Von Alkohol über Sex bis hin zu Cannabis, GHB und Lean – der Mensch ist ein substanzgebrauchendes Wesen. Was in der schwulen Szene anders läuft, wo Chemsex anfängt und wo Hilfe hilft, ohne Abstinenz zu verlangen.
Was ist in der Szene anders?
Nicht die Substanzen, sondern ihre Orte und ihr Zweck. Konsum ist hier oft an Ausgehen gebunden, an Saunen, Klubs und Partys, und er ist häufiger als anderswo mit Sex verknüpft – nicht als Nebenwirkung, sondern als Absicht. Dazu kommt ein Umfeld, in dem Trinken und Kiffen zum Sozialleben gehören, weil die Szene über Jahrzehnte in Bars entstanden ist und nicht in Sportvereinen. Wer aufhören will, verliert deshalb schnell mehr als eine Substanz.
Wie verbreitet ist das?
Die größte deutsche Zahlenbasis stammt aus dem European MSM Internet Survey. Für die deutsche Teilstichprobe mit 54.387 Befragten lagen die Zwölf-Monats-Prävalenzen bei 34 Prozent für Amylnitrit, also Poppers, 18 Prozent für Cannabis, 13 Prozent für Potenzmittel, je 6 Prozent für Amphetamine und Kokain, 5 Prozent für Ecstasy, je 3 Prozent für GHB beziehungsweise GBL und Ketamin und je 1 Prozent für Crystal Meth und LSD. Die Lust- und Rausch-Studie der Aidshilfe NRW mit 1.044 Befragten fragte engmaschiger, nämlich nach den letzten 14 Tagen, und kam auf 46 Prozent Poppers, 24 Prozent Cannabis und je 11 Prozent GHB und Ecstasy; 11 Prozent hatten irgendwann Drogen injiziert. Beide Erhebungen sind über zehn Jahre alt und hier nach der Auswertung von Stöver, Deimel und Kolleg*innen für den Deutschen Suchtkongress 2017 wiedergegeben; eine aktuellere Erhebung dieser Breite ist öffentlich nicht zugänglich. Die Größenordnung stimmt trotzdem: Der weit überwiegende Teil dieses Konsums ist nicht Chemsex, sondern Poppers und Cannabis.
Warum konsumiert die Community mehr?
Weil sie mehr aushält. Eine Metaanalyse in der Fachzeitschrift Addiction hat 2025 die Daten von 304 Studien mit knapp 5,9 Millionen jungen Menschen zusammengefasst: Jugendliche und junge Erwachsene aus sexuellen Minderheiten konsumieren mehr – bei allen untersuchten Substanzen, von Alkohol (Odds Ratio 1,34) bis Heroin (4,63) – und sie fangen früher an (Mereish et al. 2025, Addiction; recherchiert über PubMed). Die Studienlage ist überwiegend nordamerikanisch.
Die Erklärung dafür heißt Minoritätenstress und stammt vom Sozialepidemiologen Ilan H. Meyer, der 2003 zeigte, dass nicht die sexuelle Orientierung krank macht, sondern die Umgebung, in der man sie hat (Meyer 2003, Psychological Bulletin). Gemeint ist die Dauerbelastung durch erlebte Diskriminierung, durch die ständige Erwartung, wieder abgelehnt zu werden, und durch verinnerlichte Ablehnung: Wer jahrelang hört, dass an ihm etwas falsch ist, glaubt es irgendwann selbst.
Für Deutschland lässt sich das an den Konsummotiven ablesen. Die Clubdrug-Studie von Daniel Deimel, Heino Stöver und Kolleg*innen hat 14 substanzkonsumierende Männer, die Sex mit Männern haben, in Berlin, Köln und Frankfurt am Main ausführlich befragt. Neben Sexualität und Feiern steht dort eine eigene Motivkategorie Problembewältigung, und darin: „Abbau sozialer Ängste“ und „gesteigertes Selbstwertgefühl“. Neun der 14 berichteten von Diskriminierungserfahrungen, sechs davon, Opfer von Gewalt geworden zu sein – zwei durch den eigenen Vater im Zusammenhang mit dem Coming-out (Deimel et al. 2016, Harm Reduction Journal; recherchiert über PubMed). Die Stichprobe ist klein und hoch belastet, zwölf der Männer lebten mit HIV: Prozentzahlen für schwule Männer lassen sich daraus nicht ableiten, Mechanismen schon.
Diese Belastung hat in Deutschland eine Aktenlage. §175 stellte gleichgeschlechtlichen Sex bis zum 11. Juni 1994 unter Strafe; allein zwischen 1945 und 1969 kam es in der Bundesrepublik zu 50.000 bis 60.000 Verurteilungen (Bundesfamilienministerium). Die Verfolgung endete nicht mit dem Krieg, sie wurde leiser. Substanzen haben in dieser Geschichte eine Funktion: Sie machen erträglich, was nicht erträglich sein müsste. Das ist keine Entschuldigung – es ist die Diagnose, ohne die jede Prävention an der Oberfläche bleibt.
