Foto: Viktoriia Viter
Vorhang auf und Schock: Auf der Bühne steht ein Mann in Unterwäsche, Socken und Schuhen, mit einer in die Pospalte eingeklemmten Pfauenfeder. Der Mann spricht schrill und bewegt sich exaltiert, die Pfauenfeder wippt hektisch mit. Eine altbackene Karikatur eines Klischee-Schwulen? Zum Glück wird schnell klar: In der elitären Gesellschaft, um die es hier geht, sind alle exaltiert, schrill und kreischen rum. „The Importance of Being Earnest“, oft auch kurz „Bunbury“ genannt, heißt die Komödie von Oscar Wilde, die sich die Doppelmoral der Society-Konventionen vornimmt.
Foto: Seweryn Zelazny
Kurz die Story: Die beiden Freunde Jack und Algernon sind waschechte Dandys der britischen Society. Algernon lebt in London, Jack auf dem Land, Um ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen ab und an zu entkommen, führen sie ein Doppelleben: Algernon flüchtet sich aufs Land zum erfundenen kranken Freund Bunbury, Jack muss sich regelmäßig um seinen erfundenen Problem-Bruder Ernst in der Stadt kümmern. Das nennt man „bunburysieren“. Jack verliebt sich in Gwendoline, die nur einen Mann heiraten möchte, der Ernst heißt, Algernon verliebt sich in Jacks Mündel Cecily, das nur einen Mann heiraten möchte, der Ernst heißt. Jack und Algernon versuchen sich jeweils als Ernst auszugeben, was zu turbulenten Verwechslungen führt.
Michael Weber, künstlerischer Leiter des Theater Willy Praml, hat aus „Bunbury“ ein irrwitziges Spektakel gemacht, in dessen Fokus immer Oscar Wildes brillanter Text steht – ergänzt mit einer wahren Kostümschlacht, fliegenden Gender- und Rollenwechseln bis hin zu Slapstick-Akrobatik, bei der mitunter ein komplettes Tafelservice zu Bruch geht.
Foto: Seweryn Zelazny
Der eigentliche Clou an Webers Bunbury-Inszenierung ist aber der Kunstgriff, den Gerichtsprozess, in dem Oscar Wilde wegen homosexueller Handlungen zu zwei Jahren Zuchthaus verurteilt wurde, mit der Bunbury-Story über den gesamten Verlauf des Stücks einzuweben.
„Dieser Gerichtsprozess ist im Grunde wie eine Offenbarung“, erklärt Weber im GAB-Interview. „Bunbury für sich würde ich gar nicht machen! Oscar Wilde tritt im Prozess geschliffen auf, wie eine Oscar-Wilde-Bühnenfigur. Er hat eine Form an den Tag gelegt, ein Witz, einen Charme und eine Schlagfertigkeit, die sind wirklich fantastisch, wie er sich da durchschlägt und seine Kunst verteidigt“.
Damit wird auch Schwulenfeindlichkeit ad absurdum geführt.
Foto: Seweryn Zelazny
Alles gipfelt in einer virtuosen Schlussszene, in der nicht nur alle Oscar Wilde sind, sondern auch noch das mahnende Zitat von Rosa von Praunheim kommt: „Da die Schwulen vom Spießer als krank und minderwertig verachtet werden, versuchen sie noch spießiger zu werden, um ihr Schuldgefühl abzutragen mit einem Übermaß an bürgerlichen Tugenden“. Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt. Ganz großes Theater!
noch bis 30.5., „BUNBURY. Eine triviale Tragödie für ernsthafte Leute“, Theater Willy Praml, Waldschmidtstr. 19, Frankfurt, theaterwillypraml.de