Grafik: Salzgeber
Wenn Kino seine größte Stärke ausspielt – die Fähigkeit, fremde Leben für zwei Stunden ganz nah heranzuholen –, dann ist wieder „Queerfilmfestival“. Vom 10. bis 16. September zeigt das delphi LUX unter dem Motto „Die besten queeren Filme des Jahres“ insgesamt 18 Werke, die von zarter Romanze bis radikalem Experiment, von politischem Dokumentarfilm bis Glam-Trash-Noir reichen. Dass zahlreiche Regisseur*innen und Darsteller*innen persönlich zu Filmgesprächen erwartet werden, macht die Festivalwoche zusätzlich zu einem Ort der Begegnung.
Schon der Eröffnungstag setzt die Messlatte hoch. Den Auftakt macht Kuklas urbanes Balkanmärchen „Fantasy“, das einer Mädchenclique auf ihrem Weg zwischen Freundschaft und Selbstfindung folgt. Am Abend steht mit Pierre Le Galls „Flesh & Fuel“ ein in Cannes mit der Queer Palm ausgezeichnetes Trucker-Liebesdrama auf dem Programm – ein Film voller Wärme, dessen Regisseur anschließend mit dem Publikum ins Gespräch kommt.
Auch der Freitag verbindet Kino und Diskurs. Monika Treut präsentiert persönlich ihren Dokumentarfilm „Cooking up Democracy“, der die queere Aktivist*innenszene Taiwans porträtiert. Es folgt Helen Walshs bewegendes Liebesdrama „On the Sea“ über zwei walisische Muschelfarmer, begleitet von Hauptdarsteller Barry Ward. Später am Abend schlägt „Die Passion nach G.H.B.“ von Gustavo Vinagre und Vinícius Couto deutlich experimentellere Töne an – ein ebenso exzessives wie provokantes Chemsex-Kammerspiel.
Der Samstag widmet sich dem Erwachsenwerden, der Sehnsucht und dem Humor. In „Skiff“ entdeckt eine junge Ruderin ihre Gefühle für die Freundin ihres Bruders und beginnt, ihre Identität neu zu denken. „Maspalomas“ erzählt warmherzig von einem schwulen Rentner, der nach dem Verlust seines selbstgewählten Paradieses auf Gran Canaria um ein neues Zuhause kämpft. Den Abschluss bildet „Jim Queen“, eine in Cannes gefeierte Animationssatire, in der ein schwuler Fitness-Influencer gegen eine bizarre Heterosis-Epidemie antreten muss.
Am Sonntag spannt das Festival den Bogen von Filmgeschichte bis Gegenwart. Greta Schillers restaurierter Dokumentarfilmklassiker „Paris Was a Woman“ erinnert an die feministischen Ikonen der Pariser Rive Gauche. Mit „Iván & Hadoum“, ausgezeichnet mit dem Teddy Award, folgt die Geschichte eines verliebten Transmannes zwischen Klassenkampf und Selbstbehauptung. Danach bringt die britische Liebeskomödie „Departures“ Leichtigkeit ins Programm, bevor David Pablos' vielfach preisgekröntes Roadmovie „On the Road – En el Camino“ eine ebenso gefährliche wie sinnliche Affäre auf Mexikos Fernstraßen erzählt. Zu Wochenbeginn stehen zwei intensive Kammerspiele im Mittelpunkt. „Bearcave“ begleitet zwei junge Griechinnen, die sich gegen patriarchale Strukturen auflehnen, während Elliot Tuttles kontrovers diskutierter „Blue Film“ einen Cam-Sexworker auf eine schmerzhafte Reise in die eigene Vergangenheit schickt. Am Dienstag wird es düster und geisterhaft. Dean Francis' „Body Blow“ verbindet Krimi, Glamour und Noir zu einer schillernden Geschichte um Korruption und Begierde. In „Eine Matrosengeschichte“ von Kasper Kalle verschmelzen auf den Färöern Trauer, Geistergeschichte und queere Liebe zu einer atmosphärisch dichten Erzählung. Zum Abschluss richtet das Festival den Blick noch einmal auf die Vielfalt queeren Filmschaffens. Kristian Petersen präsentiert den siebten Teil der legendären Kurzfilmreihe „Fucking Different Generations“ und diskutiert anschließend mit dem Publikum. Den Schlusspunkt setzt Max Hegewalds „Free at Heart“, eine Coming-of-Age-Geschichte über zwei Jugendliche in Niedersachsen, deren Liebe sie zu einem lange verborgenen Familiengeheimnis führt. Auch Hegewald und Hauptdarsteller Linus Moog werden im Anschluss erwartet.
Das diesjährige „Queerfilmfestival“ setzt weniger auf eine einheitliche Ästhetik als auf größtmögliche Vielfalt. Zwischen politischen Dokumentationen, intimen Liebesgeschichten, schwarzem Humor, Horror, Animation und erotischen Grenzgängen entsteht ein Panorama queeren Kinos, das nicht nach Repräsentation als Pflichtübung sucht, sondern nach Geschichten, die überraschen, herausfordern und berühren. Genau darin liegt der Reiz dieser Festivalwoche: Sie zeigt queeres Kino nicht als Nische, sondern als einen der lebendigsten und experimentierfreudigsten Räume des zeitgenössischen Films.
Das 8. „Queerfilmfestival“ findet vom 10. bis 16. September in 13 Städten gleichzeitig statt und präsentiert die Vielfalt des internationalen queeren Kinos. queerfilmfestival.net
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