Foto: ZDF / Thomas Leidig
Olivia Jones Film ZDF
Johannes Hegemann brilliert als Oliver Knöbel.
Geboren 1996 in Jena und aufgewachsen in Zürich studierte Johannes Hegemann zunächst in der Schweiz und dann in Rostock Schauspielerei. Direkt im Anschluss wurde er Ensemble-Mitglied am renommierten Thalia Theater, wo er auch nach dem Abschied vom festen Bühnen-Engagement im Sommer 2025 weiterhin lebt. 2024 wurde er für seine erste große Kinorolle in Andreas Dresens „In Liebe, Eure Hilde“ gefeiert, anschließend war er auch in „Friedas Fall“, „Das Verschwinden des Joseph Mengele“ und „Silent Friend“ zu sehen. Nun glänzt er als Deutschlands bekannteste Dragqueen Olivia Jones im auf deren Autobiografie basierenden Film „Olivia“, der ab dem 5.5. auf ZDF.de und am 13.5. auch im linearen Fernsehen zu sehen ist. Am 6.5. steht Hegemann außerdem nochmals in „Anleitung ein anderer zu werden“ von Édouard Louis am Thalia Theater Gaußstraße auf der Bühne.
Johannes, wussten Sie, wer Olivia Jones ist, bevor Sie nun die Titelrolle im Film „Olivia“ übernahmen? Wirklich vertraut war ich mit Olivia tatsächlich nicht. Natürlich wusste ich, dass sie eine Dragqueen ist und wofür sie so steht. Aber das lag eher daran, dass ich in Hamburg wohne und man auf dem Kiez an Olivia eigentlich nicht vorbeikommt. Viel mehr Berührungspunkte mit ihr hatte ich allerdings nicht, denn ich bin nicht sonderlich versiert in Sachen Reality-TV.
Und Drag allgemein? Hatten Sie dazu einen Bezug? Meine Schwester hat lange in Berlin gewohnt, mit der war ich vor Jahre schon mal in der einen oder anderen kleinen Drag-Show. Auch über Freunde gab es ein paar Berührungspunkte mit dieser Welt. Aber die Hamburger Szene kannte ich überhaupt nicht, bis ich für den Film nun recherchiert habe. Dann bin ich selbstverständlich zu Olivia Jones gegangen, aber habe mir auch andere Formate angeguckt und mich viel mehr mit der ganzen Thematik beschäftigt. Natürlich auch mit „RuPaul’s Drag Race“. Das hatte ich zwar auch schon davor mal geguckt, aber habe ich mich dann so richtig in diese Welt begeben.
An ein Format wie „RuPaul’s Drag Race“ und Drag als Massenunterhaltung war noch kein bisschen zu denken, als Oliver in den 1990er-Jahren anfing, sich in Olivia Jones zu verwandeln … Genau, den Begriff Dragqueen gab es ja damals in Deutschland eigentlich noch gar nicht wirklich. Olivia kommt aus der Travestie. Und ich finde es spannend, wie groß hierzulande der Unterschied zwischen der Travestie-Szene jener Zeit und heutigem Drag ist. In den 80er und 1990er-Jahren war der Mut zum Freakigen, zur Obszönität und zum Hässlichen viel präsenter. Da ging es um andere Dinge als darum, die hotteste Frau im Klub zu sein. Nicht dass es nicht heute auch noch skurrile und exzentrische Dragqueens gibt. Aber da wird eben doch auch sehr viel mehr auf Glamour gesetzt.
Sie spielen in „Olivia“ zum ersten Mal eine noch lebende, reale Person, die Ihnen zur Vorbereitung natürlich auch beratend zur Seite stand. War das nur ein Segen oder auch ein wenig Fluch? Ein bisschen Druck baut man sich da schon auf, und ich habe mir auf jeden Fall auch die Platte gemacht, was ist, wenn Oliver mich oder den Film beschissen findet. Wobei ich diese Sorge letztlich nicht lange hatte. Meine privaten Treffen mit Ollie schon vor dem Dreh waren wahnsinnig entspannt und ich habe gemerkt, dass er mir wirklich sehr vertraut. Von seiner Seite gab es überhaupt nicht den Druck, dass ich die Sache nicht verkacken darf, deswegen habe ich mir den auch nicht so sehr gemacht und fühlte mich recht frei.
