herzlich, sinnlich, mit einem Hang zu jüngeren Männern und einem großen Freiheitsdrang und Gerechtigkeitsbedürfnis – letzteres wird ihr zum Verhängnis.
Kurz gesagt: eine Frau, bei deren Tod nicht alle sofort in Tränen ausbrechen, die aber ihr Leben gelebt hat.
Auch wenn Rosi bereits am Anfang des Buches ermordet wird, ist sie über den ganzen Roman hinweg so präsent, dass ich sie als den Hauptcharakter des Romans bezeichnen würde. Während sie im Sterben liegt, erlebt sie zahlreiche Flashbacks, in denen der Leser mehr über die Hintergründe des Mordes und den Menschen Rosi erfährt.
Kommissar Saitelhöfer ist ruhig, eher introvertiert, analytisch denkend und geprägt von der Trauer um seinen verstorbenen Vater. Er bildet damit das perfekte Pendant zu seiner schlagfertigen, humorvollen und stets optimistischen Kollegin Vera.
Geht die Geschichte weiter? Gibt es schon Pläne für ein nächstes Buch oder Projekt?
Die gibt es. Der zweite Teil spielt einige Jahre später und überwiegend in Frankfurt am Main, wo Kommissar Saitelhöfer mittlerweile lebt und arbeitet. Fast zeitgleich ereignen sich dort zwei Morde, die zunächst in keinem Zusammenhang miteinander stehen. Im Verlauf der Ermittlungen stellt sich jedoch heraus, dass es eine Verbindung zwischen den beiden Mordopfern gibt, die in den Westerwald führt – wo die Schwester von Rosi Weintraud lebt …
Seit einigen Monaten schreibe ich fast täglich in meiner Freizeit an der Fortsetzung. Die Veröffentlichung ist für 2026 geplant.
Ralph-Michael Schreyer gelingt mit „Nicht das Freuen, nicht das Leiden …“ ein starker Auftakt für eine queere Krimireihe, die mit Witz und Tiefgang punktet – und in der eine Heldin wie Rosi Weintraud unvergessen bleibt. Wer queere Figuren in spannender Handlung sucht, die mehr als dekorative Nebencharaktere sind, wird hier fündig.
Ralph-Michael Schreyer: Nicht das Freuen, nicht das Leiden – Ein Fall für die Kripo Herborn
Books on Demand, 348 Seiten, ISBN: 978-3-7578-6949-6
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