Immer wieder geben wir Menschen der LGBTIQ*-Community die Möglichkeit, ihre Geschichten zu erzählen und queere Sichtbarkeit zu schaffen. Diesen Monat ist es Aleksandar Petrovic von der Deutschen Eiche.
„Ich bin gebürtiger Wiener mit serbischen Eltern – also eine Mischung aus Wiener Kaffeehausmentalität und Balkan-Temperament. 2019 habe ich in Wien maturiert, also mein Abitur gemacht, und das sogar als Jahrgangsbester. Danach hatte ich ein paar klassische Bürojobs in Österreich, aber ziemlich schnell gemerkt, dass ein typisches, monotones Leben nichts für mich ist“, so der Kreative über sich. „2021 zog es mich auf den Balkan. Ich lebte in Bosnien und Serbien und war Friedensdiener für Österreich. Dabei ging es um Versöhnungsarbeit zwischen den Ländern des ehemaligen Jugoslawiens, unter anderem im Srebrenica Memorial Center. Gleichzeitig habe ich mich bei der jüdischen NGO Haver Srbija mit der Aufarbeitung des Holocaust beschäftigt. 2022 ging es dann nach Kenia, wo ich soziale Freiwilligenarbeit geleistet habe. Das Jahr habe ich schließlich in Albanien beendet und dort meinen Friedensdienst noch ein wenig weitergeführt. Danach hatte ich eigentlich eine Stelle im Dayton Peace Museum in Ohio, USA, bekommen. Eine Wohnung war schon gefunden und alles vorbereitet. Es fehlte nur noch der letzte Schritt – das Visum beim Konsulat abzuholen. Genau dort scheiterte das Ganze.“
Was war passiert? „Durch Kontakte im Konsulat habe ich später indirekt erfahren, dass man mich wohl für einen russischen Spion hielt. Dieses Gerücht klingt auf den ersten Blick plausibel. Zu dieser Zeit hatte gerade der Russland-Ukraine-Krieg begonnen, und mein Name Aleksandar Petrovic klingt für amerikanische Ohren offenbar ziemlich russisch. Mein Fall landete schließlich sogar in Washington D.C. zur Prüfung. Nach ungefähr einem Jahr kam dann plötzlich die Nachricht, dass alles in Ordnung sei und ich mein Visum abholen könne. Das Problem war nur: Das Museum hatte nach einem Jahr Wartezeit meine Existenz längst vergessen. Also arbeitete ich stattdessen als Babysitter in den USA und lebte eine Zeit lang in Kalifornien und New York. Was dort sonst noch passiert ist, bleibt allerdings in den USA.“
Jetzt lebt er in Bayern: „Seit 2025 bin ich Wahlmünchner und arbeite in der Deutschen Eiche – ein ziemlich wilder Ort für jemanden, der in Wien ein eher heteronormales Leben geführt hat. Ich habe eine etwas komplizierte Beziehung zu meinem Schwulsein, allerdings nicht aus politischen oder religiösen Gründen. Schwul sein ist natürlich, keine Sünde und keine Krankheit. Mir ist grundsätzlich egal, was andere denken. Man ist einfach so.“ Eine Partnerschaft hatte er noch nicht: „Ich hatte bisher noch keine Beziehung, weder mit einem Mann noch mit einer Frau. Ich bin wählerisch, aber ehrlich gesagt sind das andere auch, also darf ich das wohl auch sein. Ein Thema ist auch meine Alopecia. Viele Dates enden relativ schnell mit dem Satz ‚Du bist nicht mein Typ‘. Das gehört eben dazu. Außerdem habe ich einen ziemlich klassischen Traum: Ich möchte irgendwann biologische Kinder. Das schreckt viele schwule Männer ab, oft wegen des Geldes oder weil sie einfach andere Lebenspläne haben. Dadurch wird der Dating-Pool natürlich kleiner.“
Auch in Sachen mentale Gesundheit spricht er Klartext: „Ich habe außerdem ADS, diagnostiziert von einem Psychiater in Wien. Zum Glück ohne das H von ADHS. Ich kann stillsitzen, aber in meinem Kopf führen meine Gedanken manchmal den dritten Weltkrieg. Ich rede oft ohne Punkt und Komma, verliere im Gespräch die Struktur und beginne fünf neue Sätze, bevor ich den ersten beendet habe.“ Heute arbeitet er bei der Deutschen Eiche, aber dorthin kam er nicht ohne Umwege: „Ich interessiere mich für viele Dinge. Ich mache eigene Musik, die für deutsche Ohren manchmal etwas ungewohnt klingt, weil sie stark nach Balkan-Pop klingt. Außerdem würde ich gerne modeln. Ich stand sogar schon einmal vor Heidi Klum und Jean Paul Gaultier beim GNTM-Casting in Köln letztes Jahr. Leider haben sie mich nicht genommen. Andererseits wäre ich vielleicht heute nicht in der Deutschen Eiche, wenn sie mich ausgewählt hätten. Ich liebe es dort, mit den Saunagästen zu reden. Ich hatte vorher keinerlei Hotel- oder Gastroerfahrung und habe hier unglaublich viel gelernt. Mit schwulen Kollegen zu arbeiten, kann allerdings manchmal ein bisschen wie Reality-TV sein – ein wenig wie Keeping Up with the Kardashians, nur mit mehr Handtüchern und Badelatschen.“
Lebensfreude ist ein großes Thema: „Eine meiner größten Leidenschaften sind meine Spieleabende in Wien. Ich veranstalte regelmäßig Homepartys, bei denen Menschen zusammenkommen, die sich vorher oft gar nicht kannten. Mittlerweile schreiben mir sogar fremde Leute auf Instagram und fragen, ob sie einmal dabei sein dürfen. Bei meinen Game Nights werden die Gäste in Teams eingeteilt und müssen gemeinsam verschiedene Challenges lösen. Manche Spiele sind kreativ, manche lustig, manche ein bisschen chaotisch. Es geht um Teamwork, Spontanität und darum, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen. Ich plane diese Abende ziemlich aufwendig. Es gibt verschiedene Runden – manchmal kleine Rätsel, manchmal kreative Aufgaben, manchmal Spiele, bei denen die Teams improvisieren müssen. Oft entstehen dabei unglaublich lustige Situationen, und genau das macht den Reiz aus. Es gibt keinen großen Preis zu gewinnen. Trotzdem sagen viele danach, dass es der beste Abend des Jahres war. Menschen kommen als Fremde und gehen oft als Freunde. Ich bin jemand, der gerne Menschen zusammenbringt, neue Erfahrungen sammelt und selten lange stillsteht.“
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