Foto: Dominic Ernst
Aktuell begeistert das Berlin-Musical „Wir sind am Leben“ das Publikum im Theater des Westens im „dicken B“. Für uns nahmen sich zwei der prägenden Darsteller*innen des Erfolgsstücks Zeit für ein Gespräch: Steffi Irmen, die als Rosi eine Friseurmeisterin aus Wittenberg und zugleich die übergriffige Mutter von Nina und Mario verkörpert, die ihren Kindern nach Berlin folgt, sowie Philipp Nowicki als Bruno, einen HIV-positiven Künstler und Dragqueen der Hausbesetzer-Kommune „Konsum Hoffnung“.
In deiner Rolle als Rosi durchlebst du eine komplette Wandlung. Aus einer Frau voller Vorurteile wird eine warmherzige. Wie bringt #mensch das glaubhaft innerhalb eines Stückes rüber?
Steffi Irmen: Für mich war der schwierige Teil die „Vorurteil-Rosi“ zu spielen, aber ich habe dann doch sehr schnell den Spaß daran entdeckt! Abgesehen davon ist es unglaublich wichtig, auch die negativen Eigenschaften von Charakteren darzustellen, denn so zeigen wir, dass jeder Mensch zu Veränderung fähig ist, wenn er mutig genug ist, sich zu öffnen!
Als Bruno erinnerst du auf der Bühne an wichtige Aktivist*innen wie Melitta Sundström. Hast du dich zuvor mit deren Leben beschäftigt?
Philipp Nowicki: Ich habe mich vor allem mit der Aids-Krise an sich beschäftigt und ganz viele Dokumentationen, Filme und Serien geschaut, wie zum Beispiel „A Normal Heart“, „It’s a Sin“, eine Doku über das „Tuntenhaus Forellenhof“ in Berlin oder ganz aktuell „Aids – In Zeiten der Liebe“, um einen möglichst authentischen Eindruck der Zeit zu bekommen und die Gefühle der Menschen in der ganzen Bandbreite nachzuvollziehen. Natürlich sind mir da auch einzelne Personen und Leben begegnet, die mich sehr inspiriert haben und sich auch in meiner Interpretation von Bruno wiederfinden.
Habt ihr eine Lieblingsszene in „Wir sind am Leben“?
Steffi Irmen: Das ist schwer!! Ich mag wirklich sehr viele Szenen, aber da ich mich grade entscheiden muss, nehme ich die Szene „Rosi kommt“. Da betritt Rosi zum ersten Mal den Konsum und stellt innerhalb von Sekunden alles auf den Kopf.
Philipp Nowicki: Ich liebe die Szene auf dem Dach während des Songs „Tanzen 2000“, bei der jeder über seine Zukunft und über Träume und Wünsche nachdenkt, das hat so eine schöne Melancholie.
Und auch ein bestimmtes Lied?
Steffi Irmen: Auch hier – schwierige Entscheidung! But for now – „Ab wann kann man mich kaufen“ UND „Wir sind am Leben“.
Philipp Nowicki: Mein Lieblingslied ist „Ab wann kann man mich kaufen“, am Anfang gesungen von der Rolle der Nina, die selbstbestimmt ihre Träume verwirklichen will und sich fragt, wie weit man für seine Ziele gehen kann. Und am Ende steigt das ganze Ensemble mit ein und der Song baut sich musikalisch noch mal so richtig bis zum Höhepunkt auf, das ist ein richtiger Gänsehautmoment. „Supernovadiscoslut“ macht auch superviel Spaß!
Berlin erlebt gerade einen queer- und judenfeindlichen Backlash, leider ist es nicht mehr so leicht, hier zu leben wie in den 1990er- oder 2000er-Jahren. Wie kann ein Musical dazu beitragen, dass es wieder besser wird?
Steffi Irmen: In unserem Stück ist das Besondere, dass queere Lebensrealitäten dargestellt werden und wir somit dem größtenteils heterosexuellen Publikum zeigen können, dass sich unsere Liebe nicht anders anfühlt als ihre eigene. Ich persönliche erhoffe mir jeden Abend, mit unseren Geschichten im Theater des Westens mindestens eine Person zum Umdenken anzuregen!
Philipp Nowicki: Theater kann uns neue Blickwinkel eröffnen oder zum Nachdenken anregen und aktuelle Ereignisse verarbeiten. Wir zeigen in unserem Stück eine sehr tolerante und offene Community, in der jeder willkommen ist, ganz egal, welche sexuelle Orientierung oder welche Vorlieben man hat. Man kriegt einen Einblick in die Figuren und deren Leben, und vielleicht legt man das ein oder andere Vorurteil ab oder versteht, dass anders zu sein nichts Schlechtes ist. Wie schon beschrieben erlebt die Figur der Rosie auch die Entwicklung von einer eher vorurteilsbehafteten Frau, die nicht viel von der schwulen Community hält, zur „Mutti der Schwulen“, und ich hoffe, dass der/die ein oder andere sein/ihr eigenes Verhalten ebenfalls hinterfragt und diese Offenheit aus unserem Theater auch in die Realität hineinträgt.
Was würdet ihr euch für die Besucher*innen des Musicals wünschen, was sollen sie mitnehmen?
Steffi Irmen: Ich wünsche mir von den Menschen mehr Offenheit und Akzeptanz. Vielleicht auch, dass sie es schaffen, gegen ihre eigenen Vorurteile anzukämpfen und ein wenig umzudenken. Mein Motto in dieser Hinsicht ist: Wenn es dir selbst nicht schadet, nimm anderen nicht die Möglichkeit, glücklich zu sein!
Philipp Nowicki: Ich würde mir wünschen, dass man rausgeht und daran erinnert wird, wie kostbar das eigene Leben ist und dass man es auch in vollen Zügen leben muss, denn „WIR SIND AM LEBEN“ und wir haben nur das eine. Und wenn sich queere Zuschauer*innen durch unsere Figuren repräsentiert und gesehen fühlen und wir gleichzeitig auch den Horizont und die Toleranz von Menschen erweitern können, die bisher noch nicht viel über die Community wussten oder sich noch nicht mit ihr beschäftigt haben, haben wir schon sehr viel geschafft.
*Interview: Michael Rädel
„Wir sind am Leben“: Infos und Tickets: www.musicals.de, „Salon Rosie“: Premiere 30.10.2026
Besuch uns auf Instagram:


