Ohne Drogen tut sich wenig in der Partyszene. Ein Klischee oder aufgeputschte Wirklichkeit? Wir sprachen mit dem Suchttherapeuten Andreas von Hillner von der Schwulenberatung Berlin. Die bietet seit kurzem eine neue Gruppe an, die sich mit dem Gebrauch von und den Problemen mit Partydrogen beschäftigt.
KOKS, KETAMIN, POPPERS RAUSCHMITTEL SCHEINEN OMNIPRÄSENT ZU SEIN IN DEN KLUBS. WIE VERDROGT IST DENN DIE SZENE? Es gibt ja nicht DIE Szene in Berlin, sondern viele Sub-Szenen. Und in einigen werden die von dir aufgezählten Substanzen konsumiert. Es gibt aber auch Szenen, in denen viel härtere Drogen konsumiert werden, oft im Zusammenhang mit sexuellen Handlungen. Es gibt aber auch eine sehr große Szene, die überhaupt nichts konsumiert!
WIE SIEHST DU DEN ZUSAMMENHANG ZWISCHEN PARTY UND DROGENKONSUM? Ja, Stimulanzien werden in der Klubwelt konsumiert, das ist nicht neu. Sei es Alkohol oder Ecstasy. Was aber neu ist, ist die Szene, in der schwule Männer im privaten Bereich Crystal und Amphetamine konsumieren meist bei Sextreffen, die über die sozialen Netzwerke verabredet wurden. Und der Konsum mit Spritzen. Das ist neu für Berlin: harte Drogen intravenös in sexuellen Zusammenhängen. Da wollten wir reagieren und ein niedrigschwelliges Angebot schaffen. Jeden Freitag um 18 Uhr kann man zu uns kommen.
IST CRYSTAL EIN NEUES PROBLEM? Ja, relativ neu.
WIE STEHST DU ZU DER KAMPAGNE GEGEN CRSYTAL? Viele Männer, die Crystal konsumieren, sehen NICHT so aus, wie auf den Bildern, die zur Abschreckung verbreitet werden, daher finde ich die Kampagne nicht so gut. Viele Männer haben ihren Konsum so im Griff, dass man es ihnen nicht ansieht. Vorerst ...
ZU EURER GRUPPE: IST ES EINE SAFER-USE-GRUPPE ODER EINE GRUPPE ZUM ENTZUG? Beides. Sie ist angeleitet und offen für schwule Männer. Es geht vor allem um Austausch und Kontakt, es geht nicht vordergründig um die Abstinenz. Willkommen ist jeder, nur drauf darf er beim Besuch nicht sein. Es geht um Konsum-Kompetenz und darum, ein Bewusstsein zu schaffen, was man da tut.
WER KOMMT ZU EUCH? Von zwanzig bis Ende fünfzig, der Anteil der Männer ab vierzig Jahren ist aber bisher recht hoch. Wir holen die Männer da ab, wo sie sind. Man kann konsumieren und zu uns kommen ... Ein gewisses Problembewusstsein muss aber sein.
ERREICHT IHR AUCH MÄNNER MIT MIGRATIONSHINTERGRUND? Ja, es verändert sich gerade zum Positiven. In der islamischen Welt ist die Angst sehr groß, entdeckt zu werden. Wir haben jetzt aber auch einen neuen Mitarbeiter, der Kurdisch und Türkisch spricht und auch aus dieser Kultur kommt.
•Interview: Michael Rädel
SCHWULENBERATUNG BERLIN, NIEBUHRSTR. 59 60, DIE GRUPPE ZU PARTYDROGEN TRIFFT SICH IMMER FREITAGS UM 18 UHR, WWW.SCHWULENBERATUNGBERLIN.DE

