Foto: Daniel Dornhöfer
Judas war derjenige, der Jesus für 30 Silberlinge ans Kreuz lieferte. Über seine Motive wird bis heute spekuliert – aber meist gilt er schlechthin als „der Verräter“. Kann man ihn und seine Geschichte auch aus einer anderen Perspektive, seiner eigenen, betrachten? Darf man das?
Im erstaunlichen Theaterstück „Judas“ von Lot Vekemans darf man das. Das Kollektiv „MitGefühl“ zeigt das Solostück im Kulturhaus Frankfurt, mit Kevin Silvergieter, der Judas mit vollem Körpereinsatz spielt. Wir haben Silvergieter zum Interview getroffen und mit ihm über das Stück, seine Rolle als Verräter sowie seine Erfahrungen als Regenbogenpapa-Influencer und Schauspieler gesprochen.
Mir ist wie vielen anderen auch „Judas“ durch das Plakat aufgefallen, das in seiner Gestaltung an Covermotive von Lifestyle- oder Fitnessmagazinen erinnert; in Verbindung mit dem Titel „Judas“ kommt das schon ein bisschen provozierend rüber …
Na klar, natürlich. Es spiegelt aber das Stück selbst und auch mich auf der Bühne wider. Es geht um Provokation, ich lasse ja auch ein stückweit die Hüllen fallen, und mit der Stadt im Hintergrund geht es auch um die Beziehung des Stücks zur Neuzeit. Das Plakat zeigt eigentlich genau das, was wir spielen.
Ganz kurz in eigenen Worten: Um was geht es in dem Stück?
Oh, es ist schwierig, das kurz zu fassen … Wenn wir es nur aus der Perspektive der Autorin Lot Vekemans betrachten, dann geht es um Judas, den Verräter, der zurückkommt und seinen Verrat neu verhandeln will.
Wir haben zusätzlich noch eine Ich-Ebene mit reingebracht, also ich persönlich als Kevin werde miteinbezogen. Das hat sich während der Proben ergeben. Ich hatte gemeinsam mit meinem Mann als Influencer gearbeitet. Als wir unseren Blog nach sechs Jahren beendeten, bekamen wir einen echten Privatnachrichten-Shitstorm: „Wie konntest du nur, wir sind dir jetzt sechs Jahre gefolgt?“, „Verräter“ – ein völliges Missverständnis einiger Follower. Andrea, unsere Regisseurin, meinte, damit sei ich ja wie ein kleiner Judas. Also Kevin, der Instagram verraten hat. Und so wob sich das alles Stück für Stück zusammen. Am Ende haben wir dann auch Fragen gestellt: Wo sind Parallelen zwischen Glauben und Instagram? Früher ist man der Kirche gefolgt, heute folgt man Influencer*innen – warum? Wir haben viele, zusätzliche Fragen in den Raum geworfen, die im Stück so eigentlich nicht thematisiert werden, die aber trotzdem einfach mitschwingen.
Das Spannende ist, dass das Stück religionsübergreifend ist, gesellschaftsübergreifend und auch generationsübergreifend. Ältere Menschen lesen das eher auf der gesellschaftlichen oder religiösen Ebene, junge Menschen beziehen das total auf die Social-Media-Ebene – alle haben Ansätze, um sich selbst zu hinterfragen.
Man muss also nicht religiös sein, damit das Stück funktioniert?
Überhaupt nicht. Bin ich ja auch nicht. Ich bin zwar durchaus religiös erzogen worden, aber nie streng, mein Vater hat mir das so mitgegeben. Ich bin mit 20 aus der Kirche ausgetreten, weil mir die Kirche damals, vor 15 Jahren, als homosexueller Mann nicht viel gegeben hat. Als ich an das Stück rangegangen bin, hatte das für mich nichts mit einem Glauben zu tun, den ich irgendwie aufarbeiten will. Im Gegenteil: Ich fand das Stück spannend, weil dieser Antagonist ins Zentrum gesetzt wird, um dann zu schauen, wer ist das eigentlich als Mensch. Die Parallele zu mir hatte ich da überhaupt noch nicht im Blick, das entwickelte sich ja erst in den Proben. Man kann völlig unbedarft in das Stück reingehen, man muss auch nicht social-media-affin sein, weil man einfach diesen Zeitgeist im Stück mitbekommt und diesen Vergleich zwischen damals und heute. Durch die Fragen, die das Stück aufwirft, kommt ganz viel Verständnis für bestimmte Prozesse auf: Warum passieren bestimmte Dinge, warum hat Social Media so ein Stellenwert und warum haben wir uns so entwickelt, wie wir uns entwickelt haben?
Ihr spielt das das Stück in Frankfurt schon länger, seid aber auch ein bisschen in die letzte Corona-Phase gerutscht …
Ja, im Januar 2022 war die Premiere. Wir dachten damals, dass wir nach Corona richtig cool einsteigen könnten, aber dann war da noch die letzte Welle mit Maskenpflicht und der Theatersaal durfte nur zur Hälfte bestuhlt werden. Also ja, wir sind da voll reingerutscht. Wir spielen jetzt nochmal im Februar und im April 2023, dann schauen wir mal. Wir sind da offen für Weiteres. Im Kleinkunstbereich macht es nicht so viel Sinn, weit im Voraus zu planen. Das ist zumindest unsere Erfahrung.
