Foto: Can't Stop Productions
Village People
Es gibt Bands, deren größter Hit sie auf ewig verschluckt. Bei den Village People war das gleich ein ganzes Bündel von Welthits: „Y.M.C.A.“, „Macho Man“, „Go West“, „In the Navy“, später „Far Away in America“, „Sex Over the Phone“ und „Can*t Stop the Music“ – Lieder, die zu Sportarenen, Volksfesten und Hochzeiten gehören wie Konfetti und Mitklatschen. Nun ist Victor Willis, Gründungsmitglied, Leadsänger und die markante Stimme der Village People, im Alter von 74 Jahren nach kurzer, schwerer Krankheit gestorben. Mit ihm verliert die Disco-Ära einen ihrer prägnantesten Protagonisten.
Die Village People waren nie einfach nur eine Band. Sie waren ein Konzept, erdacht von den französischen Produzenten Jacques Morali und Henri Belolo, ein Pop-Theater aus überzeichneten Männlichkeitsfantasien: Bauarbeiter, Cowboy, Lederkerl, Polizist, Soldat, Native American Figuren, wie sie in den Bars und Klubs von Greenwich Village längst Teil einer schwulen Ikonographie geworden waren. Morali war selbst schwul, Belolo nicht; auch unter den wechselnden Mitgliedern war die sexuelle Orientierung so vielfältig wie die Besetzung. Gerade deshalb war die Gruppe nie bloß ein „schwules Projekt“, sondern ein Spiel mit Identitäten, Sehnsüchten und Masken – offen genug, um ein Massenpublikum zu erobern, eindeutig genug, um von der queeren Community sofort verstanden zu werden.
Das war ihr eigentlicher Kunstgriff. Die Village People machten Camp zum Welterfolg. Sie verwandelten Codes einer Minderheit in universellen Pop, ohne deren Herkunft zu verleugnen. „Fire Island“ feierte einen der legendärsten Rückzugsorte schwulen Lebens. „Macho Man“ spielte mit dem Kult um virile Körper, statt ihn einfach zu bestätigen. „Y.M.C.A.“ war weit mehr als eine fröhliche Einladung zum Sportverein, „In the Navy“ weit mehr als Rekrutierungspropaganda. Und mit „Liberation“ oder „Go West“ schimmerten schließlich unverstellt die Hoffnungen auf Freiheit, Selbstbestimmung und ein anderes Leben durch.
Wer nur die Singles kennt, kennt ohnehin nur die halbe Geschichte. Die frühen Alben überraschen bis heute mit elegantem Funk, orchestraler Disco und erstaunlich raffinierten Arrangements. Unter den eingängigen Refrains arbeitete eine Rhythmusmaschine, die näher bei Philadelphia Soul und Sly Stone lag als bei der oft belächelten „Plastikdisco“ ihrer Epoche. Dass die Musik zugleich intelligent und hemmungslos tanzbar sein konnte, gehört zu den bleibenden Verdiensten der Gruppe.
Victor Willis (1.7.1951 – 30.6.2026) war dabei weit mehr als das Gesicht in Uniform. Seine kraftvolle Soulstimme verlieh den oft augenzwinkernden Liedern Ernst und Gravitas. Gemeinsam mit Morali schrieb er die großen Hymnen, die bis heute zu den erfolgreichsten Kompositionen der Popgeschichte zählen. Nach seinem Ausstieg kämpfte er mit Drogenproblemen und jahrelangen Rechtsstreitigkeiten um seine Urheberrechte. Immer wieder kehrte er auf die Bühne und zu „seiner“ Band zurück – Comebacks, die zugleich eine späte Anerkennung seiner kreativen Rolle bedeuteten.
Ironischerweise wurden die Village People zuletzt oft auf die politischen Debatten um die Verwendung ihrer Lieder reduziert. Dabei ging es in ihrer Musik nie um Parteipolitik. Sie erzählte von Zugehörigkeit und Ausgrenzung, vom Recht, sich neu zu erfinden, und von der befreienden Kraft des Tanzes. Dass Millionen Menschen diese Botschaften mitsangen, ohne ihre zweite Ebene wahrzunehmen, war vielleicht der größte Triumph dieser Kunst.
Mit dem Klick auf das Video stimmst Du diesen Datenschutzbestimmungen von YouTube zu


