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Thorsten Karl, geschäftsführenden Vereinsvorstand des QZ Wiesbaden, mit Bürgermeisterin Christiane Hinninger und Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende bei der Einweihung des neuen Queeren Zentrums Wiesbaden.
Nach vier Jahren Provisorium konnte das Queere Zentrum Wiesbaden am 9. Oktober die Einweihung seines frisch renovierten neuen Zuhauses feiern. Das neu bezogene Haus auf dem denkmalgeschützten Areal der Walkmühle liegt in Sichtweite des alten Treffs und bietet mit 260 Quadratmetern fast doppelt so viel Fläche wie zuvor – ein großer Schritt für das Queere Zentrum und das hochmotivierte Team. Wir haben mit dem geschäftsführenden Vereinsvorstand Thorsten Karl und mit Hera vom Team über den neuen Ort, Veränderungen und Zukunftspläne gesprochen.
Thorsten, wie wird sich das Queere Zentrum im neuen Gebäude gestalten?
Thorsten: Unsere Idee und unser Konzept war und ist ein bisschen anders als bei anderen Queeren Zentren. Schon allein wegen seiner Lage, ist das Zentrum mehr ein Rückzugsort oder ein Safer Space mit pädagogischer Begleitung.
In der Tat liegt das Gelände der Walkmühle nicht direkt in der Wiesbadener Innenstadt. Trotzdem haben die Menschen den Weg hierher gefunden?
Thorsten: Offiziell gehört es noch zur Innenstadt, obwohl hinter dem Gebäude eigentlich schon der Taunus beginnt. Wir haben in der Vergangenheit festgestellt, dass viel über Mund-zu-Mund-Propaganda läuft. Natürlich haben wir nicht die hohen Besuchendenzahlen wie zum Beispiel die Bar jeder Sicht in Mainz. Nichtsdestotrotz haben im vergangenen Jahr über 1.600 Besuchende den Weg zu uns gefunden.
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Die gudd Stubb im QZ Wiesbaden
Ihr setzt also mehr auf Vor-Ort-Beratung und Gruppentreffs?
Thorsten: Es gibt im Prinzip drei Arten von Veranstaltungen: Die mit pädagogischer Begleitung, dann die Treffen, die wir einfach so begleiten, und es gibt Gruppen, die den Raum nutzen, weil sie einen Safer Space brauchen.
Das Zentrum macht es eben auch möglich, dass Leute selbst etwas organisieren. So gibt es zum Beispiel eine Bastelgruppe, oder das FLINTA*-Frühstück, oder „Kuchen und Spiele“, was zwei Mal im Monat stattfindet. Da wird Kuchen gebacken und man sitzt hier zusammen und spielt Brettspiele, wir haben ja eine große Auswahl.
Seit gut eineinhalb Jahren trifft sich bei uns auch eine Gruppe queerer Geflüchteter. Das sind auch diejenigen, die nicht mehr in das Hilfsangebot der Aids-Hilfe für die Erstankommenden passen, weil sie inzwischen keinen Geflüchtetenstatus mehr haben, weil sie zum Beispiel eingebürgert sind. Sie treffen sich im Zentrum, zum einen, weil es ein sicherer Ort ist, und sie zum anderen queere Menschen kennenlernen können. Das ist total gut angelaufen, da kommen regelmäßig gut 20 Leute. Wir haben eine Umfrage gemacht, was ihnen wichtig ist, und dabei kam unter anderem raus, dass die nicht so gerne „Refugees“ genannt werden möchten, weil sie lieber nach vorne schauen wollen und nicht immer an ihre traumatische Fluchtgeschichte erinnert werden möchten. Wir werden das Treffen daher wohl „Internationales Wohnzimmer“ nennen. Ansonsten werden wir alle bestehenden Angebote weiterführen.
Gab es diese Gruppen schon vor dem Queeren Zentrum oder haben die sich gegründet, weil mit dem Queeren Zentrum die Möglichkeit geschaffen wurde, überhaupt eine Gruppe gründen zu können?
Thorsten: Ja, viele der Gruppen sind durch das Zentrum entstanden. Wir haben immer wieder Themen angestoßen und dann geschaut, wie sich das entwickelt, und dann schauen wir, ob sich aus dieser Gruppe nicht Personen finden, die die Gruppe weiterführen. Die Idee ist, dass man einen Ort gibt und ihn dann recht frei gestaltet.
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Bürgermeisterin Christiane Hinninger und Wiesbadens Oberbürgermeister Gert-Uwe Mende bei der Einweihung des neuen Queeren Zentrums Wiesbaden.
Wie sind die bereits bestehenden queeren Gruppen Wiesbadens mit dem Zentrum verknüpft?
Thorsten: „Warmes Wiesbaden“ ist zum Beispiel als Gruppe Vereinsmitglied des QZ Wiesbaden, genau wie die AIDS-Hilfe, die KANA-Jugendkirche und Pro Familia. Wir sind mit dem Umzug natürlich auch für diesen Kreis deutlich attraktiver geworden, zum Beispiel bietet sich unser neuer Veranstaltungsraum für Mitgliederversammlungen queerfreundlicher Vereine an. Es gab aber schon immer Kooperationen, zum Beispiel mit WAWI zum CSD oder im Jugendbereich.
Hera: Das funktioniert auch mit der AIDS-Hilfe gut. Da haben wir zu Beispiel ein TIN* Testangebot, speziell von tin* Personen für trans*, inter* und nicht-binäre Personen. Das verbinden wir dann hier mit einem Beratungsangebot für tin* Personen.