Foto: Daniel Dornhöfer
Wie seid ihr da auf das Stück gekommen?
Sehr pragmatisch! Ich hatte nach meiner Elternzeit wieder Lust, Theater zu spielen. Ich war sechs Jahre zu Hause und für unsere Pflegekinder da. Mein Mann ist der Hauptberufstätige, so ist die Absprache.
Dann wollte ich wieder Theater spielen, und kam irgendwie nicht so rein, wie ich gerne wollte. Die Elternzeit bedeutete wirklich, raus zu sein. Ich konnte ja sechs Jahre keine große Produktion machen oder eben mal sechs Wochen am Stück spielen oder touren oder sowas. Die andere Überlegung war: Okay, wir haben noch End-Corona-Zeit, das heißt, es kommen nicht so viele Leute ins Theater; ich bin jetzt nicht geldgeil, aber ich möchte auch nicht mit Minus rausgehen. Also wäre eine Gage, die ich nicht mit allzu vielen Menschen teilen muss, ganz cool (lacht). Außerdem hatte ich auf eine Corona-Abstands-Inszenierung mit drei Metern Abstand voneinander keine Lust. Ich habe dann Andrea angeschrieben, eine ehemalige Schauspiel-Studienkollegin, die mittlerweile Regie macht, und habe sie gefragt, ob sie nicht Lust hätte, mit mir ein Stück zu machen. Und ich habe sie nach einem Solostück gefragt, sie hat mir sechs geschickt, die habe ich alle durchgelesen und „Judas“ hat mir am besten gefallen. Der Text, die Wortwahl, das hat mir zugesagt. Dann haben wir begonnen daran zu arbeiten, haben Kulturförderung beantragt, überlegt, an welchem Haus wir das zeigen, und dann haben wir mit Jana noch eine weitere ehemalige Studienkollegen dazu geholt. So entwickelte sich das dann Stück für Stück.
Eure Gruppe heißt „MitGefühl“ …
Ja, die haben wir zu Probenbeginn gegründet, Andrea, die Regisseurin, ich und Jana, die Dritte im Bunde. Judas ist das erste Stück unseres Kollektivs.
Zurück zu deiner Zeit als Influencer. Um was ging es in eurem Blog?
Das Thema unseres Blogs „papapi“ war, das Leben als Regenbogenväter zu beschreiben, das Leben als schwules Paar mit Kindern, die Vorurteile, mit denen wir zu kämpfen haben, aber auch, wie es mir als schwuler Vater zu Hause ging. Mein Mann ist der Hauptberufstätige und ich bin zu Hause geblieben und war für unsere Pflegekinder da. Wir wollten einfach aufklären; als Beispiel: „Pflegefamilie“ ist immer so negativ behaftet und es gibt so viele Vorurteile, die einfach nicht stimmen. Die Hauptfrage, die wir in all den Jahren immer wieder gestellt bekommen haben, war zum Beispiel, „wann müsst ihr die Kinder denn wieder abgeben“? Das ist die Frage für viele, die sich mit dem Thema nicht so auseinandersetzen, und das sind, behaupte ich jetzt mal, die Mehrheit der Menschen. Unsere Follower*innen waren zum großen Teil heterosexuelle Frauen und Mütter, die mussten sich mit dem Thema „Pflegekind“ nicht auseinandersetzen. Und genau darum ging es uns: Wir wollten andere Menschen in anderen Kreisen erreichen. Eines der schönsten Komplimente kam von einem heterosexuellen Vater, der schrieb, dass es ihm richtig peinlich sei, welches verstaubte Bild er von schwulen Männern hatte, wenn er sieht, wie wir reden, unsere Körperlichkeit, wie wir miteinander umgehen und so weiter. Wir haben die Kinder nie von vorne gezeigt, das war uns sehr wichtig, aber man hat natürlich den Umgang gemerkt, Und das war mit das schönste Kompliment, das wir bekommen haben.
Wie ist es dann zum „papapi“-Blog gekommen?
2015 kam unser Sohn, und dann bin ich da eher zufällig reingeschlittert. Ich hatte vorher als Flugbegleiter gearbeitet und ein Kollege, der selbst Eltern-Blogger ist, fragte mich, ob ich nicht Lust hätte, einen Gastartikel auf seinem Blog zu schreiben. Das hat mir Spaß gemacht und von dem Kollegen kam die Rückmeldung, dass die Leute das gerne lesen. Er fragte nach einer weiteren Gast-Kolumne – da habe ich dann aber lieber meinen eigenen Blog gestartet (lacht). Ich bin dann zu Instagram gewechselt, wo ein tägliches Ding draus wurde. Das war am Anfang vielleicht noch nicht so hochprofessionell, aber von den sechs Jahren waren es sicher drei Jahre, von dem ich wirklich sagen kann: Ich hatte eine richtig krasse Influencer-Tätigkeit.