Was haben Ihnen die persönlichen Treffen gegeben, das über die Lektüre der Autobiografie und des Drehbuchs noch hinausgingen? Dadurch, dass ich nicht nur Olivia, sondern auch Oliver kennen gelernt habe, konnte ich viel tiefer in die Figur eintauchen. Es ist ja nicht so, dass er Riesengeheimnis daraus macht, wer er ist, aber Interesse daran, sich als Mann in der Öffentlichkeit zu präsentieren, hat Oliver bekanntlich nicht. Darum gibt es auch kaum Fotos von ihm. Im Film spiele ich allerdings größtenteils abgeschminkt, also als Ollie und jenseits der Figur Olivia Jones. Deren Perücke, die ganze Aufmachung ist natürlich auch eine gewisse Grenze, hinter die man nicht ohne weiteres blicken kann. Selbst wenn ich noch 100 Stunden mehr Material von Olivia im Internet geguckt hätte, wäre ich Oliver nicht nähergekommen. Deswegen war es so wichtig für mich, Ollie persönlich kennenzulernen und noch eine ganz andere, zugängliche und weiche Seite dieses Menschen zu entdecken. Das Gefühl für den Menschen hinter Olivia Jones konnte ich nur durch die direkte Begegnung bekommen.
Ist Olivia Jones in Ihren Augen denn eine reine Kunstfigur? Nein, gar nicht. Olivia und Oliver sind eigentlich gleichberechtigt und zu weiten Teilen deckungsgleich. Ich glaube nur, dass Olivia den Glamour-Faktor hat und der Teil der Persönlichkeit ist, der gerne in der Öffentlichkeit steht und Remmidemmi macht. Das ist Oliver nicht so wichtig. Aber letztlich verschwimmt die Grenze zwischen den beiden größtenteils, viel mehr als meine Interpretation im Film das zeigt. Wenn man die Augen zumacht, würde man keinen großen Unterschied zwischen Olivia und Oliver ausmachen können. Die Stimme und der Habitus sind eigentlich identisch. Es ist nur die Äußerlichkeit, die verschieden ist.
Und wie viel Nähe gibt es zwischen Ihnen und Olivia Jones? Oder brauchen Sie gar keine emotionalen Anknüpfungspunkte, um eine Figur spielen zu können? Doch, die sind total wichtig. Was nicht heißt, dass ich mir Figuren danach aussuche, dass sie mir ähnlich sein müssen wie ich. Das interessiert mich als Schauspieler gar nicht. Ich hatte ein vollkommen anderes Leben als Olivia Jones oder als Hans Coppi oder irgendeine Figur, die ich schon auf der Bühne gespielt habe. Aber natürlich suche ich in diesen Rollen nach Emotionen, die ich aus meinem eigenen Leben kenne, von Liebe und Verlust bis Angst und Enttäuschung. In jeder meiner Figuren steckt am Ende viel Johannes Hegemann, denn meine Lebenserfahrung, meine Gefühle und meine Tiefe sind das Wichtigste, was ich ihnen mitgeben kann.
Olivias Kindheit und Jugend im Film ist geprägt davon, sich anders und fehl am Platz fühlen, ausbrechen zu wollen und sich danach zu sehen, frei atmen zu können … Das ist ein Gefühl, das ich durchaus kenne, auch wenn ich aus einem relativ liberalen Elternhaus komme. Ich durfte da viel ausprobieren und muss keine Angst haben, dass ich mich irgendwie verstecken muss. Aber ich weiß, wie es sich anfühlt, wenn man denkt: ich muss hier weg, ich muss mich woanders ausprobieren. Oder auch: ich bin irgendwie anders und hier ein bisschen falsch. Darunter habe ich auch gelitten, weil ich anders als Olivia nie diesen wahnsinnigen Mut hatte. Sie hatte ja immer den Drang, auch mal anzuecken, und ließ sich nie aufhalten, während ich eher dachte, dass mit mir vielleicht etwas nicht stimmt und ich mich besser anpassen sollte.
Wann haben Sie sich davon befreit? Das war erst gegen Ende der Schulzeit, als ich die Teenie-Jahre und die Pubertät hinter mir hatte. Der Weg zum Theater, in die Kreativität und zur Schauspielerei, den ich durch eine freie Theatergruppe damals in Zürich fand, hat mich letztlich von meinen Zweifeln und Ängsten befreit. Ich bin zwar nicht Drag Queen geworden, sondern Schauspieler. Aber ich glaube, dass ich darin eine ähnliche Befreiung und Selbstbestimmung gefunden habe wie Olivia auf ihrem Weg in die Travestie.
*Interview: Patrick Heidmann
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