Foto: Martin JV Müller
Koordinierungsstelle Heidelberg
Pünktlich zum IDAHOBIT* 2021 hat die neue Koordinationsstelle LSBTIQ+ Heidelberg ihre Arbeit aufgenommen. Sie soll die Zusammenarbeit zwischen Stadt und Community weiter intensivieren, um eine gleichberechtigte Teilhabe aller Bürger*innen in Heidelberg zu stärken.
Die Stadt Heidelberg engagiert sich bereits seit einigen Jahren für LSBTIQ*-Rechte: 2016 wurde im Amt für Chancengleichheit der „Runde Tisch sexuelle und geschlechtliche Vielfalt“ gegründet, an dem rund 15 lokale Vereine, Organisationen und Initiativen aus der Community regelmäßig zusammenkommen und im Austausch zu LSBTIQ*-Themen mit der Stadtverwaltung stehen. Städtische Unterstützung erfahren außerdem verschiedene Community-Projekte wie das Queere Netzwerk Heidelberg, das jährliche Queer Festival, der Dyke-March Rhein-Neckar, PLUS Rhein-Neckar, die Trans*-Aktionswochen Rhein-Neckar oder die Aktionen zum IDAHOBIT*. Außerdem gehört Heidelberg seit 2020 zum Rainbow Cities Network (RCN), einem internationalen Netzwerk von über 30 Städten, die sich zu einer aktiven Politik für die Belange von LSBTIQ* selbst verpflichtet haben.
Wir haben Marius Emmerich, Kontaktperson der neuen Koordinationsstelle, interviewt.
Foto: Philipp Rothe
Koordinierungsstelle Heidelberg
Marius, die Stadt Heidelberg hat sich schon stark für die Chancengleichheit von LSBTIQ* engagiert. Was kann die Koordinationsstelle da noch verbessern und welche Projekte nimmst du als erstes in Angriff?
Das stimmt. Die Stadt Heidelberg hat in den letzten Jahren bereits viel erreicht. Aus dieser Arbeit ist die Koordinationsstelle LSBTIQ+ wirklich organisch gewachsen. Sie fungiert jetzt als sichtbarer Anlaufpunkt und als Dreh- und Angelpunkt, was LSBTIQ+ Projekte in Heidelberg angeht. Wir vernetzen und vermitteln, fördern und unterstützen und gehen natürlich auch aktiv selbst Projekte an. Durch die Koordinationsstelle können also zukünftig Vorhaben zur Gleichstellung von LSBTIQ+ in Heidelberg noch effektiver durchgeführt werden.
Natürlich befindet sich die Stelle noch im Aufbau, aber wir haben schon einige Prozesse gestartet und betreuen die bereits laufenden Projekte. Seit 17. Mai ist die Startseite unserer neuen Website www.heidelberg.de/lsbtiq online. Jetzt arbeiten wir daran, über den Sommer die Website mit Inhalten zu füllen. Ich möchte erreichen, dass Menschen, die Informationen oder Hilfe suchen – egal ob selbst LSBTIQ+, Familienangehörige oder allgemein Interessierte – unsere Website dazu nutzen können, um zu erfahren, woran die Stadt Heidelberg aktuell arbeitet, wo Menschen in Heidelberg Beratung finden, sich vernetzen oder wie sie sich weiterbilden können.
Dieses Jahr haben wir bereits direkt zum Start der Koordinationsstelle für mehr Sichtbarkeit im Stadtbild gesorgt und in der Stadtverwaltung ein neues Konzept für die Beflaggung an LSBTIQ+-Gedenktagen entwickelt. Zum IDAHOBIT* hingen jetzt gleich sechzehn Fahnen mit verschiedenen Motiven der Community in der Stadt. Neben der Regenbogenfahne gab es da auch die neue Progress Pride Flag, die Trans- und Interflagge und die Flagge für lesbische Sichtbarkeit. Und die Bi-Flagge ist bereits bestellt.
Zusammen mit dem Queer Festival Heidelberg zeigen wir seit dem 8. Mai die Ausstellung „Queer Is Not Anti“ als Plakataktion im Heidelberger Stadtbild und online unter www.queer-festival.de. Die Ausstellung zeigt zwölf ganz unterschiedliche Perspektiven darauf, was es heißen kann, LSBTIQ+ zu sein.
Auf die lange Sicht möchten wir es nämlich schaffen, LSBTIQ+ in Heidelberg mehr zum Querschnittsthema zu machen und die Vielfalt der in Heidelberg lebenden und arbeitenden Menschen spürbar und sichtbar zu machen. Wir wollen es schaffen, Diskriminierungen abzubauen und Menschen, die solche erfahren, zu unterstützen. Wir möchten darüber hinaus aber vor allem auch positive queere Narrative schaffen. LSBTIQ+ sollen sich in Heidelberg wohl und so willkommen fühlen wie eben alle Heidelberger*innen, und das geht nur durch positive Erlebnisse. Das Queer-Sein muss solange gemeinsam gefeiert werden, bis es irgendwann kein Thema mehr ist, queer zu sein. Bis dahin ist es noch ein langer Weg. Das wissen wir alle.