Thorsten: Es steht noch viel auf unserer Liste. Ich würde gerne etwas für ältere Schwule etablieren, ein Sonntagsfrühstück zum Beispiel.
Wir werden einfach fünf Dinge ausprobieren, davon werden drei wahrscheinlich nicht funktionieren. Dann machen wir die zwei und überlegen uns fünf neue, und so weiter, bis der Kalender voll ist.
Man kann aber auch ins Zentrum kommen, wenn man zu keiner Gruppe gehört oder keine Beratung sucht, sondern einfach nur, um sich zu treffen oder einen Kaffee zu trinken?
Thorsten: Ja, das geht auch! Unsere neuen Öffnungszeiten stecken gerade noch in der Entwicklung. Unabhängig von den Gruppentreffen hatten wir bislang montags und freitags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Das würde ich gerne erweitern.
Wieviele Festangestellte gehören zum Team?
Thorsten: Es gibt zwei Vollzeitstellen, also zusammen 80 Stunden, die auf drei Mitarbeiter:innen aufgeteilt werden. Im Moment sind es nur zwei, aber wir planen, im neuen Jahr die dritte Stelle wieder zu besetzen.
Wie finanziert sich das Zentrum?
Thorsten: Die Stadt finanziert uns, also den Verein; in diesem Jahr waren es 260.000 Euro. Die Gelder erschöpfen sich im Wesentlichen auf die Angestelltengehälter und die Miete. Der Rest wird durch Mitgliedsbeiträge, Spenden und Seminar-Honorare unserer Mitarbeiter:innen finanziert. Wir sind sehr stolz und glücklich, dass das Projekt von der Politik so getragen wird. Das alles hier ist nur möglich ist, weil es eine adäquate Förderung gibt. Dass es für queere Arbeit oder queere Jugendarbeit Förderung gibt, ist bundesweit eine absolute Seltenheit!
Hera: Umfragen zeigen, dass in diesem Bereich nur 5% adäquat finanziert sind, die meisten sind prekär finanziert, viel ist noch in rein ehrenamtlicher Hand. Und wir sind da sehr froh und hoffen, dass das auch ein Signal nach außen sendet, dass so eine Arbeit möglich und unterstützenswert ist.
Thorsten: Wir sind uns bewusst, dass wir privilegiert sind. Daher wollen wir unseren Veranstaltungsraum auch der Wiesbadener Stadtgesellschaft zur Verfügung stellen. Das heißt zum Beispiel, dass alle queer-freundlichen Institutionen den Raum zum Selbstkostenpreis nutzen können.
Die überwiegende Mehrheit der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung stand 2019 hinter dem Projekt. Und wir können zum Glück sagen, dass anders als die Landes-CDU, die kommunale CDU hier in Wiesbaden ziemlich queerfreundlich ist. Und da sind wir natürlich jetzt, angesichts der sich geänderten Mehrheiten, auch sehr froh und haben erstmal keine Angst um die Finanzierung. Obwohl die Stadt natürlich 200 Millionen Euro sparen muss. Uns wird es da wahrscheinlich auch treffen.
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Die Bibliothek des Queeren Zentrums Wiesbaden umfasst gut 2.000 Titel.
Es gibt noch eine zweite, große Veränderung für das Haus: es wurde bei der Eröffnung umbenannt – von „Haus Metzler“ in „Haus Vera“. Dazu gibt es eine interessante Geschichte!
Thorsten: Im Haus hatte die Familie Metzler gewohnt, denen gehörte auch die Textilfärberei der Walkmühle. Die Metzlers hatten Aufträge der NSDAP, und der Sohn der Familie war ein strammer Nazi.
Gleichzeitig lebte in der Nachbarschaft, am bisherigen Ort des Queeren Zentrums, die Familie Esch, die ein jüdisches Mädchen, Vera, in ihre Obhut genommen hatten und es versteckten. Dieses jüdische Mädchen wurde verraten. Wir können es nicht belegen, aber aus den Umständen nehmen wir an, dass der junge Metzler das Mädchen verraten hat. Das war 1943. Wir haben sehr viel recherchiert und rausgefunden, dass Vera nach Theresienstadt gekommen ist, als das Lager nicht mehr in Betrieb war. Sie hat überlebt und hat später in Wiesbaden einen amerikanischen jüdischen Soldaten kennengelernt und ist mit ihm nach New York gegangen. Zu ihrer Flucht hat sie später sogar eine Rede im Weißen Haus gehalten.
Wir haben Veras Tochter Stacey ausfindig gemacht! Sie ist inzwischen um die 70, lebt in Miami und wir stehen mit ihr in Kontakt. Wir haben sogar erfahren, dass sie eine lesbische Tochter hat.
Wir haben dann beschlossen, dass wir das ehemalige „Haus Metzler“ nach Vera Schweitzer umbenennen; es heißt also künftig „Haus Vera“. Stacey hat uns zur Eröffnung sogar eine Videobotschaft gesendet.
Wir planen für das neue Jahr im Queeren Zentrum eine große Ausstellung über das Leben von Vera Schweizer.
Das ist eine weitere Idee, zu sagen, wir bringen das Queere Zentrum noch ein bisschen weiter in die Stadtgesellschaft rein. Wir selbst wachsen jetzt hier auf dem Walkmühlen-Gelände in unsere neuen Aufgaben richtig rein und sind angekommen.
Queeres Zentrum, Bornhofenweg 9, Wiesbaden, qzwi.de