Ein gewisses Sendungsbewusstsein war bei euch beiden also schon da?
Ich glaube, ich habe meinem Mann da ein bisschen mitgezogen, aber generell sind wir eher extrovertierte Typen, die gerne etwas erzählen und andere Menschen bewegen.
War das auch deine Motivation an #ActOut, dem seit 2021 veröffentlichten gemeinsamen Coming-out von Schauspieler*innen, teilzunehmen?
Ja, natürlich, das war für mich eine logische Konsequenz. Ich hatte mir als Schauspieler nie darüber Gedanken gemacht, was es bedeutet, als schwuler Mann in der Öffentlichkeit zu stehen oder auch, welchen positiven Impact das haben kann. Das habe ich erst mit „papapi“ gemerkt. Es kam häufig vor, dass junge schwule Männer geschrieben haben, eigentlich noch Jungs, 12 oder 13 Jahre alt. Ihre Messages hatten oft den gleichen Tonus: „Ich dachte, wenn ich mich outen würde, könnte ich niemals eine Familie haben, und dann habe ich euren Blog gefunden“. Ich hatte plötzlich diese Vorbildfunktion oder zukunftsweisende Rolle, die ich selbst als schwuler Junge nie hatte. Aber für diese Jungs, die unseren Blog gelesen haben, hat sich eine völlig neue Welt aufgegangen. Und das war schön zu sehen. Wir erreichen also nicht nur heterosexuelle Eltern, sondern wir hatten auch einen direkten Effekt. Bei den heterosexuellen Eltern ist es so, dass ich hoffe, dass sie ihren Kindern eine tolerante Lebensweise beibringen und vorleben, damit ihre Kinder es dann leichter haben, mit Homosexualität oder Schwulen umzugehen. Aber gab es auf einmal diesen Eins-zu-eins-Effekt, dieses Feedback der jungen Schwulen; für die haben sich echt Türen geöffnet. Und um zurück zu #ActOut zu kommen: Das war dann für mich als Schauspieler die Schlussfolgerung, mich nicht zu verstecken. Ich bin der öffentliche Mensch Kevin Silvergieter, der nicht nur bloggt oder jetzt eben nicht mehr bloggt, sondern ich bin auch Schauspieler und der Mensch, der für etwas steht. Und daher #ActOut.
Hast du vorher nie über dein Schwulsein im Zusammenhang mit deiner Schauspielerei nachgedacht, weil es im Showbusiness wirklich toleranter zugeht?
Ich würde schon sagen, dass es eher tolerierter ist. Ich muss aber auch sagen: Als ich mit der Schauspielerei angefangen habe, bin ich direkt ans Theater nach Mainz, und da war einfach die Medien-Aufmerksamkeit nicht so groß, dass ich jetzt in den Genuss gekommen wäre, über meine Homosexualität zu sprechen. Wir hatten in Mainz ein Jugendstück, „Tschick“ von Wolfgang Herrndorf, und die Rolle, die ich gespielt habe, war tatsächlich ein Schwuler, ein Russlanddeutscher, der sich im Stück outet. Im Anschluss an die Vorstellungen gab es Schülergespräche, und dann kam von den Kindern, die waren in der 8., 9. oder 10. Klasse, immer mal wieder die Frage „Ja, wenn du den spielst, bist du dann wirklich schwul“? Beim ersten Mal habe ich noch rumgedruckst, weil ich nicht so wusste. Der Regisseur meinte dann, dass ich beim nächsten Mal einfach mit ja antworten solle, ich müsse mich ja nicht verstecken. Klar! Ich kam damals gerade von der Schauspielschule, mit 24, und wusste noch nicht, wie man damit umgeht. Also ist das ok, ist das cool? Also habe ich in der nächsten Schülerrunde auf die Frager einfach mal mit „ja“ geantwortet und dann war Stille.
Ein Anliegen der #ActOut-Kampagne war auch, klar zu machen, dass man als homosexueller Schauspieler weniger oder andere Rollen angeboten bekommt.
Ja, dazu kann ich gar nicht soviel sagen, soweit bin ich noch nicht.
Foto: MitGefühl
Warum sollte man „Judas“ anschauen?
Wir glauben einfach viele Dinge anhand dessen, was uns beigebracht wurde. Und wir glauben heute einfach vieles, ohne es zu hinterfragen oder auch mal andre Sichtweisen miteinzubeziehen. Da fällt mir zum Beispiel auch das Thema Fake News ein. Oder eben Social Media. Wir schauen viel weniger nach rechts und links – und unser Stück „Judas“ bricht ein bisschen die Scheuklappen auf, um wieder mehr nach rechts und links zu schauen.
28. – 30.4, „Judas“ im Kulturhaus, Pfingstweidstr. 2, Frankfurt, 20 Uhr, www.kulturhaus-frankfurt.de, Infos auf Instagram