Längerfristige Projekte, die gerade bei uns dafür anlaufen, sind beispielsweise zu den Themen LSBTIQ+-inklusive Bildung und wertschätzende Sprache in der Stadtverwaltung. Um in Schulen LSBTIQ+-Themen zugänglicher zu machen, bietet PLUS Rhein-Neckar für uns in Heidelberg neben der Beratung auch Schulworkshops an. Seit diesem Jahr arbeiten wir zusammen mit einem inklusiven Vernetzungs- und Bildungsprojekt des Heidelberger Jugendtreffs, in dem auch unsere queere Jugendgruppe organisiert ist. Und das Thema Sprache gehe ich gemeinsam mit meinen Kolleg*innen im Amt für Chancengleichheit intersektional an – geschlechterumfassend und antirassistisch. Weil Heidelberg neben dem Rainbow Cities Network auch Mitglied im Europäischen Städtenetzwerk gegen Rassismus (ECCAR) ist, haben wir im Mai in Doppelfunktion bei einer UNESCO-Konferenz zur Inklusion von LSBTIQ+-Jugendlichen mitgewirkt, die im nächsten Frühjahr in die nächste Runde geht. Zum IDAHOBIT* gab es in Kooperation mit dem Queeren Netzwerk Heidelberg Aktionen vor Ort in Heidelberg und ebenfalls eine Aktion des RCN, an der wir uns beteiligt haben. Wir haben unsere Regenbogenfahnen mit unseren Partnerstädten Montpellier und Bautzen geteilt.
Zwei Fachtage sind aktuell in der Vorbereitung: der eine über den positiven Umgang mit Regenbogenfamilien, der andere zum Thema Out in der Verwaltung. Wir warten hierfür auf die richtige Zeit, um diese vor Ort in Heidelberg stattfinden lassen zu können. Wie bei vielen Dingen im letzten Jahr müssen diese nun stattdessen 2022 oder 2023 stattfinden. Mir wird es, wie man sieht, auf jeden Fall nie langweilig und es gibt immer etwas zu tun.
Was könnte man aus deiner Sicht als nichtbinäre Person für die Nonbinary-Community verbessern?
Nichtbinäre Geschlechtlichkeit ist in Deutschland aktuell noch ein Thema, mit dem sich viele Menschen nicht auskennen. Die problematische Gesetzeslage dazu ist viel diskutiert und – auch für mich persönlich – noch nicht optimal gelöst. Hier bin ich wirklich gespannt, was sich in den nächsten Jahren ergibt – vor allem was das Transsexuellengesetz (TSG) und die rechtliche Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt angeht. Und auch auf lokaler Ebene gibt es natürlich noch viel zu tun, sowohl in der Aufklärung der Gesamtgesellschaft als auch bei direkten Maßnahmen um nichtbinären, trans* und inter* Menschen den Alltag zu erleichtern. Bei der Stadt Heidelberg wurde ich diesbezüglich übrigens sehr offen empfangen. Im Rathaus gibt es seit letztem Jahr bereits ein WC für alle Geschlechter. Und wenn unser Amt im kommenden Jahr umzieht, wird das zweite bei uns im neuen Gebäude eröffnet. Das alles ist ein Prozess, der Zeit und Geduld braucht, so wie schon immer in der LSBTIQ+-Bewegung. Ich hoffe, dass ich durch meine Arbeit und Sichtbarkeit mithelfen kann, Hemmungen abzubauen und andere ermutige, offen damit umzugehen. Dass ich wünsche, nicht mit Herr oder Frau Emmerich angesprochen zu werden, irritiert vielleicht manche bei einem ersten Austausch, ist aber ja aber nichts weiter Schwieriges. Und bei lieb gemeinten, respektvoll gestellten Fragen beißt auch eine nichtbinäre Person nicht.
Die Koordinationsstelle agiert nicht nur koordinierend „im Hintergrund“, sondern soll auch für Bürger*innen offen stehen; in welchen Angelegenheiten kann man sich an euch wenden?
Ja, es ist uns ganz wichtig, klar zu machen, dass die Koordinationsstelle LSBTIQ+ ab jetzt für alle die Stelle sein möchte, an der die verschiedenen Heidelberger Verbindungen zu LSBTIQ+-Themen zusammenlaufen. Damit meine ich lokale, bundesweite und internationale. Wir koordinieren den Runden Tisch sexuelle und geschlechtliche Vielfalt in Heidelberg, stehen im Austausch mit einem ganzen Netzwerk aus kommunalen LSBTIQ+-Fachstellen in Deutschland und arbeiten mit dem Rainbow Cities Network. Gleichzeitig stehen wir bereit für alle Menschen in Heidelberg bei Fragen zu geschlechtlicher oder sexueller Vielfalt. Das gilt intern für die Stadtverwaltung und ihre Beschäftigten, für den Heidelberger Gemeinderat, für die lokale LSBTIQ+-Community und genauso für alle Mitbürger*innen. Hier vermitteln wir immer gerne. Dafür planen wir gerade die Einrichtung eines Newsletters. Alle neuen Infos erscheinen natürlich im Jahresverlauf auf unserer Website.
Warst du vor deiner jetzigen Tätigkeit auch schon für LSBTIQ+-Themen in Heidelberg engagiert?
Ja, ich habe in Heidelberg Sprachwissenschaften mit einem Schwerpunkt auf Sprache und Identität studiert und war früh schon ehrenamtlich aktiv, beispielweise viele Jahre beim Queeren Netzwerk Heidelberg. Dadurch bin ich schon gut mit der Community und den Heidelberger Aktivist*innen und Initiativen vernetzt.
Kontakt und Infos zur Koordinationsstelle LSBTIQ+ Heidelberg über www.heidelberg.de