Und es ist der Grund, warum sexuelle Gesundheit nach der Definition der Weltgesundheitsorganisation mehr ist als die Abwesenheit von STI: nämlich körperliches, emotionales, geistiges und soziales Wohlbefinden, frei von Zwang, Diskriminierung und Gewalt. Wer diesen Satz ernst nimmt, kann Konsum nicht mehr allein als individuelles Fehlverhalten behandeln.
Wo fängt Chemsex an?
Bei Sex zwischen Männern unter dem Einfluss von Substanzen, die unmittelbar vor oder während der Session konsumiert werden – so die gängige Definition, meist über Stunden oder Tage, meist verabredet über Apps. Häufig genannt werden Methamphetamin, Mephedron und GHB beziehungsweise GBL. Der Begriff beschreibt keine Diagnose, sondern eine Praxis – und darin liegt die Schwierigkeit jeder Debatte darüber: Wer Chemsex pauschal verurteilt, erreicht niemanden, der ihn praktiziert.
Was sagen die Zahlen zur Belastung?
Die breiteste deutsche Erhebung dazu ist der German Chemsex Survey mit gut tausend befragten Männern, veröffentlicht 2019 von der Katholischen Hochschule NRW, der Universität Duisburg-Essen, dem LVR-Klinikum Essen und der Deutschen Aidshilfe. Die Ergebnisse sind unbequem in beide Richtungen: 11 Prozent hatten Substanzen schon intravenös konsumiert, 15 Prozent berichteten von Gewalt beim Sex, 12 Prozent davon, ohne ihr Einverständnis Substanzen bekommen zu haben. 13 Prozent zeigten eine klinisch relevante Depression, 12 Prozent Anzeichen einer posttraumatischen Belastungsstörung, 54 Prozent kannten Suizidgedanken. Fast ein Viertel gab an, kaum Zugang zu sozialer Unterstützung zu haben (Auswertung in magazin.hiv). Die Erhebung ist von 2019, eine neuere in dieser Breite gibt es für Deutschland nicht.
Was daraus folgt, ist kein Argument gegen Chemsex, sondern eines für Angebote, die nicht erst helfen, wenn jemand aufhört.
Wo wird es gefährlich?
Bei der Dosierung von GHB und GBL, wo zwischen Wirkung und Bewusstlosigkeit wenig liegt. Beim gemeinsamen Benutzen von Spritzen, das Hepatitis C und HIV überträgt – PrEP schützt vor HIV, nicht vor Hepatitis C. Bei Wechselwirkungen mit HIV-Medikamenten, die man mit der Schwerpunktpraxis klären kann, ohne sich rechtfertigen zu müssen. Und in dem Moment, in dem Sex ohne Substanzen nicht mehr vorstellbar ist – in der Clubdrug-Studie berichteten Männer genau davon.
Die Versorgungslücke
Sie ist der eigentliche Skandal. Wer schwul ist und ein Konsumproblem hat, fällt zwischen zwei Hilfesysteme: Die Suchthilfe kennt die Szene nicht, die Aidshilfen sind keine Suchthilfe. Die Clubdrug-Studie fordert deshalb ausdrücklich, dass beide Systeme enger zusammenarbeiten und Angebote entwickeln, die sich an der Lebenslage und den Konsumkontexten der Klientel orientieren. Modellcharakter haben bislang wenige Einrichtungen, unter ihnen die Schwulenberatung Berlin, die Aidshilfe Köln und die Salus-Klinik Hürth. Für lesbische, bisexuelle und queere Menschen jenseits der MSM-Forschung ist die Lage noch dünner: Ein Projekt der Frankfurt University of Applied Sciences hielt 2018 fest, dass Drogenkonsum und Sucht bei Menschen nicht-heterosexueller Orientierung in Deutschland kaum erforscht sind.
Was kannst du konkret tun?
Wenn du konsumierst: Substanzen nicht mischen, Mengen abmessen statt schätzen, nicht allein konsumieren und jemandem sagen, wo du bist. Spritzen und Zubehör nie teilen, auch nicht im Rausch. Nach längeren Sessions Schlaf und Essen einplanen, und einen Testtermin auf STI gleich mit ausmachen.
Wenn du unsicher bist oder aussteigen willst: Die Deutsche Aidshilfe hat mit CheMP ein Selbsthilfeprogramm speziell für Chemsex, das man allein oder begleitet nutzen kann. Die Aids-Hilfen beraten, ohne Abstinenz zur Bedingung zu machen, und vermitteln Gruppen vor Ort. Beratung gibt es sofort, Therapie braucht Wartezeit – beides geht parallel.
Wenn du jemanden begleitest: Nicht drohen, nicht überreden. Erreichbar bleiben und die Nummer der Beratung kennen ist mehr wert als ein Ultimatum. Und im Notfall gilt: Rettungsdienst rufen und sagen, was konsumiert wurde – das ist keine Anzeige, sondern eine Information, die Leben rettet.
Service: CheMP – Chemsex-Selbsthilfe · aidshilfe.de · iwwit.de · schwulenberatungberlin.de · Telefonseelsorge 0800 111 0 111, rund um die Uhr und kostenlos

